Faktenreich

Europa und die Flüchtlinge
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Der Sammelband zieht den Leser in seinen Bann, er gibt Orientierung und Hintergrundwissen zu vielen Fragen, die sich angesichts der aktuellen Herausforderungen stellen.

Um es gleich am Anfang zu sagen: Alle Aufsätze dieses Sammelbandes zeichnet ihre artikulierte Haltung aus. Die Autorinnen und Autoren, allesamt Wissenschaftler und Fachjournalisten, haben sich entweder intensiv mit den Themen Flucht, Migration und Asyl beschäftigt oder mit Ländern wie Syrien, Iran und der Türkei. Gabriele Gillen zum Beispiel. Sie klärt auf: Wen betrifft die Genfer Flüchtlingskonvention? Woher kommen die meisten Flüchtlinge? Und wer bekommt Schutz? Ihr mit Zahlen durchsetzter Bericht ordnet ein und verweist auf das Ungleichgewicht bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Damit entzieht sie weiterer Panikmache den Boden.

Oder Daniela Dahn. Die freie Schriftstellerin und Publizistin schaut auf die Frage, wie es überhaupt zur „größten Völkerwanderung der Neuzeit kommen konnte“. Ihre These: Wenn die westliche Ordnung nicht wahrhaben will, dass die heutigen Flüchtlingsströme erst der Anfang sind, weil zu den Kriegs- und Armutsflüchtlingen in absehbarer Zeit auch Klimaflüchtlinge hinzukommen werden, dann könnte sie implodieren. Schotten dichtmachen, hilft ihrer Meinung nach nicht weiter. Schließlich ist Deutschland der viertgrößte Nettoimporteur von Lebensmitteln auf der Welt, hat keine eigene Textilindustrie und kann ohne Indien in der IT-Branche nicht bestehen.

Eindrucksvoll ist auch der Beitrag von Ingo Werth. Dieser durchquert mit seiner Besatzung auf einem fast hundert Jahre alten umgebauten Fischkutter 24 Seemeilen vor der Küste Libyens das Mittelmeer, um aktiv nach Menschen zu suchen, die in Seenot geraten sind. Er weist nach, dass man entgegen den Verlautbarungen europäischer Institutionen genau ausmachen kann, wo die Flüchtlingsboote in See stechen und wo diese besonders häufig in Seenot geraten.

Ganz anders der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Er weitet den Blick und legt dar, warum es hilfreich ist, sich die Migrationen der Vergangenheit noch einmal genauer vor Augen zu führen, um die Besonderheit der jüngsten Migrationswelle zu begreifen: „Verglichen mit der jüngsten Migrationswelle haben sich frühere Migrationen im Schneckentempo fortbewegt.“ Ein Grund für Ängste und Panik, die sich nun zeigen. Zu dem kommt: Man habe immer die Vorstellung gehegt, dass Flüchtlingsströme steuerbar seien. Und: „Die Migrationsbewegungen treffen auf Gesellschaften, die durch die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates hochgradig verletzlich sind und in denen gerade die Angehörigen des unteren sozialen Segments darauf achten, dass möglichst wenige Migranten aufgenommen werden. Diese befürchten, dass sie die Leistungen des Wohlfahrtsstaates mit den Migranten teilen müssten.“ Und Münkler geht noch weiter: „Es sind satte, zumeist überalterte Gesellschaften, die sich einer als bedrohlich empfundenen Herausforderung stellen müssen, aber nicht stellen wollen.“ Er verweist auf die „prinzipiell innovative Rolle von Fremden“. Diese könnten als „Gruppe wie ein Generator des Neuen gegen die Ermüdungsprozesse und die lähmende Selbstzufriedenheit sozial stabiler und wirtschaftlich wohlsituierter Gesellschaften anarbeiten“. Sicher, diese historischen Beobachtungen sind provokativ, doch Münkler argumentiert schlüssig. Denn der Politikwissenschaftler weiß auch: Sollte Deutschland die Integration der Flüchtlinge gelingen, würde die Republik über eine weitere sinnstiftende Erzählung hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit verfügen.

Weitere Aspekte sind die Entwicklung des Asylrechts, die Radikalisierung von AFD und NPD, die Situation von Kindern und Jugendlichen auf der Flucht, das Geschäft der Schleuser oder Perspektiven einer europäischen Flüchtlingspolitik. Der Sammelband zieht den Leser in seinen Bann, er gibt Orientierung und Hintergrundwissen zu vielen Fragen, die sich angesichts der aktuellen Herausforderungen stellen. Und er fordert die Lesenden auf, sich eine eigene Position zu erarbeiten. Die des Journalisten Heribert Prantl lautet: „Dieses Europa erstickt nicht, wenn es Kriegsflüchtlinge aus Syrien aufnimmt. Diese Europa erstickt, wenn es sie nicht aufnimmt: Es erstickt dann an seinem Geist, an seinen nationalen Egomanien und an seiner Heuchelei. Jetzt muss sich zeigen, was die europäischen Grundrechte wirklich wert sind.“

Anja Reschke (Hg.): Und das ist erst der Anfang. Rowohlt Verlag, Reinbek 2015, 336 Seiten, Euro 12,99.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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