Von unten nach oben

Kirche kann Transmissionsriemen sein

Vor kurzem hat die Bundesregierung den Entwurf der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie veröffentlicht. Dabei geht es um die Frage, wie Deutschland die im vergangenen Herbst von den Vereinten Nationen beschlossenen nachhaltigen Entwicklungsziele erreichen will (siehe zz 09/2015) Das ist keine leichte Aufgabe, immerhin geht es um 17 Ziele mit 169 Unterzielen, die nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche betreffen: Armutsbekämpfung, Bildungspolitik, Geschlechtergerechtigkeit, Klimaschutz, Energiepolitik, Landwirtschaft, Naturschutz, Finanzpolitik – alle Felder müssen beackert werden. Dabei fängt Deutschland nicht bei null an, es gibt schon seit 2002 eine Nachhaltigkeitsstrategie und seit 2001 ein wichtiges Beratergremium, den Rat für Nachhaltige Entwicklung. Den Vorsitz in diesem Expertennetzwerk aus Wissenschaft, Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Gruppen hat Marlehn Thieme, Mitglied des Rates der EKD. Aber es sind ausdrücklich alle Bürger und Gruppen aufgerufen, sich mit der neuen Nachhaltigkeitsstrategie auseinanderzusetzen. Noch bis zum 31. Juli kann jeder über das Internet Kritik und Anregungen zum Entwurf äußern, der dann bis zum Herbst entsprechend überarbeitet werden soll.

Ein wichtiger Schritt zu mehr Nachhaltigkeit ist bereits beschlossen: Der Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie. Doch das ändert nichts daran, dass ein Endlager für den radioaktiven Müll gebraucht wird. Jahrzehntelang galt der Standort Gorleben als gesetzt, doch derzeit ist alles wieder offen. Eine Kommission hat nun Kriterien erstellt, die bei der Suche nach einem Standort gelten sollen. Ihr Bericht wird in diesen Tagen veröffentlicht. Auch in diesem Gremium war die evangelische Kirche vertreten: Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister war einer der beiden Vorsitzenden der Arbeitsgruppe, die sich um die Bürgerbeteiligung kümmerte. Wie bedeutsam dieses Thema ist, hat der jahrzehntelange Konflikt um Gorleben gezeigt, der die Bevölkerung nicht nur in der betroffenen Region gespalten hat. Bei der Suche nach einem Standort für ein Endlager wird die Kirche als Moderator oder Anwalt zwangsläufig weiter beteiligt sein, spätestens wenn konkrete Orte in die engere Auswahl kommen.

Es ist bemerkenswert, dass sowohl der Atomausstieg als auch die Vision einer nachhaltigeren Gesellschaft über Jahrzehnte nicht auf der Agenda der politischen Macht standen, sondern auf den Transparenten von demonstrierenden Bürgern. Ohne den Mut und das langjährige Engagement vieler einzelner Menschen unterschiedlichster Herkunft, darunter auch viele Christen und Christinnen in kirchlichen Umweltgruppen, Friedens-AGs und Welt-Läden, würde es weder eine deutsche Nachhaltigkeitsstrategie noch eine Endlagerkomission geben. Der Impuls für diesen gesellschaftlichen Fortschritt kam von unten, und nun wird oben ernsthaft und glaubwürdig versucht, daraus konkrete Politik zu machen. Damit das gelingt, ist weiterhin das Engagement und die Beteiligung der Basis gefragt und ausdrücklich gefordert – nicht nur, aber auch, bei der Kommentierung von Regierungsprogrammen. Und es ist gut, wenn die Kirche sich auf allen Ebenen engagiert. Man kann das die konkrete Umsetzung von Öffentlicher Theologie nennen. Oder Teil des Konziliaren Prozess. In jedem Fall sind es aber Schritte in eine bessere Welt.

Stephan Kosch

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