Anhaltende Heiterkeit

Eine Jean-Tinguely-Ausstellung in Düsseldorf
Foto: pixelio/Dietmar Meinert

Wer beim Besuch dieser Ausstellung einer Schulklasse begegnet, wird, sofern er überhaupt eine Erfahrung mit solchen Akten schulischer Kunsterziehung hat, sein blaues Wunder erleben: Die Jugendlichen drängen sich ganz nach vorn, sie melden sich auf Fragen der vortragenden Museumspädagogin zu Wort, und das Erstaunlichste: Kein Junge drückt sich mit ostentativ desinteressierter Miene im Hintergrund herum, alle sind mittenmang dabei.

Nun ja, Tinguelys kinetische Kunstwerke sind Klapperatismen, die den Eindruck erwecken, als habe sie ein großer Junge gebastelt, dem sein Metallbaukasten nicht mehr genügte. Die meisten taugen freilich nur zum Anstaunen, doch sie sind fast alle mit mindestens einem Elektromotor ausgestattet. Auf Knopfdruck setzt sich da irgendetwas in Bewegung, sondert wohl auch durch einen antiken kleinen Lautsprecher Geräusche ab, und stellt nebenbei die Frage in den Raum: Rate mal, wofür ich gut bin.

Bei den frühen Werken drehen sich etwa Pfeile aus Pappmaché so langsam, dass es einiger Aufmerksamkeit bedarf, die Bewegung wahrzunehmen, bei späteren dreht und bewegt sich alles unter erheblicher Kracherzeugung; manche Maschinen malen am Ende eines langen, scheinbar sinnlosen Weges der Kraftübertragung ein hübsches abstraktes Muster auf ein Papier, wahrhaft peinture automatique. Bemerkenswert ist vor allem die Wirkung aufs Gemüt, nicht nur auf das der männlichen Post-Märklin-Generation: Sie lässt sich als plötzlich auftretende und anhaltende Heiterkeit beschreiben, die selbst erfahrene Kunstliebhaber dazu verführen kann, den im Kopf mitgeführten Interpretations- und Kritikkoffer gar nicht erst zu öffnen. Deutungen, auch raffinierte und nicht-wohlfeile, scheinen an diesen Objekten abzuprallen oder sich Sie irgendwo in den vertrackten Mechanismen zu verlieren. Scheinbar sinnlos? Nein, das trifft es nicht. Eher sinnfrei. Aber mit Nachdruck auf dem „frei“, verstanden als lächelnde Befreiung von jedem stirnrunzelnden Relevanzgebot. Freilich liegt darin Revolte gegen eine Kunst, die sich selbst Heiligkeit zuspricht, und dass sich in diesem Werk Leichtigkeit und das Bewusstsein um Tod und Vergänglichkeit nicht einander ausschließen, erschließt sich auf den zweiten Blick.

Der Schweizer Künstler Jean Tinguely wurde 1925 geboren. Mitte der Fünfziger Jahre lernte er Yves Klein und Niki de Saint Phalle kennen, die er 1971 in zweiter Ehe heiratete. Mit dem Eisenplastiker Bernhard Luginbühl verband ihn eine langjährige Freundschaft. Mit ihm und weiteren Künstlern sowie mit seiner Frau realisierte er diverse gemeinsame Projekte. Tinguely starb 1991 an einem Herzinfarkt. In diesem kurzen Text lässt sich nicht viel über ihn erzählen, es erübrigt sich auch angesichts der Überfülle der Informationen, die man im Internet erhält. Dort erfährt man, wie seine Kunst in den Fünfzigerjahren (einem Jahrzehnt, dem ganz zu Unrecht immer noch das Odium einer öden Restaurationszeit anhaftet) wurzelt und alle Zeiten sich gesellschaftskritisch gerierender Aufgeblasenheit überdauerte.

Im letzten Raum der Ausstellung findet sich Tinguelys Opus Magnum: Metá-Maxi-Maxi-Utopia, eine riesige Maschine, die über schmale Treppen begangen werden kann. Wenn man oben steht, wenn alles rüttelt, schüttelt und sich dreht, dann schleicht sich vielleicht doch wieder eine klitzekleine Reflexion ein: nämlich die über das Gefühl, zurückzuschauen auf das lange Zeitalter der Mechanik, und dabei alles, was daran menschheitsquälend war, zurückzulassen, nur Beschwingt-Utopisches zu behalten. Der nie alt gewordene Schiller wusste es: Der Mensch ist nur da wirklich Mensch, wo er spielt.

Ausstellung Super Méta Maxi, Museum Kunstpalast Düsseldorf, bis 14. August, Di–Sa 11–18, Do 11–21 Uhr.

Helmut Kremers

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