„Gut, dass es die Kirche gibt“

Aktuelle Studien zeigen: Die religiöse Einstellung der Konfirmanden ist stabil
Konfirmationstorte Foto: epd/ Falk Orth
Konfirmationstorte Foto: epd/ Falk Orth
Zum zweiten Mal nach 2009 wurde 2014 eine bundesweite Untersuchung zur Konfirmandenarbeit in Deutschland durchgeführt. Einer der Verantwortlichen, Friedrich Schweitzer, Professor für Praktische Theologie in Tübingen, stellt die wichtigsten Ergebnisse vor.

Zum zweiten Mal nach 2009 wurde 2014 eine bundesweite Untersuchung zur Konfirmandenarbeit in Deutschland durchgeführt. Einer der Verantwortlichen, Friedrich Schweitzer, Professor für Praktische Theologie in Tübingen, stellt die wichtigsten Ergebnisse vor.

Mit der Auswertung der Ergebnisse der zweiten Konfirmandenstudie besteht nun erstmals die Möglichkeit, Entwicklungen und wichtige Veränderungen in diesem Bereich, der nach wie vor zu den größten pädagogischen Angeboten der evangelischen Kirche gehört, im Zeitvergleich zu identifizieren. Dies ist ein bemerkenswerter Schritt, mit dem die empirische Forschung im kirchlichen Bereich zu anderen Studien im staatlichen Bereich zumindest ein Stück weit aufschließen kann. Dabei verspricht die Studie auch besonders differenzierte und verlässliche Befunde.

Befragt wurden neben haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden mehr als 10?000 Konfirmandinnen und Konfirmanden. Das sind weit mehr als beispielsweise die 701 Evangelischen im Alter zwischen 14 und 29 Jahren, die bei der letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung befragt wurden. Auch über die üblichen Jugendstudien geht die vorliegende Untersuchung weit hinaus (bei den Shell-Studien werden etwa 2500 Jugendliche befragt). Zudem wurden die Konfirmandinnen und Konfirmanden nicht nur einmal, sondern zweimal befragt – am Beginn und gegen Ende der Konfirmandenzeit. Nicht zuletzt ist die neue Konfirmandenstudie in ein international-vergleichendes Projekt eingebunden, an dem insgesamt neun europäische Länder beteiligt sind.

Nach wie vor besuchen die allermeisten evangelischen Jugendlichen im entsprechenden Alter den Konfirmandenunterricht. Der Anteil aller 14-Jährigen in Deutschland, die sich konfirmieren lassen, liegt stabil bei etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung in diesem Alter. Betrachtet man hingegen die absoluten Zahlen, so macht sich der demographische Wandel stark bemerkbar. Allein in den fünf Jahren zwischen den beiden Untersuchungen ging die Zahl der Konfirmandinnen und Konfirmanden um etwa zehn Prozent zurück. Bemerkenswert ist hier, dass die absoluten Zahlen in diesem Zeitraum in Ostdeutschland dagegen um etwa zehn Prozent zugenommen haben. Da der prozentuale Anteil dort gleich geblieben ist, kommt darin vor allem ein positiver demographischer Wandel zum Tragen.

Angesichts der noch immer weit verbreiteten Säkularisierungserwartungen und einer anhaltenden Diskussion über die nachlassende religiöse Sozialisation kommt den Befunden zu den religiösen Einstellungen der Jugendlichen besondere Bedeutung zu. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass die Veränderungen über die fünf Jahre zwischen den beiden bundesweiten Studien hinweg vielfach sehr gering ausfielen. Bei den religiösen Einstellungen überwiegt in den allermeisten Hinsichten der Eindruck hoher Stabilität und Kontinuität. Bei fast allen Fragen zu religiösen Einstellungen – beispielsweise: „Es ist für mich wichtig, zur Kirche zu gehören“ oder „Auf die Fragen, die mich wirklich bewegen, hat die Kirche keine Antwort“ – ergeben sich im Vergleich der Befunde von 2007 und 2014 nur geringe Veränderungen. Einzige Ausnahme ist die Zustimmung zu der Aussage, dass einem der „Glaube in schwierigen Situationen“ hilft. Diese Zustimmung ist deutlich gewachsen. Das spricht jedenfalls gegen eine wachsende Distanz zum Glauben.

