Vater steigt aus

Ein Punktum
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Rauchen ist ungesund - erst recht im Winter ohne Jacke auf dem Bahnsteig. Wehe, wenn dann noch der Zug wegfährt...

Es ist Winter, und die Außentemperaturen vor Berlin liegen bei minus zwölf Grad. Wenn der Regionalexpress aus dem Brandenburgischen in den Potsdamer Hauptbahnhof einfährt, drängeln sich die Tagespendler mit den Touristen vor den Türen. Sie alle wollen schnell in den warmen Waggon gelangen. Nicht selten stellt sich ihnen jemand in den Weg, um den kurzen Halt von fünf Minuten zu nutzen und hastig eine Zigarette zu inhalieren. Denn manch einer sitzt schon seit Magdeburg im Zug und hat eine Stunde auf seine Nikotinration verzichtet.

Heute springt ein Mann mittleren Alters knapp an mir vorbei aus dem Zug und zündet sich hastig den Glimm-stengel auf dem Bahnsteig an. Ich verliere ihn aus den Augen, nehme meinen Sitzplatz ein und zücke mein Buch. Als sich der Zug langsam in Bewegung setzt, kommt plötzlich Bewegung in meine nächsten Mitreisenden. „Der Zug fährt“, höre ich sie zunächst nur leise murmeln, dann schon etwas lauter „Er wird doch wohl wieder eingestiegen sein?“. Nein, war er nicht, wie einer der fünf Erwachsenen nach einem Sprung zur Waggontür feststellt.

Drei Generationen einer Familie hatten sich zu einem Ausflug nach Frankfurt/Oder verabredet und kommentieren nun in starkem brandenburgischen Dialekt, was zu tun sei.

Fast gleichzeitig wandern die Blicke zu der dicken Winterjacke, die verloren an einem Haken neben einem leeren Sitz am Fenster hängt. Es sieht also so aus, als ob der Mann noch im Hemd auf dem Bahnsteig in Potsdam steht. Großvater und Enkel sprechen aus, was alle jetzt denken: „Er ist weg.“ Und zwar ohne Fahrkarte, denn die befindet sich in der schwarzen Jacke, wie ein schneller Griff zeigt. „Wir haben ihm doch zu Weihnachten ein Handy geschenkt“, meldet sich der Sohnemann und zückt gleich sein Smartphone, um den Kontakt zum Verlorenen aufzunehmen. Doch am anderen Ende springt nur die Mailbox an. Schnell tastet er die Jackentasche ab: „Hier ist was Hartes“, sagt er und findet Vaters Handy.

„Ja, ja, die Sucht lässt grüßen“, kommentiert der Älteste der kleinen Reisegruppe und Vater des Verlorenen. Es folgt ein für alle Mitreisenden hörbarer Gedankenaustausch über die Gefahren des Rauchens. „Kein Geld, keine Fahrkarte, kein Handy, keine Winterjacke,“ fasst die Mutter zusammen. Ob er denn weiß, dass er mit der S-Bahn gleich hinterher fahren kann, wirft einer in den Raum. „Der fährt doch nur Auto“ schallt es zurück. „Und Zahlen kann er sich auch nicht merken, um uns zurückzurufen, selbst wenn er sich ein Telefon leiht“, bemerkt seine Mutter lapidar.

Inzwischen erreichen wir den nächsten S-Bahnhof, Charlottenburg. Eine Lösung ist bis dorthin nicht in Sicht. Fürs erste beschließt die kleine Familie ihrerseits, nun auch den schützenden Zug gemeinsam zu verlassen.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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