Selbstbezogenheit

Neue Glaubensmeditation
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Carrère berichtet in seinem Buch, wie er zum Glauben fand, wieder davon abkam und heute als Agnostiker Paulus und Lukas liest.

Man kann nicht behaupten, dass die akademischen Theologen eine zu große Anzahl interessanter, gut geschriebener Bücher produzierten. Eigentlich fällt einem aus den vergangenen Jahren nur Jörg Lausters wunderbare Kulturgeschichte des Christentums ein. Doch zum Glück gibt es Randsiedler und Fachfremde, die den Leser mit eigensinnigen Annäherungen an den Glauben überraschen, irritieren und inspirieren. Man denke an das Buch des französischen Soziologen Bruno Latour über das Jubilieren oder an die Korinthischen Brocken des Dichters und Theologen Christian Lehnert (siehe zz 1/2014). So freut man sich, die frisch erschienene Glaubensmeditation des französischen Romanciers Emmanuel Carrère aufzuschlagen. In seinem Heimatland war sie ein regelrechter Bestseller. Carrère berichtet in seinem Buch, wie er zum Glauben fand, wieder davon abkam und heute als Agnostiker Paulus und Lukas liest. Sympathisch ist, dass er weder in einen Konvertiten- oder Renegaten-Furor verfällt, sondern auch bei diesem so intimen Thema abwägt und differenziert bleibt. Er will niemanden vom Christentum oder dessen Gegenteil überzeugen. Aber ernst nehmen will er die großen Anfänger des Christentums. So zeigt Carrère, dass man auch heute, mitten in religiös aufgeheizten Konflikten, über den Glauben engagiert und doch gelassen sprechen kann. Deshalb könnte man sich über die positive Aufnahme seines Buches eigentlich nur freuen. Doch stellt sich beim Lesen bald Enttäuschung ein. Allzu lang, viel zu breit erzählt Carrère und offenbart dabei eine ungebremste Selbstbezogenheit, die die Lektüre schnell zur Pein werden lässt. Es ist nicht nur langweilig, es ist auch unangenehm, wie der Autor seine Lebens- und Ehekrisen, die familiären Sorgen, den Ärger mit dem Dienstpersonal, ja sogar – Gipfel des Peinlichen – die Gespräche mit seiner Therapeutin ausbreitet. Als Prediger kennt man den Grundsatz, dass man auf der Kanzel persönlich, aber nicht über Privates sprechen sollte. Hätte Carrère doch einmal davon gehört! Als Seelsorger würde man sich auf seine ungezügelte Selbstbespiegelung einlassen, aber wenn man sich das neue Buch eines renommierten Autors kauft, erwartet man anderes.

Es ist erstaunlich, wie wenig Gedanken Carrère sich über die Gestalt, den Ton und Stil seines theologischen Versuchs gemacht hat. Er erzählt seine Erlebnisse und Gedanken einfach in einem banalen Berichtsstil herunter und bedient sich dabei unbekümmert abgenutzter Sprachklischees. Es gibt in diesem Buch keinen Bogen, keine Spannung, keine Prägnanz, keine Pointierung. Mühelos hätte man die über 500 Seiten auf ein Drittel kürzen können. Die formvergessene Redseligkeit sticht umso deutlicher hervor, als die biblischen Texte – ob man ihnen nun Glauben schenkt oder nicht – doch genau dieses besitzen: eine verdichtete Gestalt und viele erstaunliche Formulierungen. So muss man gar nicht groß vermerken, dass man Carrères biblische Meditationen unbelehrt und unüberrascht hinter sich lässt. Der Autor ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um aus Paulus oder Lukas etwas Interessantes herauszuholen. Gottfried Benn hat einmal behauptet, Gott sei ein schlechtes Stilprinzip, und „wenn man religiös wird, erweicht der Ausdruck“. Carrère beweist, dass auch der Verlust des Glaubens zu Ausdruckserweichungen führen kann: Zu viel „Ich“ ist ebenfalls ein schlechtes Stilprinzip.

Johann Hinrich Claussen

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