Hinter den Bergen liegt die Heimat

In der libanesischen Bekaa-Ebene leben ebenso viele syrische Flüchtlinge wie Einwohner
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In Deir el Ahmar, den christlichen Dörfern in der libanesischen Bekaa-Ebene, haben Tausende Zuflucht gefunden. Die Bewohner der Region stehen vor enormen Herausforderungen, wie die Journalisten Barbara Brustlein und Jörg Böthling bei einem Besuch festgestellt haben.

Was wünscht sich ein Elfjähriger, der schwer krank ist? Der mit seiner Familie aus dem syrischen Homs geflohen ist, als es so stark bombardiert wurde, dass seine Mutter ihn und seine Geschwister ins Auto gezerrt hat und so lange gefahren ist, bis sie an den Soldaten vorbei die Grenze in den nahen Libanon passieren konnte? Was wünscht sich ein Junge, dessen wertvollster Besitz ein klappriges Fahrrad ist, auf dem er zwischen den Zelten seine Runde dreht, in denen seine Familie nun mit den anderen Syrern wohnt?

Eine Geburtstagstorte. Mit elf Kerzen darauf. Auch wenn das Ausblasen aufgrund des geringen Lungenvolumens Ahmad drei Anläufe kostet. Auch wenn er dabei die Kappe, die sein wichtigstes Utensil ist, da sie verbirgt, dass er keine Haare hat, gefährlich weit zurückrutschen muss. „Auch wenn“ ist eine Konstante im Leben des stillen, freundlichen Geburtstagskindes, das so viel schmächtiger ist als seine Altersgenossen.

Die Dörfer von Deir el Ahmar: Hier mussten rund zehntausend Menschen aus Syrien ihre Zelte aufschlagen.
Die Dörfer von Deir el Ahmar: Hier mussten rund zehntausend Menschen aus Syrien ihre Zelte aufschlagen.
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Hinter den Bergen, die man von dem Zelt, in dem Ahmads Familie wohnt, gut sieht, liegt die alte Heimat Syrien. Manchmal, früh am Morgen, wenn es ganz still ist hier in der Bekaa-Ebene, hört man Schüsse. Libanesische Hisbollah-Milizen kämpfen dort. Die einen sagen: gegen Rebellen, die einen gnadenlosen Diktator stürzen wollen. Die anderen sagen: gegen vom Ausland schwer bewaffnete islamistische Gruppen, die Krieg und Terror bringen.

Die Bekaa-Ebene ist nicht nur Kornkammer des Libanon. Auf den fruchtbaren Böden zwischen den beiden Bergzügen wachsen Kartoffeln, Tabak, Mandeln. Die Gegend hier ist berüchtigt für ihren Exportschlager: den Roten Libanesen, Haschisch, dessen Erzeugung und Verkauf verboten und das zugleich im Land und auf dem Weltmarkt begehrt ist. Derzeit boomt der Anbau, da die libanesischen Sicherheitskräfte mit der Sicherung der Grenze zu Syrien beschäftigt sind.

Ahmads Familie und rund zehntausend weitere Menschen aus Syrien haben, seit der Aufstand von 2011 in einen Krieg mündete, ihre Zelte in den Dörfern von Deir el Ahmar aufgeschlagen. Ahmads Vater hatte dort vor dem Krieg saisonal als Landarbeiter geholfen. Wie viele andere Familien auch, die nun hier sind. Nun, seit das Leben in Syrien jeden Tag plötzlich zu Ende sein kann, haben sie endgültig hier ihre Zelte aufgeschlagen: Zehntausend Muslime aus Syrien bei den zehntausend christlichen Einwohnern von Deir el Ahmar.

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Dass die Kapazitäten nahezu erschöpft sind, spürt und hört man allerorten. Aber auch, und das ist bemerkenswert, dass das Zusammenleben friedlich verläuft, dass es keine signifikante Zunahme an Gewalt, an Unsicherheit gibt.