Diese Einschätzung wird durch die Einstellungen zur Kirche, die ebenfalls eigens erfragt wurden, weiter unterstrichen. Hier zeichnet sich bei den Befragten im Vergleich eine zwar schwache, aber tendenziell durchweg vorhandene zunehmende Kirchenbindung ab. Einzig die Taufbereitschaft im Blick auf eigene Kinder weist eine leicht negative Tendenz auf, jedoch auf einem sehr hohen Niveau (das entspricht den Befunden aus der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung KMUV).

Sehr gemischte Befunde

Gefragt wurde auch nach der religiösen Sozialisation im Elternhaus, etwa: „Ich komme aus einem religiösen Elternhaus“ oder „Haben deine Mutter oder dein Vater in deiner Kindheit ein Abendgebet mit dir gesprochen?“ Auch hier ergibt sich der Eindruck einer großen Stabilität, allerdings bei sehr gemischten Befunden: In mehr als 60 Prozent der Fälle erscheint den Jugendlichen ihr Elternhaus als „wenig religiös“. Nur zehn Prozent gehen aber von einem „überhaupt nicht religiösen Elternhaus“ aus. Zur religiösen Sozialisation gehört auch die Teilnahme an kirchlichen Angeboten. Ungefähr die Hälfte der Befragten kann von einer solchen Teilnahme in der Kindheit und im frühen Jugendalter berichten. Die Veränderungen gegenüber der Studie vor fünf Jahren sind auch hier marginal.

Im Vergleich zu anderen Untersuchungen, die in der Regel Jugendliche in sehr unterschiedlichem Alters und verschiedenen Lebenssituationen nur zusammenfassend betrachten, sind diese Befunde ein deutlicher Beleg für die Notwendigkeit, genauer hinzuschauen. Die religiösen Einstellungen von 14-Jährigen und von 25-Jährigen dürften sich deutlich unterscheiden, so dass es wenig aufschlussreich ist, hier lediglich über Durchschnittswerte für die gesamte Altersspanne zu berichten. Vor allem wird dann übersehen, dass die vielfach beobachteten religiösen Abbrüche gerade bei den Konfirmandinnen und Konfirmanden (noch) nicht feststellbar sind. Mit anderen Worten: Hier liegt ein großes Potenzial für kirchliches Handeln, das gewiss noch nicht ausgeschöpft ist. Aus diesem Grund schließen sich an die vorliegende zweite bundesweite Studie jetzt auch weitere Untersuchungen an, die sich auf die Zeit nach der Konfirmation beziehen.

In der ersten bundesweiten Studie zur Konfirmandenarbeit wurden vor allem zwei neuralgische Punkte identifiziert: die Gottesdiensterfahrung der Jugendlichen sowie die Einschätzung der Deutungskompetenz der Kirche im Blick auf ihre eigenen Lebensfragen.

Für die Gottesdienste stellen sich gemischte Entwicklungen heraus: Die Zufriedenheit der Konfirmandinnen und Konfirmanden mit denen, die sie in ihrer Konfirmandenzeit erlebt haben, hat von der ersten zur zweiten Studie grundsätzlich zugenommen. Darin könnte sich ein verstärktes Bemühen um Begegnungen mit dem Gottesdienst spiegeln, das auch für die Jugendlichen produktiv ist. Nach wie vor begegnen die Jugendlichen dem Gottesdienst aber schon zu Beginn der Konfirmandenzeit mit deutlicher Skepsis: 45 Prozent bejahen die Aussage „Gottesdienste sind meistens langweilig“. Und am Ende der Konfirmandenzeit sind es 52 Prozent. Unverändert gilt deshalb, dass der Gottesdienstbesuch während der Konfirmandenzeit nicht zu einer positiven Wahrnehmung des Gottesdienstes im Blick auf die Assoziation „Langeweile“ führte.

Für die Kirche stellt die hohe Beteiligung an der Konfirmandenarbeit eine große Chance dar. Sie geht einher mit einem insgesamt sehr positiven Image von Kirche. Schon zu Beginn der Konfirmandenzeit zeigen sich 72 Prozent der Jugendlichen überzeugt, dass die Kirche „viel Gutes für die Menschen“ tut. Ganz anders steht es allerdings mit der Identifikation mit Kirche. Denn nur 41 Prozent der Jugendlichen konstatieren zu Beginn und 46 Prozent am Ende der Konfirmandenzeit, dass ihnen die Zugehörigkeit zur Kirche wichtig ist. Die Identifikation mit der Kirche ist also weit geringer ausgeprägt als die positive Einschätzung der Kirche: Man findet es gut, dass es die Kirche gibt – weiß aber nicht so recht, was sie mit einem selbst zu tun hat.

