Musikalische DNA

Neue Schütz-Gesamtaufnahme
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Es ist verwunderlich, dass es bisher noch keine komplette Gesamtaufnahme der Werke von Heinrich Schütz gibt. Diese entsteht seit knapp zehn Jahren, jetzt ist die erste Box erschienen

Der Name sagt eigentlich alles: „Vater unserer deutschen Musik“ – so wurde er schon zu Lebzeiten genannt und in der Tat ist die Bedeutung von Heinrich Schütz kaum zu überschätzen. Der 1585 Geborene hatte Glück, dass sein überragendes Talent frühzeitig erkannt wurde. Er genoss eine hervorragende Ausbildung, zunächst am Hof des hessischen Landgrafen Moritz. Dann reiste er als Mittzwanziger mehrere Jahre nach Venedig (1609–12), damals das Mekka der europäischen Musik, wo er bei Giovanni Gabrieli studierte. Danach war er über ein halbes Jahrhundert Hofkapellmeister am Dresdner Hof.

Heinrich Schütz gebührt das große Verdienst, die alte motettische Tradition mit der neuen, um 1600 in Italien entstandenen Musizierpraxis des Generalbasses verbunden und dabei wie kein Zweiter die deutsche Sprache musikalisch erschlossen zu haben. Es ist verwunderlich, dass es bisher noch keine komplette Gesamtaufnahme seiner Werke gibt. Diese entsteht nun aber seit knapp zehn Jahren, und jetzt ist die erste Box mit elf CDs erschienen. Der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann hat die zurzeit besten deutschen Solisten und Instrumentalisten um sich gesammelt und trifft mit ihnen in wunderbarer Weise den besonderen Gestus, den es braucht, um Schütz zum Erlebnis werden zu lassen und jenes klingende Parlando zu schaffen, das Wort und Musik zu einer Einheit verschmelzen lässt, einer Einheit, „die mehr ist als die Summe ihrer Teile“, wie Oliver Geisler im lesenswerten Booklet schreibt.

Am Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Motetten von Heinrich Schütz, insbesondere seine Sammlung „Geistliche Chormusik“, in der deutschen Kantoreipraxis wiederentdeckt, ja, sie wurden fast wieder eine Art musikalische DNA evangelischer Kirchenmusik, und ich bin unendlich glücklich darob, mit derselben aufgewachsen zu sein. Seit gut zwanzig Jahren sind wieder verstärkt andere Entwicklungen prägend, und insofern scheint diese Gesamtaufnahme erst einmal nicht im Trend zu liegen. Umso kostbarer aber, dass sie entsteht und dass Rademann und die Seinen mit Akribie, Virtuosität und großem innerem Verständnis das Schaffen des Vaters der deutschen Musik am Beginn des 21. Jahrhunderts gültig niederlegen. Nicht zuletzt deswegen, weil Schütz wie kein anderer den Text der Bibelübersetzung Martin Luthers zu Klang werden ließ. Insofern ist dieser neue Schütz das Projekt zum Reformationsjubiläum 2017 und schon allein aus diesem Grunde ein Muss.

Reinhard Mawick

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