Keine Zunahme an Gewalt

Miled Akoury, Vorsitzender des Stadtrats, kennt die Zahlen und die damit verbundenen Realitäten: „Heute ist wieder ein Schreiben eingetroffen, in dem einer unserer Bürger 15 syrische Familien als Erntehelfer einstellen will. Da frage ich mich schon: Wo sollen die Zelte stehen? Geht das?“ Akoury, ein Bauingenieur, der einige Jahre in Dubai und Bukarest gearbeitet hat, versucht, die Dinge geordnet zu halten: „1975 hatten wir wegen vierhunderttausend Palästinensern Krieg. Daher sind wir vorsichtig mit den derzeit mindestens 1,5 Millionen syrischen Flüchtlingen im Land. Wir wollen nicht, dass sich unsere Gesellschaft komplett verändert.“ Doch dann sagt er noch etwas Wesentliches: „Aber was soll man tun, wenn die Leute in Syrien nicht mehr leben können? Es ist doch selbstverständlich, dass wir helfen.“

Schwester Amira Tabet will den Flüchtlingskindern Bildung ermöglichen. Vormittags unterrichtet die Klosterfrau diese, nachmittags die libanesischen Kinder.
Schwester Amira Tabet will den Flüchtlingskindern Bildung ermöglichen. Vormittags unterrichtet die Klosterfrau diese, nachmittags die libanesischen Kinder.
Viele syrische Familien beladen ihre Autos mit ihren Habseligkeiten und fahren über die Grenze des nahen Libanon.
Viele syrische Familien beladen ihre Autos mit ihren Habseligkeiten und fahren über die Grenze des nahen Libanon.

Für Ahmad, das Geburtstagskind, und die vielen anderen Kinder ist die größte Hilfe die Schule. Die öffentlichen Schulen haben sich spät auf die Flüchtlingskinder eingestellt, die dem Lehrplan, der im Libanon französisch geprägt ist, nur mit Mühe folgen können. 450 Kinder besuchen die Schule der Schwestern vom Guten Hirten. „Vormittags unterrichten wir die Kinder der Flüchtlingsfamilien. Nachmittags kommen libanesische Kinder, deren Eltern sie nicht schulisch unterstützen können“, sagt Schwester Amira Tabet.

Die Ordensfrau aus dem nahe gelegenen Baalbek hat in Albanien, im Senegal, in Frankreich gearbeitet. Und vier Jahre lang in Syrien. „Daher verstehe ich die Mentalität der Syrer besser als manch anderer, denke ich. Dort war manches möglich. Aber die Politik war tabu“, sagt sie. Sie weiß auch, wie wichtig es ist, dass auch libanesische Kinder Zugang zum gefragten Unterricht an ihrer Schule erhalten.

„Unsere Gesellschaft steht vor einer Zerreißprobe: Wir stecken tief in der Wirtschaftskrise, wir haben keine funktionierende Regierung, und wir haben Millionen Flüchtlinge im Land. Da darf man keine Ungleichheiten schaffen, sondern muss auch die einbeziehen, die selbst arm sind und trotzdem andere aufnehmen.“

Die Bekaa-Ebene ist sehr fruchtbar. Hier wachsen Kartoffeln, Tabak und Mandeln.
Die Bekaa-Ebene ist sehr fruchtbar. Hier wachsen Kartoffeln, Tabak und Mandeln.
Anfangs kamen die syrischen Kinder nur wegen des Essens aus den Zelten.
Anfangs kamen die syrischen Kinder nur wegen des Essens aus den Zelten.

Anfangs seien die syrischen Kinder aus den Zelten nur wegen des Essens gekommen, sagt Projektkoordinatorin Siham Rahmeh (41). „Das hat sich vollkommen geändert. Sie haben gelernt, die Schule zu schätzen.“ Sie besucht immer wieder den Unterricht, um zu überprüfen, ob jedes Kind richtig gefördert wird. „Anfangs haben wir Kinder der gleichen Altersgruppe in eine Klasse eingeteilt. Das ist hier nicht möglich, die Unterschiede sind zu groß.“

Roua Nayef gehört zu den Kindern, die sich in der Schule leicht tun. Sie sei auch schon zu Hause im Dorf nahe des syrischen Yabroud, achtzig Kilometer nordöstlich von Damaskus und zwanzig Kilometer entfernt von der libanesischen Grenze, gerne zur Schule gegangen, sagt sie. Und dass sie dankbar sei, dass sie hier wieder lernen könne. Doch dann treten ihr die Tränen in die Augen, die 12-Jährige beginnt zu schluchzen. Es fehlt so viel: das alte Zuhause, die Freunde von früher, das eigene Land.

