Neues wagen

Abendmahl feiern
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Man liest, schluckt und fragt sich: „Wie hat‘s geschmeckt?“ Und stellt fest: „Some like it hot!“

Ezechiel musste eine Buchrolle verspeisen, bevor Gott ihn zu den Israeliten schickte. Wie schmecken Bücher? Ich bin froh, dass ich Christian Grethleins Abendmahlbuch nicht essen muss. Es wäre mir zu scharf.

Aufgebaut im klassischen Dreischritt Geschichte, Gegenwart und Zukunft bietet es vor allem im ersten Teil Gepfeffertes. Im zweiten Teil widmet es sich unterschiedlichen Formen zwischen „Tradition und Aufbrüchen“ – auch Überlegungen zum Essen, Empirisches, Rechtliches, Ökumenisches und ganz Praktisches werden abgehandelt. Unter dem Titel „Einheit im Herrn und Vielfalt im Feiern“ wird im dritten Teil die Kernthese des Buches noch einmal entfaltet und zugespitzt: Der bis zur Unkenntlichkeit reduzierte Mahlcharakter der Abendmahlsfeier müsse wieder hergestellt werden. Fehlten die Grundcharakteristika des jesuanischen Mahls – die Offenheit für alle und das Miteinander-Teilen bei der Sättigung – kommuniziere die Mahlfeier nicht mehr Evangelium. Sie bleibe dann, was sie jetzt sei: ein eher kümmerliches, steifes und eigentlich überflüssiges Ritual für religiös Hochmotivierte.

Ist dem so? Nicht von der Hand zu weisen ist eine gewisse Lustlosigkeit. Zwischen dem, was die Theologie postuliert und dem, was sich in der Kirche manifestiert, klafft ein Abgrund. Christian Grethlein hat sich darum dem britischen Theologieprofessor Martin Stringer folgend für eine problemgeschichtliche Periodisierung entschieden, in der jeweils drei Jahrhunderte eine Einheit bilden. Die Titel der Kapitel sprechen für sich: Von Jesu inklusiven Mahlzeiten zur kultischen Mahlfeier der Kirche (bis 300); Vergeistigung und Verdinglichung der kirchlichen Eucharistie (300–600); von der Feier der Eucharistie zum Lesen der Messe (600–900); das priesterliche Opfer als Ausdruck kirchlicher Macht (900–1200); Ritual zwischen scholastischer Bestimmung und volksfrommer Praxis (1200 – 1500); Rückkehrversuche zum Nachtmahl des Herrn (1500–1800); zwischen kirchlicher Normierung und vielfältigen Aufbrüchen (1800–1975).

Zwar soll dieser Aufriss nicht nur als „Verfallsgeschichte“, sondern auch als „Kontextualisierung“ der ursprünglichen Mahlfeier interpretiert werden. Aber es bleibt beim überaus kritischen Fazit: Die Ablösung vom Sättigungsmahl und die Klerikalisierung provozierten eine Reglementierung, Institutionalisierung, Instrumentalisierung, Ritualisierung, Sakralisierung und Hierarchisierung der Mahlfeiern. Was einmal inklusive Mahlfeier in pluriformer Gestalt war, ist ein exklusives kultisches Ritual geworden – und eine trockene Angelegenheit. Weit und breit keine „fetten markigen Speisen und alter, geläuterter Wein“ (Jesaja 25. 6 – 8) zu sehen. Wer meint, das Buch sei ein Beitrag zum Reformationsjubiläum, schluckt trocken. Die reformatorische Abendmahlsreform sei zwar als „Rückkehrversuch“ zu würdigen, aber gescheitert, weil die Fixierung auf die Einsetzungsworte, die Buße und den Sakramentscharakter eine viel radikalere Reform verhindert habe. Formen wie das Feierabendmahl, das Gemeindefest oder „Charity Dinner“ weisen die Richtung. Theologisch ist weder die Trennung zwischen Agape und Abendmahl noch die Leitung eines Ordinierten plausibel.

Man liest, schluckt und fragt sich: „Wie hat‘s geschmeckt?“ Und stellt fest: „Some like it hot!“ Und fragt nach: Ist denn das Abendmahl nicht [auch] eine Zeichenhandlung? In der Mahlfeier geht es doch [auch] um den Genuss Gottes! Wer die Liturgie liebt, vermisst in diesem Buch den Geschmack des Heiligen. Das spricht aber nicht gegen die Rückgewinnung der diakonischen Dimension. Es spricht dafür, sich von der guten Küche inspirieren zu lassen und neue Kombinationen zu wagen!

Ralph Kunz

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