Godspot, Gottspott

Kostenloses WLAN in Kirchen ist ein Irrweg
Wer mit den kirchlichen Möglichkeiten des Netzes liebäugelt, muss sehen, in welchem Ausmaß dort Ruhe, Zeithaben und Tiefgang verloren gehen.

Vor einem halben Jahrzehnt war’s nur eine Satire-Meldung: „Einrichtung von Wireless LAN soll leere Kirchen wieder füllen“. Heute ist‘s irritierende Wirklichkeit: „Godspot“ heißt das freie WLAN der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz. Dieses kostenlose Hotspot-Angebot soll offenbar eine „frohe Botschaft“ sein. Ziel sei es, allen 3000 Kirchen und kirchlichen Gebäuden in der EKBO solch göttliche Hochfrequenz-Spots zur Verfügung zu stellen.

Werden womöglich andere Kirchenleitungen diesem Beispiel folgen? Oder werden sie auf kritisches Echo in der Öffentlichkeit hören? „Die evangelische Kirche hat einen teuflischen Plan, um Besucher anzulocken“, kommentiert etwa Frieda Kammerer auf dem Jugendportal bento. Das Projekt werfe Fragen auf, meint Der Spiegel: Wozu braucht es WLAN im Gottesdienst, und dürfen auch sündige Seiten angesteuert werden? Die Verbraucherschutz-Organisation Diagnose:Funk kritisiert: „Der allwissende Gott wird ersetzt durch seine profane Variante: Big Data für den Big Brother.“

Mich haben nach Bekanntwerden dieses pseudokirchlichen Projekts zahlreiche entsetzte Zuschriften erreicht, da ich unter anderem ein kritisches Buch über Mobilfunk geschrieben habe. In der Tat weiß ich um Dutzende von Studien aus verschiedenen Ländern, die WLAN unter gesundheitlichen Aspekten als problematisch einstufen. Die neueste stammt aus dem renommierten Wissenschaftsmagazin Nature und befasst sich mit den biologischen Wirkungen der WLAN-Taktung: Wie die Autoren aufzeigen, können Zellprozesse schon billionenfach unterhalb der deutschen Grenzwerte negativ beeinflusst werden, nämlich schon bei 0,004 µW/m2. Nachdem in Sachen Gesundheitsgefährdung durch WLAN divergierende Positionen anzutreffen sind, gilt ethisch und politisch das Vorsorge-Prinzip: Vorsicht! Eine entsprechend verantwortungsbewusste Haltung sollte nicht in Gottes Namen medientechnologischen Attraktivitäten geopfert werden. Insofern ist es völlig unangebracht, wenn Fabian Kraetschmer, der IT-Leiter im Konsistorium der EKBO, stolz erklärt: „Wir schicken uns an, der größte Anbieter von offenem WLAN in Deutschland zu werden.“

Als Begründung ist von ihm zu hören, mit „Godspot“ wolle seine Kirche eine „sichere und vertraute Heimstatt in der digitalen Welt bauen.“ Dieses fromme Vorhaben beruht allerdings auf einer fragwürdigen Verhältnisbestimmung von Spiritualität und Digitalismus. Wer mit den kirchlichen Möglichkeiten des Netzes liebäugelt, muss doch sehen, in welchem Ausmaß dort Ruhe, Zeithaben und Tiefgang verloren gehen. Deshalb mahnt der Jesuit Andreas Schönfeld Medien-Askese an. Wäre das nicht ungefähr das Gegenteil von „Godspots“?

Und wie steht es grundsätzlicher um das Verhältnis von Christen und digitaler Welt? Papst Franziskus kritisiert in seiner Enzyklika Laudato si, man überlasse das Leben immer mehr den technikgeprägten Umständen, die immer häufiger als wesentliche Quelle zur Deutung der Existenz verstanden würden. Doch es müsse „einen anderen Blick geben, ein Denken, eine Politik, ein Erziehungsprogramm, einen Lebensstil und eine Spiritualität, die einen Widerstand gegen den Vormarsch des technokratischen Paradigmas bilden.“ Gibt nicht zu solchem Widerstand auch säkulare Fachkritik hinreichend Anlass? Man denke nur an Bestseller wie „Digitale Demenz“ von dem Hirnforscher Manfred Spitzer oder „Die smarte Diktatur“ von Harald Welzer. Wenn Christen, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer solche Kritik wahrnehmen, ernstnehmen und aufnehmen, können sie kaum gleichzeitig von „Godspot“ begeistert sein. Was, wenn sie in dieser Hinsicht Widerstand leisten?

Fällig wäre solcher Widerstand auch wegen der schutzbedürftigen Minderheit elektrosensibler Mitmenschen: „Godspot” macht Kirchen für sie zur Bannmeile! Kürzlich betonte der Medizinprofessor Dominique Belpomme, Vorsitzender der französischen Vereinigung für Krebstherapieforschung, in einem Arte-Interview: „Derzeit leugnen die Politiker das Problem völlig. Gesundheitlich zahlen wir dafür einen hohen Preis… Wir müssen vor allem an unsere Kinder denken und uns bewusst werden, dass moderne Technologien zwar praktisch, aber auch gefährlich sind.“ Wenn die Politik dank ihrer Verflechtung mit Wirtschaft und Industrie das Problem völlig leugnet, ist dies erklärbar, nicht aber, wenn Kirchen sich so verhalten.

Gott und WLAN-Hotspots auf einen Nenner zu bringen und kirchliche Gelder für entsprechende Installationen an sämtliche Kirchen auszugeben, halte ich mit vielen Christen für weder theologisch noch ethisch zu rechtfertigen.

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Dr. Werner Thiede ist Pfarrer, außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und Publizist. 2015 erschien sein Buch „Digitaler Turmbau zu Babel. Der Technikwahn und seine Folgen“ im oekom-Verlag.

Werner Thiede

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