Straßenköter

„We Can Do Anything“
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Die Band knüpft an ihre Anfänge an und liegt wieder komplett neben dem Zeitgeschmack. Gut so.

Präzision und Radikalität der Geste waren immer schon das schärfste Instrument der Violent Femmes und sind es auch auf dem offiziell neunten Album. Sie begannen als Straßenband. Vielleicht ist das ein Grund dafür. Ihr Mix von Straßenköter-Rock’n’Roll, Stop and „Go Stomp“, Country, Blues und wuchtig verdichtetem, mitunter auch gefühligem Folk kommt so unbekümmert wie versiert daher, zugleich filigran und immens perkussiv.

Ein Drucksound, der die Livekraft der 1981 in Milwaukee gegründeten US-Band spürbar macht. Dem Trio-Konzept blieben sie stets treu: akustischer Bass, geschrubbte Gitarre und Standschlagzeug, dazu der unschuldig-sinistre Gesang Gordon Ganos. Drummer Victor DeLorenzo ist nicht mehr dabei. Seinen Part hat aktuell Brian Viglione, der schon für die Art-Punks The Dresden Dolls und bei den Nine Inch Nails trommelte. Gano und Bassist Brian Ritchie repräsentieren nun also als Bandkern ihre lange Geschichte, in der sie die Bläsersektion der „Horns of Dilemma“ in wechselnden Besetzungen mit saftigem Jazz-Noise begleiteten. Das „Horns of Dilemma“-Mitglied Jeff Hamilton hat „We Can Do Anything“ auch produziert. Pralle dreißig Minuten mit zehn Songs, die an die ersten Violent Femmes-Scheiben und legendäre Songs wie „Blister in the Sun“, „Add it up“, „Gone Daddy Gone“ oder „Black Girls“ anknüpfen.

Der Witz ihrer Texte war melancholisch-heiter, angriffslustig, verloren-hintersinnig, ihre Wut drastisch, zugleich nackt, fast naiv. So schlugen sie mit postpubertärer Weinerlichkeit und Sarkasmus scharf um sich, ironisch, dann wieder tastend, nahezu sanft. Das hatte Stil, lag wegen der Musik aber völlig neben jener Zeit, denn die prägten New Wave und politisch radikaler Hardcore-Punk. Insofern mag es im Rückblick erstaunlich erscheinen, dass man damals in ruppigen Straßenkämpfer-WGs, wo Bands wie Hüsker Dü oder Black Flag-Sänger Henry Rollins die Geschmackshoheit hatten, auch auf die Violent Femmes-Album traf, die ganz selbstverständlich und gekonnt mit Banjo, Violine und Xylophon hantierten. Aber schlüssig war es doch – wegen der Präzision und Radikalität der Geste. Die Violent Femmes firmierten als Punk, den sie zwar nie spielten, mit ihrer hochkonzentrierten Landei-Musik aber verkörperten.

Und da war das gewisse kreative Etwas: Baptistenpredigersohn Gano, der später mal mit Gospelband auffiel, hatte fraglos Charisma. Der Schlagzeugminimalismus von DeLorenzo trieb gehörig an, und Bass-Schlaks Ritchie mit Vorliebe für Free Jazz und Ponchos war ein Feuerwerk für sich. Er und Ritchie knüpfen nun an die Anfänge an und liegen wieder komplett neben dem Zeitgeschmack. Taten wir doch immer, sagt Ritchie, und empfanden deshalb auch nie irgendeine Verpflichtung, auf dem Laufenden zu sein. Auch jetzt nicht. Ein Versprechen, das „We Can Do Anything“ souverän hält.

Udo Feist

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