Vielschichtig

Sammelband zu Manfred Stolpe
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Über das Verhältnis Stolpes zu Staat und Staatssicherheit ist in den zurückliegenden Jahrzehnten viel diskutiert worden. Dieses Buch lässt unterschiedliche Positionen zu Wort kommen

Und wer kennt ihn schon wirklich?“ fragt Matthias Platzeck in seinem Beitrag für den vor kurzem erschienenen Sammelband zum 80. Geburtstag seines Amtsvorgängers als brandenburgischer Ministerpräsident. Und dass es tatsächlich ein Ding der Unmöglichkeit ist, den facettenreichen Menschen, Juristen, Kirchenfunktionär, Netzwerker und Politiker Manfred Stolpe wirklich zu kennen, wird schnell deutlich.

Um so bemerkenswerter ist das gelungene Bemühen des Herausgebers Ulrich Schröter, Oberkonsistorialrat unter Stolpe und zu dessen Zeit als Ministerpräsident Beauftragter der evangelischen Kirchen bei den Ländern Berlin und Brandenburg, sowie seiner Mitstreiter – Hans Otto Bräutigam, Karl-Heinrich Lütcke und Gerburg Thunig-Nitter – um eine multiperspektivische und differenzierte Annäherung an die Person und ihre Wirkungsfelder.

Sie vollzieht sich anhand von Erinnerungen ausgewählter Weggefährten Stolpes aus Kirche und Politik. Bei fast allen von ihnen wird für den Leser unmittelbar der prägende Eindruck spürbar, den eine markante Persönlichkeit der Zeitgeschichte bei den Autoren hinterließ. In nur wenigen Beiträgen tritt Stolpe in den Hintergrund, in Richard Schröders – freilich äußerst lesenswerten – Text über den Koalitionsbruch der letzten DDR-Regierung 1990 findet Stolpe sogar keine Erwähnung. Den Erinnerungen der Weggefährten vorangestellt ist ein von Friedrich Winter verfasster – bis zum Wechsel Stolpes in die Politik 1990 reichender – biografischer Überblick. Das Erinnerungsmosaik gliedert sich im Wesentlichen anhand der Lebensstationen Stolpes: als Leiter des Sekretariats des Bundes der evangelischen Kirchen in der DDR (1969–1981), als Ost-Berliner Konsisorialpräsident (ab 1982), als wichtiger Akteur 1989/1990, als Ministerpräsident (ab 1990), als Bundesminister (2002–2005) und als Privatier. Ergänzende Kapitel würdigen zudem hiermit in Verbindung stehende und angrenzende Aspekte im Leben und Wirken Stolpes: die Förderung der Diakonie, die Verbundenheit zur preußischen Tradition, den Einsatz für die Ökumene, Menschenrechte, deutsch-deutsche wie deutsch-osteuropäische Kontakte und die Unterstützung von Bedrängten in der DDR.

Dabei greift ein Kapitel diejenige Problematik explizit auf, die mindestens implizit in einem nicht geringen Teil der Beiträge zur Sprache kommt: „Der Diplomat – Gespräche mit dem Staat im Interesse der Kirche“. Über das Verhältnis Stolpes zu Staat und Staatssicherheit ist in den zurückliegenden Jahrzehnten viel diskutiert worden – und das Buch lässt tatsächlich unterschiedliche Positionen zu Wort kommen: Anklagende Worte, die es an anderer Stelle durchaus auch gab, finden sich nicht.

Doch reicht das Spektrum vom Abtun seiner Kritiker als „politische Besserwisser“, so Gerhard Lange, bis zu Rainer Eppelmanns Einschätzung: „Hier hat er sicher manche Grenze erreicht und – so will es mir scheinen – auch überschritten.“ Der differenzierteste Beitrag hierzu stammt von Heino Falcke, der zur Kernfrage vorstößt, nämlich: „Wie sich der Dienst der Kirchenpolitik zu dem der Kirche aufgegebenen Dienst der öffentlichen Verkündigung der Wahrheit des Evangeliums verhält“.

Die nachdenklichen und bisweilen vermittelt kritischen Töne stehen dabei nicht im Widerspruch zum Gesamtbild einer Persönlichkeit, die in unterschiedlichen Situationen fähig war zu gestalten – am liebsten, wenn „alle Bälle in der Luft“ waren – und Menschen Mut zu machen. Dies macht der Sammelband eindrücklich deutlich.

Tilman Asmus Fischer

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