Dabei spielt auch eine Rolle, dass die Jugendlichen der Kirche keine Antworten auf Fragen zutrauen, die ihnen selbst besonders wichtig sind. Zu Beginn der Konfirmandenzeit sind es 32 Prozent, die dieser Einschätzung zustimmen, und am Ende sind es 34 Prozent. Im Blick auf die Deutungskompetenz der Kirche nehmen die positiven Erwartungen während der Konfirmandenzeit also ab.

Zu den Entdeckungen und Entwicklungen, die durch die Konfirmandenstudien neu ins Bewusstsein getreten sind, gehört die Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements in der Konfirmandenarbeit. Den Befunden der aktuellen Studie nach waren es im Untersuchungsjahr 62000 Ehrenamtliche, viele davon selbst noch Jugendliche. Diese Zahl ist auch deshalb so bemerkenswert, weil sie im Vergleichszeitraum, trotz des Rückgangs der Anzahl der Konfirmandinnen und Konfirmanden, noch einmal zugenommen hat. Die „Teamer“, wie die Ehrenamtlichen vielfach bezeichnet werden, stehen bei den Konfirmandinnen und Konfirmanden hoch im Kurs, nicht zuletzt wohl auch im Sinne von Vorbildern. Zugleich bietet das ehrenamtliche Engagement in der Konfirmandenarbeit älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Chance, eine für sie sinnvolle Form der Mitarbeit bei der Kirche zu finden. Hier kann von einer Bildung für das Ehrenamt und von einer Bildung für die Zivilgesellschaft gesprochen werden.

Deshalb stellt sich die Frage, wie es nach der Konfirmation weitergeht. Die vorgelegten Befunde sprechen dafür, dass sich in dieser Zeit Abbrüche einstellen, die nicht einfach auf religiöse Haltungen und Interessen der Jugendlichen zurückzuführen sind. Offenbar gelingt es der Kirche in vielen Fällen nicht, ein attraktives Angebot für Jugendliche nach der Konfirmation zu machen.

Der wachsende Anteil der Konfirmierten, der sich für ein ehrenamtliches Engagement in der Konfirmandenarbeit interessiert, stellt dazu ein plastisches Gegenbild dar. Vieles spricht angesichts der Befunde dafür, dass die mit einem solchen Engagement verbundenen Möglichkeiten noch stärker genutzt werden sollten. Die nun anstehenden weiteren Teile der Konfirmandenstudie, deren Ergebnisse für die nächsten Jahre zu erwarten sind, richten sich deshalb auf die Jugendlichen nach der Konfirmation sowie auf die jungen Erwachsenen. Gefragt wird nach den Bedingungen, unter denen kirchliche Arbeit mit Jugendlichen nach der Konfirmation gelingen kann.

Die internationale Studie macht deutlich, dass hier auch von anderen Kirchen in Europa zu lernen wäre. Die zum Teil sehr positiven Erfahrungen bei der Arbeit mit Jugendlichen nach der Konfirmation können auch für Gemeinden in Deutschland eine Ermutigung dazu sein, die kirchliche Distanz gerade zu dieser Altersgruppe zu überwinden.

Literatur:

Friedrich Schweitzer/Christoph H. Maaß/Katja Lißmann/Georg Hardecker/Wolfgang Ilg in Verbindung mit Volker Elsenbast und Matthias Otte, Konfirmandenarbeit im Wandel – Neue Herausforderungen und Chancen. Perspektiven aus der zweiten bundesweiten Studie, Gütersloh 2015. Friedrich Schweitzer/Kati Niemelä/Thomas Schlag/Henrik Simojoki (Hg.), Youth, Religion and Confirmation Work in Europe. The Second Study, Gütersloh 2015.

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Friedrich Schweitzer

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Foto: Jörg Winter

Friedrich Schweitzer

Friedrich Schweitzer ist Professor für Praktische Theologie/Religionspädagogik an der Universität Tübingen.


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