Die Gentlemen lassen bitten

Die deutschen Freimaurer und ihr Weg in die Moderne – eine Erfolgsgeschichte?
Tafel mit Porträts prominenter Freimaurer zeigte die Ausstellung „Geheime Gesellschaft“ in Weimar. Foto: epd/ Maik Schuck
Tafel mit Porträts prominenter Freimaurer zeigte die Ausstellung „Geheime Gesellschaft“ in Weimar. Foto: epd/ Maik Schuck
Noch ein Jubiläum im Jahr 2017. Am 24. Juni 1717 schlossen sich in London vier Freimaurer-Logen zur ersten Großloge zusammen, und wenig später wurde in Hamburg die erste deutsche Loge gegründet. Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der bayerischen Landeskirche, schildert den Wandel eines Geheimbundes.

Die Freimaurerei ist ein Kind der Aufklärung, praktiziert jedoch Rituale, die der Verschwiegenheit ihrer Mitglieder unterliegen. In den vergangenen Jahren aber hat sich das Erscheinungsbild der deutschen Freimaurerei verändert. Der ethische Männerbund passt sich zunehmend den Erfordernissen der Medien- und Kommunikationsgesellschaft an: Neu gestaltete Internetauftritte, Diskussionsforen, Buchpublikationen, die Beteiligung an öffentlichen Aktionen wie „Die lange Nacht der Museen“ oder dem „Tag des Denkmals“ zeigen eine neue Offenheit. Die Internetpräsenz freimaurer-wiki.de, die ein Logenbruder 2009 ins Leben gerufen hat, um klischeehaften Gerüchten entgegenzutreten, umfasst inzwischen 4.700 Einträge und erzielt eigenen Angaben zufolge bislang über 20 Millionen Klicks.

Der Imagewandel dieser verschwiegenen Bruderschaft zeigt sich auch in neueren Selbstdarstellungen: Flott geschriebene Bücher wie Freimaurer in 60 Minuten verschaffen dem freimaurerischen Anliegen eine größere Öffentlichkeit. Schon längst ist die „Königliche Kunst“ keine Männerdomäne mehr. In den vergangenen Jahren sind in verschiedenen Städten Deutschlands neue Frauenlogen entstanden. Seit 1949 besteht mit der Frauengroßloge von Deutschland eine organisatorische Basis. Der einschlägige Internet-Blog „FrauMaurer“ informiert regelmäßig über Aspekte und Entwicklungen femininer Freimaurerei. Zur aktuellen Flüchtlingstragödie hat sich die deutsche Frauengroßloge mit anderen europäischen Großlogen im Herbst 2015 öffentlich zu Wort gemeldet. Beim Bruderbund sind öffentliche Stellungnahmen seit einigen Jahren gute Tradition. Anlässlich der Terroranschläge im März dieses Jahres in Brüssel hat Christoph Bosbach, seit 2015 Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland und damit höchster Repräsentant der deutschen Freimaurer, an „ein Jahrhunderte altes System von Werten, tiefer Moral und von einer humanistisch geprägten Anschauung des Menschen in seiner Umwelt“ erinnert.

In Selbstdarstellungen wird immer wieder an prominente Freimaurer vergangener Epochen erinnert: an preußische Könige wie Friedrich der Große, Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe und Matthias Claudius, an US-Präsidenten wie George Washington, an deutsche Politiker wie Gustav Stresemann sowie an Musiker und Schauspieler wie Louis Armstrong und Charles Chaplin. Prominente Persönlichkeiten, die heute bei den Freimaurern mitwirken, sind zurzeit allerdings nicht bekannt. Hier wird Diskretion gewahrt.

Wie passt das freimaurerische Geheimnis und Aufklärungspathos vergangener Jahrhunderte in eine hochkomplexe, globalisierte und digitalisierte Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts? Überraschenderweise können die Logen, wenngleich in bescheidenem Rahmen, einen leichten Mitgliederzuwachs verzeichnen. Nach offiziellen Mitteilungen des Großmeisteramtes der Vereinigten Großlogen von Deutschland gibt es derzeit rund 15.500 Brüder. Ihre Zahl hat sich im Vergleich zu 2011 um etwa 1.000 Freimaurer erhöht. Als mögliche Ursache ist die neue Form der Mitgliedergewinnung über das Internet zu sehen. Seit 1982 besteht auch eine Frauen-Großloge von Deutschland . Derzeit gehören ihr 25 Logen mit insgesamt 500 Freimaurerinnen an. Für die nahe Zukunft sind weitere Logengründungen geplant. In Deutschland gibt es auch so genannte, herkömmlich als irregulär betrachtete „gemischte Logen“, die mit Blick auf ihre geringen Mitgliederzahlen aber so gut wie keine Rolle spielen.

