Gemeinschaft, Erinnerung, Dank

Was an reformierten Abendmahlsgottesdiensten besonders ist
Darstellung des "Marburger Gesprächs" zwischen Zwingli und Luther. Foto: epd
Darstellung des "Marburger Gesprächs" zwischen Zwingli und Luther. Foto: epd
Der Tradition des Züricher Reformators Ulrich Zwingli und des Genfer Reformators Johannes Calvin folgen auch deutsche Protestanten. Der Prominenteste ist Bundesaußenminister Frank Walter Steinmeier. Die Reformierten haben eine Abendmahlspraxis entwickelt, die sich von der evangelisch-lutherischen und der römisch-katholischen unterscheidet. Achim Detmers, Generalsekretär des Reformierten Bundes, zeigt, warum und was sich in den vergangenen Jahren verändert hat.

Trotz unterschiedlicher Akzente gibt es eine innere Mitte, von der her sich die evangelisch-reformierte Sicht und Praxis des Abendmahls erschließt. Der Züricher Reformator Ulrich Zwingli kam 1525 in der Auslegung der Einsetzungsworte zu der Erkenntnis, dass das Abendmahl Jesu vom alttestamentlichen Passahmahl her verstanden werden kann. Hinter dieser Entdeckung steckt ein hermeneutisches Prinzip, das den reformierten Protestantismus von anderen Konfessionen unterscheidet. Gemeint ist die Einheit des Alten und Neuen Bundes und damit das zentrale Anliegen, theologische Zusammenhänge von der Glaubensgeschichte Israels her zu befragen und zu füllen. Dieser bundestheologische Ansatz ist wichtig für das beständige Suchen der Reformierten nach einer biblisch begründeten, zeitgemäßen und ökumenisch verantworteten Abendmahlsfeier.

Hinzu kommt, dass beim Gottesdienst Hierarchien, heilige Rangordnungen, in der Regel vermieden werden: keine Hierarchisierung der Testamente, Gleichrangigkeit von Wort und Sakrament, keine Hierarchisierung von Bekenntnissen, ein Abendmahlstisch statt eines erhöhten Altars, kein Wechselgesang zwischen Pfarrperson und Gemeinde, Beteiligung von Laien bei den Lesungen und der Austeilung von Brot und Wein.

Und schließlich kommt hinzu, dass das reformierte Abendmahlsverständnis im Allgemeinen von den durch Paulus überlieferten Einsetzungsworten ausgeht (1. Korinther 11), weniger von dem Mischtext (siehe Seite 33) aus 1. Korinther, Matthäus 26 und Lukas 22. Auch zusätzliche Spendeformeln, in denen der Opfergedanke verstärkt zum Ausdruck kommt, wird bei der Weitergabe von Brot und Wein als unnötig erachtet, da mit den biblischen Einsetzungsworten das Wesentliche bereits gesagt ist. Aus diesen Ansätzen ergeben sich folgende theologische Akzente:

Das Abendmahl wird als Bundesmahl verstanden. Im Abendmahl wird der Bund, den Gott am Sinai mit seinem Volk geschlossen hat, in Jesus Christus erneuert und bekräftigt: Und die Abendmahlsgemeinde verpflichtet sich auf die Grundsätze dieses Bundes, das heißt, „zu einem neuen Leben aus Glauben“, wie es die Leuenberger Konkordie ausdrückt.

Das Abendmahl wird als ein Mahl der „Gemeinschaft mit Christus, mit Israel und unter den Gästen“ (Markus Barth) verstanden. Denn die Abendmahlsgemeinde ist nur der sichtbare Ausschnitt der einen Mahlgemeinde Jesu Christi, die durch den Heiligen Geist über alle Zeiten und Räume hinausreicht. Die Einladung richtet sich somit nicht an eine konfessionell geschlossene Gesellschaft. Vielmehr lädt Christus an seinen Tisch alle, die an ihn glauben. Dazu gehörten in der Tischgemeinschaft Jesu auch Randständige und Zwielichtige, Mühselige und Beladene. Durch die Betonung der Gemeinschaft des Leibes Christi tritt im reformierten Abendmahlsverständnis der Aspekt der individuellen Heilszueignung eher zurück.

Das Abendmahl wird als Gedächtnismahl verstanden, aber nicht als bloßes Erinnerungsmahl, sondern im Sinne des hebräischen zachor, auf Deutsch: „gedenke“. Im gemeinsam Essen und Trinken der sich Erinnernden wird durch den Heiligen Geist die ganze in Christus geglaubte Wirklichkeit vergegenwärtigt.

Das Abendmahl wird als ein Mahl der Danksagung und des Bekenntnisses verstanden. Im gemeinschaftlichen Essen und Trinken kommt der „Dank an Gott, den Schöpfer, und die dankbare Erinnerung an Jesus Christus und sein heilvolles Wirken“ (Michael Welker) zum Ausdruck. Zugleich bedeutet der Dank, dass die am Tisch Versammelten Gott preisen, indem sie sich zur Nachfolge Jesu bekennen und aus dem ihnen neu geschenkten Leben die Welt verändern.

