Bemerkenswert

Spiritualität heute
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Die östlichen Bundesländer sind immer noch die am wenigsten religiöse Region der Welt.

Das Thema Spiritualität liegt seit einigen Jahren im Trend. Immer wieder wird die Frage gestellt, ob es sich dabei um ein Phänomen handelt, das lediglich in den Feuilletons existiert. Dazu kommen Vorbehalte – gerade von Seiten der wissenschaftlichen Theologie – im Hinblick auf die Unbestimmtheit des Begriffs. Angesichts dieser Situation wächst der Wunsch nach verlässlichen empirischen Daten.

Das vorliegende Buch antwortet auf dieses Forschungsdesiderat. Heinz Streib und Barbara Keller, als Professor und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Religionspsychologie/Biographische Religionsforschung an der Universität Bielefeld tätig, dokumentieren und interpretieren die qualitativen und quantitativen Ergebnisse einer dort von 2009 bis 2012 durchgeführten Studie zu Semantik und Psychologie von Spiritualität in Deutschland. Die Studie war Teil eines Forschungsprojekts, das parallel zu Bielefeld an der University of Tennessee at Chattanooga in den USA durchgeführt wurde.

Der deutsche Teil der Studie umfasste 773 Fragbogenbeantwortungen und 48 Faith-Development-Interviews. Im Zentrum des Buches steht die Aufarbeitung und Präsentation von zehn Fallstudien. Jeweils zwei der Interviewten werden aus folgenden Gruppen vorgestellt: der Gruppe der „mehr Religiösen als Spirituellen“, der „ebenso Religiösen wie Spirituellen“, der „mehr Spirituellen als Religiösen und Non-Theistischen“, der „mehr spirituellen AtheistInnen und NontheistInnen“, der „weder Religiösen noch Spirituellen“. Die Konzentration auf den Einzelnen ist von den Autoren gewollt und gibt dem Buch nicht nur Farbe und Plastizität, sondern macht es auch zu einer anregenden Lektüre.

In den vorangehenden Kapiteln werden die Ergebnisse des quantitativen Teils der Umfrage im Hinblick auf die Semantik von Spiritualität, den Zusammenhang von Spiritualität und Mystik, von Spiritualität und religiöser Entwicklung und von Spiritualität und Offenheit für Erfahrung vorgestellt. Wichtigste Einsicht daraus ist für die Autoren, dass es ein aus der Stellung zu Mystizismus und Offenheit für Erfahrung gebildetes Koordinatensystem erlaubt, Spiritualität, deren Semantik und die auf Spiritualität bezogenen religiösen Stile graphisch darzustellen. Allerdings drängt sich die Frage auf, ob der vage und in Deutschland negativ konnotierte Begriff „Mystizismus“ hilfreich ist.

Die Ergebnisse der Studie sind zum Teil nicht neu, an einigen Stellen aber weiterführend. Die östlichen Bundesländer sind immer noch die am wenigsten religiöse Region der Welt, wobei die Zahl der Nichtspirituellen noch etwas höher als die der Nichtreligiösen liegt. Bemerkenswert ist, dass sich die Prozentanteile der „mehr Spirituellen als Religiösen“ unter den Atheisten in Ost- und Westdeutschland nicht gravierend unterscheiden. Insgesamt scheint im Osten wie im Westen „Spiritualität“ an Attraktivität gewonnen zu haben. Allerdings zeigt die Befragung, dass in Deutschland Spiritualität als Selbstattribution weit hinter Religiosität rangiert – im Gegensatz zu den USA, wo vier von fünf Befragte sich als „spirituell“ bezeichnen. Deutsche Befragte, für die Spiritualität ein positiver Wert darstellt, zeichnen sich durch Offenheit für (mystische) Erfahrungen und durch einen dialogbereiten, xenosophischen religiösen Stil aus.

Vor allem lässt das Ergebnis der Studie aufmerken, wonach es eine signifikante Anzahl von Atheisten gibt, für die „spirituell“ eine attraktive Selbstbezeichnung darstellt. Wissenschaftlich nur begrenzt brauchbar, könnte der Begriff „Spiritualität“ sich als heuristische Kategorie erweisen, die es Atheisten möglich macht, Alltagserfahrungen horizontaler Transzendenz zur Sprache zu bringen.

Peter Zimmerling

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