Fromm und politisch

Warum die evangelische Kirche die Öffentliche Theologie braucht
Der Berliner Bischof Markus Dröge besuchte kürzlich christliche Flüchtlinge, die in den Hangars des früheren Flughafens Tempelhof untergebracht sind. Foto: epd/ Rolf Zoellner
Der Berliner Bischof Markus Dröge besuchte kürzlich christliche Flüchtlinge, die in den Hangars des früheren Flughafens Tempelhof untergebracht sind. Foto: epd/ Rolf Zoellner
Der EKD-Ratsvorsitzende setzt sich mit der Kritik auseinander, die von ihm und weltweit vertretene Öffentliche Theologie löse den Glauben in Ethik auf. Und er bekräftigt, dass sich dieser theologische Ansatz zu Recht auf den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) beruft.

Die Öffentliche Theologie ist in der Debatte. Und das ist gut so. Nicht zuletzt durch die öffentlichen Stellungnahmen der Kirchen zur Flüchtlingsfrage ist die alte Diskussion wieder aufgeflammt: Wie soll sich die Kirche zu politischen Fragen öffentlich äußern? Ja, soll sie es überhaupt tun?

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble warnte in einem Beitrag in der Fachzeitschrift Pastoraltheologie vor einer einseitigen Politisierung der Kirche. Und er wies darauf hin, dass „Religion, um politisch zu sein, zuerst einmal Religion sein muss“. In beidem kann man ihm nur vollen Herzens zustimmen. Mit guten Gründen hat Schäuble bekräftigt, dass Religion politisch sein muss, aber eben nicht nur Politik ist. Ganz offensichtlich ist unstrittig, dass Theologie eine öffentliche Dimension hat und sich auch in politischen Fragen zu Wort melden muss. Strittig ist nur das Wie.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat der Münchner Professor für Praktische Theologie Christian Albrecht jüngst zur Auseinandersetzung über die Öffentliche Theologie Stellung genommen. Er diagnostiziert eine ausgeprägte Positionsfreudigkeit Öffentlicher Theologen und plädiert für Debattenbeiträge, die die von ihm festgestellte gewisse Berechenbarkeit dieser Positionen überwinden und den Diskurs ergebnisoffener gestalten. Albrecht schreibt: „Wem heute Positionen der Öffentlichen Theologen nicht passen, oder wer Zweifel daran hegt, dass es ausreicht, das Ordnungsbedürfnis nach berechenbaren Positionen zu bedienen, der muss sich an den Diskussionen beteiligen und Gründe für die Christlichkeit der eigenen, bürgerlichen Positionen benennen.“ Dann könne, so schließt der Beitrag, „in der protestantischen Inszenierung kognitiver Dissonanz jenes vielleicht irritierende, mit Sicherheit aber bildende, weil die Urteilsfähigkeit selbst thematisierende Element aufscheinen, an dem den Kritikern der Öffentlichen Theologie ebenso gelegen ist wie den Öffentlichen Theologen selbst.“

Auch in den zeitzeichen wird die Diskussion geführt. In seinem Beitrag zu den EKD-Positionen in der Flüchtlingsfrage (zz 02/16) erweckte der Wiener Systematiker Ulrich Körtner den Eindruck, es handle sich bei diesen Positionen um gesinnungsethisch geprägte Einlassungen, die in Spannung zu einem verantwortlichen politischen Handeln stehen. Dabei fragt man sich allerdings, auf welche EKD-Quellen sich Körtner bezieht. Denn es ist doch selbstverständlich, dass sich aus dem Gebot der Nächstenliebe keine erschöpfenden Handlungsanweisungen für eine langfristige Migrationspolitik ableiten lassen und Lukas 10 nicht die Forderung nach unbegrenzter Zuwanderung rechtfertigt. In seiner Replik auf Körtner stellte Kirchenpräsident Volker Jung, der dem Rat der EKD angehört, zu Recht fest (zz 04/16): Eine Position, die den Verantwortungsaspekt ignoriert oder auch nur in den Hintergrund drängt, vertritt in den Leitungsgremien der EKD niemand. Vielmehr geht es genau um Verantwortung und die Frage, wie weit unser Verantwortungshorizont reicht.