Geistige Vertiefung

Bei den Freimaurern handelt es sich um einen nach Ländern in Großlogen organisierten symbolischen Werkbund, der sich der Humanität, Toleranz und Brüderlichkeit verpflichtet weiß. Die Großloge als höchste freimaurerische Organisationsstufe vereinigt die Logen eines Landes. Die Freimaurerei begreift sich weder als Religion noch als Kirche, sondern als ethisch orientierten, universellen Gesinnungsbund, dessen Mitglieder („Brüder“) eine geistige Vertiefung und menschliche Haltung anstreben. Freimaurerische Autoren sprechen von Persönlichkeitstraining und Lebenshaltung, Außenstehende auch von einer „Erziehung zum Gentleman“.

Dazu bedient sich die Freimaurerei spezifischer Rituale und Symbole, die der Welt der mittelalterlichen Steinmetzbruderschaften entstammen. Ihre Bedeutung sollte der Freimaurer kennen. Daher werden die ethischen Ziele auch bildhaft umschrieben: Arbeit am rauen Stein, Bau am Tempel der Menschheit. Rituelle Arbeiten dienen dazu, die freimaurerischen Begriffe zu festigen. Dies geschieht mit Symbolen, dem so genannten Arbeitsteppich sowie Lehrszenen während der Rituale. Ihr Ablauf im freimaurerischen Tempel unterliegt der Verschwiegenheit, der Diskretion. Für Freimaurer ist das Erleben des Rituals das eigentliche Geheimnis. Für Außenstehende („Profane“) ist es prinzipiell nicht zugänglich. Entscheidend ist die Unterscheidung von Profanem und Nichtprofanem beziehungsweise Sakralem. Auf letzteren Begriff verzichtet die Freimaurerei, wenngleich religiöse Anklänge in der Symbolik und Ritualistik durchaus vorhanden sind.

Das Verhältnis von Geheimnis und Öffentlichkeit in der Freimaurerei bleibt ungeklärt. Es gilt für Freimaurer abzuwägen zwischen der vom Bund gebotenen Verschwiegenheit und dem Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit. Aus freimaurerischer Sicht dürfen – wie das Deutsche Freimaurerlexikon in seiner zweiten Auflage von 2011 festhält – keinesfalls „Erkennungszeichen (Zeichen, Wort und Griff), wörtliche Ritualtexte, die über ein kurzes Zitat hinausgehen, Bild- und Tonarbeiten von rituellen Arbeiten, Offenlegung des Tempels, der voll zur Tempelarbeit eingerichtet ist und dessen Teppich nicht abgedeckt ist, Namen von anderen Freimaurer-Brüdern, sofern sie nicht selbst ihre Mitgliedschaft offen legen, bekanntgegeben und veröffentlicht werden“. Die Diskretion wird von freimaurerischer Seite damit begründet, dass der Kandidat die Rituale eindrucksvoller erlebe, wenn er nicht vorher schon von ihnen Kenntnis habe.

Historisch lässt sich die Freimaurerei auf die mittelalterliche Bauhütten-tradition zurückführen. Dieses Erbe der Steinmetzbruderschaften zeigt sich auch im Begriff des „Maurers“, in der Stufung der Mitglieder in Lehrling, Geselle und Meister sowie in bestimmten Symbolen wie Tempel, Loge (= Bauhütte), Maurerschurz, Winkelmaß, Zirkel, Senkblei. In der Freimaurerei geht es um die ethische Vervollkommnung des Einzelnen.

Freimaurer verstehen sich dabei nicht als religiöse Vereinigung, nicht als Kirche oder Religion. Vielmehr spielt der Brauch eine Rolle, auf einem Minimalbekenntnis zu Gott als dem „(Großen) Allmächtigen Baumeister aller Welten“ zu bestehen. Die ersten Freimaurer übernahmen die deistische Auffassung aus den Glaubensüberzeugungen der bestehenden Religionsgemeinschaften, wonach Gott als Vater aller seiner Kinder gelten soll. Aussagen über sein aktuelles Wirken gibt es von freimaurerischer Seite nicht. Zur Begründung heißt es, die Symbole und Rituale sollten dem Einzelnen einen Freiraum wie auch eine Projektionsfläche für seine eigenen religiösen Vorstellungen bieten. Freimaurerlogen leisten auch finanzielle Unterstützung für soziale Projekte, wenngleich nicht so öffentlichkeitswirksam wie die so genannten Service-Clubs der Lions und Rotarier.

Innerhalb der deutschen Freimaurerei gibt es ein Nebeneinander unterschiedlicher Lehrarten, die sich in den jeweiligen Großlogen spiegeln. So wird herkömmlich unterschieden zwischen christlich geprägten und universell ausgerichteten Großlogen. Zu ersteren gehören zum Beispiel in Deutschland die Große National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“, zu letzteren die Großloge der „Alten und Freien Angenommenen Maurer von Deutschland“.