Und schließlich wird das Abendmahl als ein Hoffnungsmahl für die noch nicht erlöste Welt verstanden. Im 1. Korintherbrief 11,26 heißt es: „Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“ Das Abendmahl wird also auf Widerruf gefeiert, unter eschatologischem Vorbehalt. Dieser Aspekt, den die Mischform der Einsetzungsworte ausklammert, ist Reformierten wichtig. Darin kommt die Spannung zum Ausdruck, dass das Abendmahl einerseits nur einen Vorgeschmack des kommenden Reiches Gottes darstellt, aber andererseits, „Gott schon an dieser Welt und an ihrer barmherzigen Verwandlung arbeitet“ (Welker).

In reformierten Gemeinden wurde das Abendmahl vier bis sechsmal im Jahr gefeiert, zu Gründonnerstag, Karfreitag, Ostern, Pfingsten, Weihnachten und im Herbst. So wollte man die unterschiedlichen Aspekte des Abendmahls erfassen, das letzte Mahl Jesu, seine Hingabe am Kreuz, die Gegenwart des Auferstandenen, die Gabe des Heiligen Geistes, Erntedank und Menschwerdung.

Nachdem die Zahl der Gottesdienstbesucher an den hohen Feiertagen zurückgeht, wird in den deutschsprachigen reformierten Kirchen schon seit vielen Jahren gefordert, das Abendmahl möglichst monatlich zu feiern. Außerdem wird seit etwa dreißig Jahren intensiv eine liturgische Neugestaltung diskutiert. Die Zweiteilung Predigtgottesdienst mit angehängtem Abendmahl ist inzwischen weitgehend überwunden. Stattdessen gibt es deutliche Bemühungen, die Abendmahlsfeier stärker mit den übrigen Teilen des Gottesdienstes zu verknüpfen. Als Grundelemente der Abendmahlsfeier gelten Hinführung, Einsetzungsworte, Unservater, Einladung, Austeilung, Dankgebet und Sendung. Und in vielen Gottesdienstordnungen kommen Selbstprüfung, Buße und Sündenvergebung hinzu. Vielfach ist aber auch eine offene Schuld zu Beginn des Gottesdienstes üblich.

Brot statt Oblaten

Groß ist zudem das Bemühen, die mancherorts verbreitete Abendmahlsscheu zu überwinden. Anstelle der eher gedrückten Stimmung einer durch den Karfreitag geprägten Abendmahlsfeier wird der Aspekt des Freudenmahls stärker unterstrichen. Stark ist aber im Bewusstsein verankert, dass die Versöhnung mit dem Nächsten vor dem Abendmahl dazugehört und dass von ihm eine Versöhnungskraft ausgeht.

Kinder werden nach einem weitgehenden Konsens zugelassen, sobald sie das Abendmahl – ihrem Alter entsprechend – verstehen. Gelegentlich wird auf die bei der jüdischen Passahfeier übliche Einbindung des jüngsten Kindes hingewiesen, das Fragen stellt und altersgerechte Antworten erhält.

Dass in der reformierten Tradition einfaches Brot statt Oblaten gereicht wird, drückt die Erinnerung an die Mahlgemeinschaft der ersten Gemeinden aus. Zudem wird meistens Traubensaft verwendet – entweder ausschließlich oder ergänzt durch Wein.

Die Formen der Austeilung hängen von den räumlichen Vorgaben und Möglichkeiten ab sowie von der Zahl der Kommunikanten. Nicht selten gibt es in reformierten Kirchen einen größeren Abendmahlstisch, um den sich Gruppen in Erinnerung an die Tischgemeinschaft der Jüngerinnen und Jünger versammeln, stehen oder auch sitzen.

Hin und wieder werden Stimmen laut, das Abendmahl auch in Häusern und Gemeindegruppen zu feiern und bei besonderen Anlässen das Abendmahl mit einem Sättigungsmahl (Agape) zu verbinden. Umstritten ist die Praxis mancher Kirchengemeinden, am Gründonnerstag ein Sederabendmahl zu feiern. Die damit verbundene Übernahme jüdischer Elemente wird im christlich-jüdischen Gespräch als schwierig eingeschätzt. Bei den Inhalten der Abendmahlsfeier wird in den neueren Überlegungen unterstrichen, das Kirchenjahr und die Jahreszeit bei der Gestaltung zu berücksichtigen sowie (welt-)politische Ereignisse, die die Wahrnehmung der Feier beeinflussen.

Reformierte haben stark von den Ergebnissen der ökumenischen Gespräche profitiert. Dies betrifft vor allem das Amtsverständnis, die eucharistische Gastfreundschaft, den Umgang mit den Abendmahlselementen, liturgische Traditionen und die Frage der Zulassung zum Abendmahl.

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Achim Detmers

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