Schließlich hat der emeritierte Züricher Sozialethiker Johannes Fischer in zz 05/16 einen Beitrag verfasst, in dem er sich sehr kundig und theologisch gehaltvoll mit dem Ansatz der Öffentlichen Theologie auseinandersetzt und einige kritische Fragen stellt. Sie führen tatsächlich mitten in das hinein, worum es der Öffentlichen Theologie geht. Und dabei schälen sich zwei zentrale Fragen heraus: Wie versteht sich die Kirche in der Welt? Ist sie vor allem ein Gegenüber zu ihr? Oder kann sie nur ganz Kirche sein, wenn sie ganz in der Welt ist? Und in welchem Verhältnis stehen Frömmigkeit und ethische Orientierung? Handelt es sich dabei um zwei separate Spuren oder müssen beide strikt aufeinander bezogen werden?

Zu Recht weist Fischer darauf hin, dass sich das Konzept der Öffentlichen Theologie gerade in Deutschland auf die Theologie Dietrich Bonhoeffers bezieht. Das gilt im Übrigen auch für die Vertreter der Öffentlichen Theologie, die sich im 2007 in Princeton gegründeten „Global Network for Public Theology“ zusammengeschlossen haben. In der Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle für Öffentliche Theologie an der Universität Bamberg, die der deutsche Ansprechpartner für dieses Netzwerk ist, hat das auch im Namen seinen Ausdruck gefunden.

Spannung zu Bonhoeffer?

Doch Fischer sieht die von ihm beobachtete Außenorientierung öffentlicher Theologie in Spannung zu Bonhoeffers Theologie. Denn diese habe sich nicht an die Welt oder die gesellschaftliche Öffentlichkeit gerichtet, sondern an die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden.

Natürlich richtet sich jede Theologie zunächst an die Kirche. Sie ist immer auch und zuerst kritische Selbstreflexion der Kirche. Aber genau dies führt sie hinaus in die Welt. Bonhoeffer selbst machte das in einer Passage in seiner „Ethik“ deutlich, in der er auf die Gefahr der Privatisierung religiöser Existenz hinwies: „Auf der Flucht vor der öffentlichen Auseinandersetzung erreicht dieser und jener die Freistatt einer privaten Tugendhaftigkeit. Er stiehlt nicht, er mordet nicht, er bricht nicht die Ehe, er tut nach seinen Kräften Gutes. Aber in seinem freiwilligen Verzicht auf Öffentlichkeit weiß er die erlaubten Grenzen, die ihn vor dem Konflikt bewahren, genau einzuhalten. So muss er seine Augen und Ohren verschließen vor dem Unrecht um ihn herum. Nur auf Kosten eines Selbstbetruges kann er seine private Untadeligkeit vor der Befleckung durch verantwortliches Handeln in der Welt reinerhalten. Bei allem, was er tut, wird ihn das, was er unterlässt, nicht zur Ruhe kommen lassen.“

So wenig Bonhoeffer selbst unter den Bedingungen der Diktatur und eines persönlichen Redeverbots zu einem öffentlichen Engagement der Kirche in der Gesellschaft beitragen konnte, wie wir es heute kennen, so sehr liegt es in der Ziellinie seiner Theologie. Bei Bonhoeffer ist die unverzichtbare Bedeutung der Öffentlichkeit wesentlich motiviert durch seine Versöhnungstheologie. Sie eröffnet ihm einen konstruktiven Zugang zur säkularen Welt. In einem theologischen Spitzensatz seiner Ethik bekräftigt er: „Die Wirklichkeit Gottes erschließt sich nicht anders als indem sie mich ganz in die Weltwirklichkeit hineinstellt, die Weltwirklichkeit aber finde ich immer schon getragen, angenommen, versöhnt in der Wirklichkeit Gottes vor. Das ist das Geheimnis der Offenbarung Gottes in dem Menschen Jesus Christus.“ Weltlichkeit ist also gegründet in Spiritualität. Für Bonhoeffer, so hat es Wolfgang Huber treffend festgestellt, „gibt es verantwortliches Tun nicht ohne geistliche Erfahrung, politische Aktion nicht ohne Spiritualität, Identifikation im Handeln nicht ohne das Geschenk der Identität“.

