Danke, aber langsam nervt’s

Ich habe Theologen volle Rotze beleidigt. Und sie bedanken sich dafür.
Foto: Privat
Ihr wisst es doch! Ihr wisst doch, dass diese Sprache unehrlich ist, obwohl sie echt sein sollte. Immer dieses Gerede um den heißen Brei.

Ich habe ein Buch geschrieben. Eine launige Streitschrift über die Kirche und ihre verkorkste Sprache. Es wurde zum Spiegel-Bestseller. Danke dafür, aber so langsam nervt’s. Es nervt, weil ich theologisiert werde. Was mich bewegt, wie ich mich fühle, was mich antreibt und ob ich Lust habe, die Kirche zu retten, sind Fragen, die mir gestellt werden. Schlimmer noch sind Artikel über diese Fragen und mich, ohne mit mir gesprochen zu haben. Theologinnen und Theologen fühlen sich in meinen Text hinein. Sie überprüfen, was es mit ihnen macht, einfach mal volle Rotze beleidigt zu werden. Man ahnt es schon, sie wollen sich dafür bedanken. Wofür genau? „Endlich spricht es einer aus!“ – Wie oft ich diesen Satz nun schon gehört habe. Ich finde ihn beinahe schrecklicher als das ganze Kirchen-Bla-Bla, das ich kritisiert habe. Dieser Satz ist so schrecklich, weil er Erleichterung darüber ausdrückt, dass man selbst nicht mehr sagen muss, was man denkt. Meine Rückfrage lautet: Warum hat eigentlich kein anderer das Buch geschrieben? Ihr wisst es doch! Ihr wisst doch, dass diese Sprache unehrlich ist, obwohl sie echt sein sollte. Immer dieses Gerede um den heißen Brei. Wenn nur ich es so empfinden würde, aber ihr tut es ja selbst. Eine Freundin im kirchlichen Dienst berichtete mir neulich aufgebracht von einer Kollegin, die ihren Job verloren hat. Sie sprach mit einer anderen Theologin über diesen persönlichen Rückschlag. Deren Sätze brachten sie fast zum Durchdrehen: „Sie nimmt die Arbeitslosigkeit jetzt als besondere Zeit für sich. Da kann sie sich ja auch nochmals ganz intensiv neu und anders erleben. Das muss man dann als Geschenk annehmen.“ Der Gedanke meiner Freundin: „Warum können die nicht einfach mal sagen, dass arbeitslos sein scheiße ist, weil man seine Wohnung verliert?!“ Wie Recht sie doch hat, es nervt. Es nervt total, weil es so glitschig ist. Immer soll man irgendwas erfühlen und erspüren. Den ganzen Driss für sich als besonders annehmen, weil jede Erfahrung wertvoll ist. Ich frage mich, ob Jesus auch am Kreuz hing und sich dachte: „Gut, dass ich jetzt am Kreuz hänge, weil da kann ich mich nochmal ganz anders selbst spüren. Das ist eine ganz wichtige Erfahrung für mich.“ Ich erinnere mich an ein kirchliches Seminar mit Körpererfahrungseinheiten früh morgens vor dem Frühstück. Ich musste durch einen Raum tanzen, um Rhythmen zu erspüren. Nach dem Frühstück kam dann der Stuhlkreis und die Frage: „Was hat das mit Dir gemacht?“ Meine Antwort war „zornig“. Ich meinte damit, dass ich die Methode schrecklich fand und die Uhrzeit eine Zumutung. Leider wurde es wie immer missverstanden. „Der Zorn ist ja auch ein starker Antrieb in Dir. Den solltest Du für Dich annehmen und wahrnehmen lernen.“ Nein, will ich nicht, ich hab diesen Zorn nämlich nur wegen Deiner Methode! Ich frage mich, wie ich dem entkommen kann. Ich habe schon oft auf den Tisch gehauen und gesagt, dass ich eine Methode nicht will. Die Entgegnung war nie eine Auseinandersetzung mit meinem authentischen Widerwillen. Stets wurde meine Aussage psychologisiert. Aber genau darum geht es mir: Ich will nicht in der Kirche zwangspsychologisiert werden. Wenn ich das brauche, dann gehe ich zum Therapeuten und nicht ins christliche Bildungshaus. Auf eines allerdings konnte ich mich verlassen: Danach, irgendwann, heimlich, haben die anderen mir auch gesagt, wie schrecklich sie die Methode fanden. Offen beigesprungen ist mir keiner. Ein Schelm, wer Feigling denkt! Ein Freund von mir ist gerade Gemeindepfarrer geworden. Er musste zu einer Schulung und veröffentlichte auf Facebook ein Bild einer gestalteten Mitte. Das reichte aus, um kirchliche Mitarbeiter aus allen Himmelsrichtungen zu zynischen und spottenden Kommentaren zu motivieren. Das macht mich kirre. Denn im Seminar selbst schweigen alle dazu und ertragen es. Eigentlich gehört schon längst der Aufstand dagegen auf die Tagesordnung. Ich habe ein Buch geschrieben. Eine launige Streitschrift über die Kirche und ihre Sprache. Es ist ein Spiegel-Bestseller geworden, weil man jetzt wieder heimlich darüber lachen kann, welcher Quatsch in der kirchlichen Kommunikation gemacht wird. Man kann das Buch verschenken und darüber reden, was der Flügge sagt. Der Grund für den Erfolg ist, dass nicht nur der Flügge sagt, sondern so viele selbst denken und fühlen, dass dieser Theologensprech unangenehm und zuweilen sogar übergriffig ist. Nur das auszusprechen traut sich wieder keiner. Langsam nervt’s! —-— Erik Flügge, Jahrgang 1986, ist Geschäftsführer der Beratungsfirma Squirrel & Nuts. Er berät Politiker und Parteien bei der Kommunikation sowie Städte und Gemeinden bei der Entwicklung von Partizipationsprojekten. Im Mai erschien im Kösel-Verlag sein Buch „Der Jargon der Betroffenheit: Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt.“

Erik Flügge

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