Das Geld war noch nie reichlich in Rouas Familie. Aber das Leben auf engstem Raum in den Zelten fordert seinen Tribut. An eine Rückkehr nach Syrien, da sind sich alle einig, ist nicht zu denken. Immer noch wachen die Kinder auf ihren Matratzen in den Zelten nachts wegen Albträumen auf und immer noch verlassen Syrer ihr Land.

Deutschland und Europa sind bei den Zeltbewohnern der Bekaa-Ebene aber auch nicht im Gespräch. Wohl, weil man seit Jahren hier gearbeitet hat, die gleiche Sprache spricht, ein wenig zu Hause ist. Und vielleicht auch, weil da, wo die Ebene endet, schon die Berge sind, hinter denen die alte Heimat liegt.

Ghassam Habchi ist Landbesitzer in der Bekaa-Ebene. Er baut Tabak an, aber auch Trauben, Oliven und Nüsse, denn vom Tabak allein könne man nicht mehr leben. Sieben Arbeiter aus Syrien arbeiten für ihn. Ihre Zelte sind auf Land aufgeschlagen, das ihm gehört. Noch beschäftigt ein Vorfall die Gemüter, der sich in der Woche zuvor ereignet hat: Vier halbwüchsige Syrer waren nachts auf einem Motorrad ohne Licht unterwegs gewesen und mit einem Auto zusammengeprallt. Das Ergebnis: ein Toter und drei Verletzte. „Das ist fürchterlich, und sicher, man muss solche Dinge in den Griff bekommen. Das sind eben junge Menschen, das kommt vor“, sagt Habchi. In Deir el Ahmar, hat man den Eindruck, behalten der kühle Kopf und das Mitgefühl die Oberhand.

Hinter den Bergen liegt die alte Heimat Syrien.
Hinter den Bergen liegt die alte Heimat Syrien.
Nachts wachen die Kinder immer noch wegen Albträumen auf.
Nachts wachen die Kinder immer noch wegen Albträumen auf.

Ghassam Habchi sitzt infolge einer Schussverletzung im Rollstuhl, die er während des libanesischen Bürgerkriegs erlitt. Des Krieges, der von 1975 bis 1990 tobte und dessen Folgen noch heute spürbar sind. Nach wie vor ist das Land, ist jedes Dorf bewaffnet. In der Bekaa-Ebene trennt eine Tankstelle die Felder der Christen von denen der Schiiten. Hinter der Tankstelle beginnt Hisbollah-regiertes Territorium. Dort liegt das berüchtigte Palästinensercamp, in dem 1975 der Krieg seinen Anfang nahm und in dem noch heute gesuchte Terroristen Unterschlupf finden, Waffenhandel und Drogenlabore florieren, weil die libanesische Polizei sich nicht hineinwagt. „Darum ist es auf lange Sicht wichtig, die Leute und die Verhältnisse zu kennen, wenn man effizient helfen will“, sagt Schwester Amira Tabet. „All die schnelle Nothilfe war nötig. Aber nun müssen wir den Kindern Bildung ermöglichen und vor allem schauen, dass wir die Gesellschaft hier stabil halten können, denn sie steht vor einer Zerreißprobe“. Einer von denen, die hier für die Zukunft lernen, ist der elfjährige Ahmad. Vielleicht bleibt die nahe Heimat hinter den Bergen unerreichbar. Aber das Leben geht weiter.

Tagsüber helfen die Schule und das Spiel mit Freunden über den Verlust der Heimat hinweg.
Tagsüber helfen die Schule und das Spiel mit Freunden über den Verlust der Heimat hinweg.

Text: Barbara Brustlein / Fotos: Jörg Böthling

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