Helfer des Geistes sein

Kirchenmitgliedschaft stabilisieren durch Glaubwürdigkeit

Rund 22,5 Millionen Menschen gehören einer der Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland an. Wenn ich international unterwegs bin, dann erregt diese hohe Zahl an Mitgliedern in der Regel Staunen. In Deutschland ist der Grundton meist ein anderer. Mehr Austritte als Eintritte, mehr Mitglieder sterben als neu geboren und getauft werden. Insbesondere wenn die neuesten Zahlen zur Mitgliederentwicklung bekannt gegeben werden, herrscht ein besorgter oder - noch mehr - pessimistischer Grundton vor.

Wie damit umgehen? Jedenfalls nicht mit Selbstberuhigung, aber genauso wenig mit Selbstzerknirschung. Selbstberuhigung wäre es, wenn uns der zu beobachtende Verlust an selbstverständlicher Weitergabe des Glaubens an die jüngere Generation kalt lassen würde, wenn wir uns mit der an sich ja richtigen theologischen Erkenntnis beruhigen würden, dass Christus als der Herr der Kirche für seine Kirche sorgen wird. Ja, der Heilige Geist, in dem wir Christus heute erfahren, ist die Kraft, die uns als Kirche immer wieder neu zusammenführt. Aber der Heilige Geist lässt sich eben gerne von uns helfen.

Sich mit theologischen Ausreden selbst zu beruhigen, wäre also falsch. Genauso falsch aber ist die Selbstzerknirschung. All das Engagement schlecht zu reden, mit dem haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schon jetzt versuchen, eine einladende Kirche zu sein, ist bestimmt nicht der richtige Weg.

Wer die heutigen Kirchenmitgliedschaftszahlen einfach mit denen nach dem Zweiten Weltkrieg vergleicht und daraus einen kontinuierlichen Verfall ableitet, übersieht einen wichtigen, ja entscheidenden Aspekt: Unsere Gesellschaft ist seitdem durch grundlegende Veränderungen gegangen. Wer damals aus der Kirche austrat, riskierte soziale Sanktionen. Heute können Menschen frei wählen, ob sie einer Religionsgemeinschaft angehören wollen oder nicht. Und das ist auch gut so, selbst wenn die für uns schmerzliche Konsequenz eines Kirchenaustritts damit verbunden sein kann. Dass heute knapp fünfzig Millionen Menschen in Deutschland aus Freiheit einer der verschiedenen Kirchen angehören, ist auf diesem Hintergrund alles andere als selbstverständlich und Anlass zur Dankbarkeit.

Was können wir tun, um unter den Bedingungen der Freiheit Menschen für die Kirche zu gewinnen, vielleicht sogar zu begeistern? Das wichtigste ist Glaubwürdigkeit. Wenn wir als Kirche die Liebe und die Freude selbst ausstrahlen, die so prägend für unsere Botschaft ist, dann müssen wir uns um unsere Zukunft keine Sorgen machen. Dort sein, wo wir gebraucht werden. Zugewandtheit zeigen, wenn Menschen sich an uns wenden. Persönlich und öffentlich für die Schwachen einstehen. Raum für Trauer und Klage geben. Und zugleich lebensfrohe Gemeinschaft sein und es zum Ausdruck bringen. Nicht verbergen, dass das alles aus der wunderbaren Botschaft des Evangeliums kommt, aus der wir leben. Dann erzählen wir von unserem Gott, der das Leben liebt, die Schwachen schützt und die Gewalt verachtet. So authentisch und öffentlich Kirche sein - 500 Jahre nach der Reformation. Das hat Zukunft.

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Heinrich Bedford-Strohm ist EKD-Ratsvorsitzender, bayerischer Landesbischof und Herausgeber von zeitzeichen

Heinrich Bedford-Strohm

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