Deswegen ist für Öffentliche Theologie, wie ich sie verstehe, ein klares theologisches Profil von zentraler Bedeutung. Es geht gerade nicht um eine bloße Verdopplung von politischen oder kulturellen Gegebenheiten, sondern um eine Orientierung in strittigen ethischen Grundfragen, die in den Tiefendimensionen der öffentlichen Debatten identifizierbar sind. Öffentliche Theologie hat eine aufklärerische Funktion für die ganze Gesellschaft, weil sie die ethischen Tiefendimensionen sichtbar und dadurch diskutierbar macht, die oft hinter Sachdebatten stehen. Es macht eben einen entscheidenden Unterschied, ob Handelspolitik die Maximierung nationaler Interessen sucht oder ob hinter ihr die Wahrnehmung einer globalen Verantwortung steht, die auf der Überzeugung fußt, dass jeder Mensch zum Bilde Gottes geschaffen ist und die ihre zusätzliche Dringlichkeit dadurch bekommt, dass Christus sich mit den geringsten seiner Brüder und Schwester identifiziert.

Sprache der Vernunft

Da die auf dem klaren theologischen Profil gründenden Grundorientierungen in den Diskurs einer weltanschaulich pluralen Öffentlichkeit hinein kommuniziert werden müssen, braucht es die „Zweisprachigkeit“. Das ist die Fähigkeit, in der Sprache der Vernunft plausibel zu machen, warum christliche Orientierungen sinnvoll sind. Solche Zweisprachigkeit bedeutet keineswegs, die religiöse Herkunft dessen, was kommuniziert wird, zu verleugnen. Denn auch im öffentlichen Diskurs darf von allen eine Offenheit für religiöse Beiträge erwartet werden. Säkularisierte Bürger – so hat Jürgen Habermas ausdrücklich betont – „dürfen, soweit sie in ihrer Rolle als Staatsbürger auftreten, weder religiösen Weltbildern grundsätzlich ein Wahrheitspotenzial absprechen, noch den gläubigen Mitbürgern das Recht bestreiten, in religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen. Eine liberale politische Kultur kann sogar von den säkularisierten Bürgern erwarten, dass sie sich an Anstrengungen beteiligen, relevante Beiträge aus der religiösen in eine öffentlich zugängliche Sprache zu übersetzen.“ Bei der Zweisprachigkeit geht es also nicht darum, sich an die säkulare Sprache anzupassen und so um gesellschaftliche Relevanz zu buhlen. Vielmehr geht es um die angemessene Kommunikation geistlich gegründeter und profilierter Inhalte in die plurale Öffentlichkeit hinein.

Doch Professor Fischer sieht in der Idee der Zweisprachigkeit den Beleg dafür, dass Öffentliche Theologie sich vom Bezug zur Frömmigkeit verabschiedet und in Ethik auflöst. Im Sinn der Zweisprachigkeit – kritisiert er – liege es nahe, „statt der Liebe die Goldene Regel zum ethischen Leitgesichtspunkt zu machen, insofern diese auch der säkularen Vernunft etwas sagt“.