In der Freimaurerei gibt es insgesamt drei verschiedene Rituale. Am Anfang steht das Aufnahmeritual eines Suchenden, dem weitere Rituale (Grade) folgen. Für den einzelnen Kandidaten lassen sich im zweiten und dritten Grad ebenfalls Momente eines Initiationsrituals beobachten: die Beförderung in den Gesellengrad sowie die Meistererhebung, in deren Zentrum die so genannte Hiramslegende steht. Damit wird der Einzelne in einen neuen Status in der Loge gehoben und hat damit Zugang zu Ritualen des jeweiligen Grades. Im engeren Sinne handelt es sich bei der Meistererhebung um eine inszenierte Tragödie beziehungsweise um ein „freimaurerisches Psychodrama“, das sich um den Bau des ersten Salomonischen Tempels rankt und dabei auf biblische Gedanken zurückgreift (2.Chronik 2,3 ff).

Für Außenstehende bleibt bei diesem Ritual, einer Art „Wiedererweckungszeremonie“, unklar, durch wen und wodurch die Verwandlung des Einzelnen bewirkt wird. Aus christlicher Sicht stellt sich hier die Frage, inwieweit hier eine zu große Identifikation mit einer mythischen Gestalt vollzogen wird. Die Frage, die aus kirchlicher Sicht im Zentrum einer Verhältnisbestimmung steht, lautet: Vollziehen die Freimaurer in ihren Ritualen sakramentale oder sakramentsähnliche Handlungen? Die großen christlichen Kirchen in Deutschland kommen in dieser Frage zu unterschiedlichen Einschätzungen.

Die christlichen Konfessionen positionieren sich dabei, je nach theologischen Voraussetzungen, unterschiedlich: Die Katholische Kirche hält an einer prinzipiellen Unvereinbarkeit fest, unter anderem, da sie in den freimaurerischen Ritualen sakramentsähnliche Handlungen erblickt. Auch die Orthodoxen Kirchen teilen diese Auffassung. Die Römisch-Katholische Kirche verhängt im Fall einer Logenmitgliedschaft gegenüber dem Gläubigen keine Sanktionen. Er befindet sich nach offizieller Auffassung zwar im Stand der moralischen Sünde, eine Exkommunikation erfolgt jedoch nicht mehr. In den deutschen Bistümern wird die Mitgliedschaft eines Katholiken in einer Loge oftmals stillschweigend geduldet, wenngleich die theologischen Anfragen an den Bruderbund und dessen Weltanschauung weiterhin bestehen bleiben.

Verhältnis lange ungeklärt

Bis in die Siebzigerjahre hinein blieb in Deutschland das Verhältnis der Evangelischen Kirche zur Freimaurerei ungeklärt. Das änderte sich jedoch mit dem gemeinsamen Gespräch zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und den Vereinigten Großlogen von Deutschland (vglvd) zwischen 1972 und 1973. Die insgesamt drei Gespräche im oberbayerischen Tutzing ergaben für das Gottesverständnis und „das ethische Wollen“ keinen ausschließenden Gegensatz. Ein evangelischer Christ kann demzufolge auch Freimaurer sein. Unklar blieben für die evangelischen Gesprächsteilnehmer die Bedeutung und das Erleben des freimaurerischen Rituals, wobei sie die Frage bewegte, „ob das Ritualerlebnis und die Arbeit des Maurers nicht die Rechtfertigung aus Gnaden in ihrer Bedeutung für den evangelischen Christen mindern könnten“. Den Freimaurern wurde schließlich empfohlen, „in geeigneter Weise dazu beizutragen, daß ein höheres Maß von Information vermittelt wird, um Vorurteile abzubauen“.

Seit den offiziellen Gesprächen zwischen Evangelischer Kirche und Freimaurerei sind mittlerweile über 40 Jahre vergangen. Einige Forderungen der evangelischen Gesprächsteilnehmer haben Berücksichtigung gefunden. Aus evangelischer Sicht bleiben theologische Anfragen jedoch weiterhin bestehen. Aus kirchlicher Sicht ist von Interesse, wie und in welcher Form der Bruderbund seine Haltung zu Geheimnis und Öffentlichkeit jetzt und zukünftig bestimmen wird. In welchem Verhältnis steht die Rechtfertigungsbotschaft zu Selbstoptimierungstendenzen in der Freimaurerei? Wie halten es die Freimaurer mit der Religion? Auch hier scheint intern ein Spannungsverhältnis zu bestehen: Manche Freimaurer sehen sich radikal, fast religionsphobisch, ausschließlich der menschlichen Vernunft verpflichtet, andere erblicken in der Loge religionseuphorisch einen Mysterienbund mit esoterischen oder christlich-mystischen Konnotationen. Wie gelingt für die Logen der Spagat zwischen Diesseitsorientierung und vorsichtigem Transzendenzbezug? Welche Bedeutung haben die Rituale für den Einzelnen?

Eines dürfte jedoch klar sein: Für die Freimaurerei wird das Spannungsverhältnis von Geheimnis und Öffentlichkeit weiterhin bestehen. Offenbar gehört es untrennbar zu ihrem Wesen.

Literatur

Matthias Pöhlmann: Verschwiegene Männer. Freimaurer in Deutschland, Berlin 5/2011; erhältlich gegen eine Spende (Richtwert: 8 Euro, zuzüglich Versandkosten) bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (ezw) in Berlin, www.ezw-berlin.de.

Matthias Pöhlmann

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