Leichen entsorgen

Die evangelikale Bewegung steht am Scheideweg
Die ethische Abwertung von Homosexualität ist immer noch das mehr oder weniger heimliche Nummer-eins-Thema der evangelikalen Szene.

Die Wahl von Michael Diener, dem Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz, in den Rat der EKD Anfang November, schien ein Zeichen dafür zu sein, dass eine Art Burgfrieden zwischen den Evangelikalen und den Landeskirchen der EKD eingekehrt ist. Doch der Sonnenschein währte nur wenige Wochen, denn seit gut zwei Monaten wird das evangelikale Lager von einem Streit erschüttert: Einer der prominentesten Evangelikalen, der ehemalige CVJM-Generalsekretär und langjährige ProChrist-Aktivist Ulrich Parzany hat Neu- EKD-Ratsmitglied Diener heftig kritisiert und ein „Netzwerk für Bibel und Bekenntnis“ gegründet.

Wieder einmal, wie so häufig in dieser Szene, geht es um die Bewertung von Homosexualität: Diener hatte Mitte Dezember in einem Interview für Die Welt gesagt, er könne zwar für sich aus der Bibel nicht herauslesen, dass es einen „Auftrag“ gebe, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften zu segnen. Aber interessant, ja revolutionär für einen evangelikalen Funktionär war, dass er gleichzeitig zugab: „Als Pfarrer habe ich gelernt, anzuerkennen, dass Menschen bei dieser Frage die Bibel anders lesen. Diese Brüder und Schwestern sind mir genauso wichtig wie diejenigen, die meine Meinung teilen.“ Dies gelte auch „für Pfarrerinnen und Pfarrer, die ihre Homosexualität geistlich für sich geklärt haben und sich von Gott nicht zur Aufgabe dieser Prägung aufgefordert sehen“. Da war für Parzany der Rubikon überschritten. In einem offenen Brief geißelte der 74-Jährige diesen Lernerfolg Dieners mit scharfen Worten: „Was soll die Berufung auf die Heilige Schrift, wenn Du sie der Beliebigkeit subjektiver Sichten auslieferst? Ich dachte immer, die Gemeinschaftsbewegung und die freien Werke wären deshalb in der Kirche, dass sie dort gegen Irrlehre und Gleichgültigkeit die Wahrheit der Heiligen Schrift bekennen und leben.“

Damit hat Parzany Wichtiges erkannt: In der Tat hat Michael Diener den bei Fundamentalisten verbreiteten Anspruch auf den Besitz der Wahrheit aufgegeben und zum wiederholten Mal den Finger in die größte Wunde seiner Bewegung gelegt: Die ethische Abwertung von Homosexualität ist allen anderslautenden Beteuerungen zum Trotz immer noch das mehr oder weniger heimliche Nummer-eins-Thema der Szene, nachdem andere Bastionen evangelikaler Lebensdeutung, wie etwa die Unterordnung der Frau unter den Mann, im 21. Jahrhundert in unseren Breiten als so reaktionär gelten, dass sie nicht mehr ernsthaft öffentlich vertreten werden können.

Michael Diener hat erkannt, dass dieses „No go“ längst auch auf das Thema Homosexualität zutrifft. Er weiß, dass hier eine Flurbereinigung ansteht, wenn die Evangelikalen nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken wollen. Gelingt es ihm, die wider alle „Wir-lieben-den-Sünder-aber-nicht-die-Sünde“-Rhetorik hartleibige homophobe Szene zumindest im Raum der Deutschen Evangelischen Allianz zu marginalisieren, dann könnten er und die Seinen auf eine gute Zukunft hoffen. Denn viele Menschen, gerade junge, finden evangelikales Frömmigkeitsdesign durchaus attraktiv und würden sich ihm gerne zuwenden. Dafür müssten allerdings die homophoben Leichen im Keller entsorgt werden!

Reinhard Mawick

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