Aber die Alternative zwischen Liebesgebot und Goldener Regel ist falsch. Das lässt sich schon an der biblischen Überlieferung zeigen, in der die außerordentlich enge Beziehung zwischen beidem deutlich ist. „Alles, was ihr wollt, dass die Leute euch tun sollen, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten.“ So wird die Goldene Regel im Matthäusevangelium eingeführt. Es ist bemerkenswert, dass Jesus einer auch für Nichtchristen nachvollziehbaren Gegenseitigkeitsregel wie der Goldenen Regel eine so zentrale Bedeutung zumisst, dass er sie als „das Gesetz und die Propheten“, also als Zusammenfassung aller Ethik, bezeichnet. Bemerkenswert ist aber auch noch ein Anderes: Nur einer anderen neutestamentlichen Tradition wird die Ehre zuteil, als „das Gesetz und die Propheten” bezeichnet und damit als inhaltliche Summe der Ethik Jesu herausgehoben zu werden. Es ist das Doppelgebot der Liebe (Matthäus 22). Ganz offensichtlich gibt es keinen Gegensatz zwischen religiös gegründetem Liebesgebot und säkular geprägter Goldener Regel. Schon im Neuen Testament ist das Glaubenszeugnis gepaart mit einer werbenden Vernunft, die die auf Liebe gegründeten Lebensorientierungen plausibel machen will.

Wenn das deutlich ist, dann wird auch klar, warum es ein Missverständnis ist, wenn Fischer meint, gottesdienstliche Vollzüge und Frömmigkeitspraxis lägen „außerhalb des Interesses Öffentlicher Theologie“. Vielmehr ist das Gegenteil richtig. Wenn Kritiker eine „Politisierung“ oder „Ethisierung“ der Theologie beklagen, können sie nicht die Öffentliche Theologie meinen. Denn deren Kern liegt gerade in der untrennbaren Verbindung von geistlicher und ethischer Dimension. Wer es als geistliche Verarmung sieht, wenn Theologen sich als die besseren Politikkommentatoren gerieren, hat Recht. Und vielleicht bezieht sich das auf manche kirchliche Äußerungen in den vergangenen Jahrzehnten, bei denen der politische Kommentar im Zentrum stand. Und da ist eine Selbstbesinnung nötig. Was wir heute brauchen, ist eine geistliche Erneuerung, die Glaube und Frömmigkeit als Schlüssel für ein erfülltes Leben deutlich macht. Genauso klar aber ist: Aus einer solchen erneuerten Frömmigkeit wird keine politische Abstinenz erwachsen, sondern eine ebenso erneuerte Leidenschaft für die Welt und ein damit verbundenes Engagement. Wie anders könnte sich die Tatsache auswirken, dass im Lichte des Doppelgebots der Liebe keine erneuerte Gottesbeziehung möglich ist ohne eine erneuerte Beziehung zum Nächsten? Und wie anders könnten wir dazu beitragen, die Not des Nächsten zu überwinden, durch persönliche Hilfeleistung wie durch Beseitigung der Ursachen der Not, zu denen immer auch die politische Dimension gehört?

Fünf Klarstellungen zum Profil Öffentlicher Theologie sind festzuhalten: Erstens erschöpft sie sich nicht in Ethik, sondern lebt von einem klaren theologischen Profil. Zweitens sieht sie das leidenschaftliche Engagement für die Welt in einer vertieften Frömmigkeit gegründet. Drittens hat ihre Zweisprachigkeit nicht den Sinn, das theologische Profil in die weltanschaulich pluralen Diskurse hinein aufzulösen, sondern inhaltliche Impulse in diesem Diskursen plausibel zu machen. Viertens impliziert das theologisch gegründete Sicheinlassen auf die Welt eine Verantwortung, die gerade darin aufklärend wirkt, indem sie sich Rechenschaft über die ihr zugrundeliegende Gesinnung gibt. Und fünftens verbindet Öffentliche Theologie klare theologisch-ethische Grundorientierungen mit einer ergebnisoffenen Diskursivität im Hinblick auf die politischen Konsequenzen, die daraus folgen.Hinter diese fünf Klarstellungen sollte die Debatte um den theologischen Ansatz der Öffentlichen Theologie in der Zukunft nicht zurückfallen.

Ulrich Körtner: Mehr Verantwortung, weniger Gesinnung (zz 02/2016)
Volker Jung: Herrschaft des Rechts (zz 04/2016)
Johannes Fischer: Gefahr der Unduldsamkeit (zz 05/2016)

Heinrich Bedford-Strohm

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