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Roman über die Clarissen
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Anne Bezzel will den tapferen Clarissen ein Denkmal setzen, indem sie die Nürnberger Ereignisse des Jahres 1525 historisch getreu nacherzählt.

Zu den außergewöhnlichen Frauen des frühen 16. Jahrhunderts gehört die Äbtissin des Nürnberger Clarissen-Klosters Caritas Pirckheimer, eine hochgebildete Frau, die sich gegen die Zwangseinführung der Reformation in Nürnberg zur Wehr setzte und mit Hilfe Philipp Melanchthons die Schließung ihres Klosters verhindern konnte. Sie verdient es, dass ihrer auch im Rahmen des Reformationsjubiläums gedacht wird, steht sie doch für die Glaubens- und Gewissensfreiheit der Andersdenkenden.

Caritas Pirckheimer schrieb in den Jahren 1525–1528 eine Chronik, die heute unter dem Titel Denkwürdigkeiten zugänglich ist. Auch ihr weitläufiger Briefwechsel mit den Geistesgrößen ihrer Zeit wurde publiziert.

Auf diesen Quellen beruht der historische Roman der Erfurter Theologin Anne Bezzel, die während ihres Studiums auf die Geschichte von drei jungen Nonnen stieß, die 1525 gegen ihren Willen von ihren Familien aus dem Klarissenkloster geholt wurden, weil die „neue Lehre“ das Klosterleben verurteilte. Anne Bezzel will den tapferen Clarissen ein Denkmal setzen, indem sie die Nürnberger Ereignisse des Jahres 1525 in zahlreichen Episoden historisch getreu nacherzählt. Sie hat viel recherchiert. Detailgenau schildert sie die Arbeit der Nonnen in der Bibliothek, sie beschreibt die Kleidung der Nürnberger Patrizier, ihre Wohnhäuser, doch gelingt es ihr nicht recht, diesen Kenntnisreichtum mit der Romanhandlung zu verweben. Oft entsteht der Eindruck, als bilde die Handlung nur den Rahmen für die didaktischen Absichten der Autorin.

In ihrer Erzählung bleibt Anne Bezzel nicht bei den Nonnen, sondern führt für die Geschehnisse vom Nürnberger Religionsgespräch bis zum – leider späten – Eingreifen Melanchthons immer wieder neue Figuren ein. Auf diese Weise kann sie den Ablauf zwar genau nachvollziehen und die verschiedenen Perspektiven – Klosterfrauen hier, Nürnberger Patrizier da – richtig darstellen, aber der emotionale Aufruhr, den sie bei all ihren Figuren beschwört, bleibt ohne Tiefe.

Die jungen Clarissen, Clara, Katharina und Margarethe, deren noble Familien schließlich die Klostertüren stürmen, haben alle die gleichen aufgewühlten Gefühle, sind alle drei gleichermaßen glücklich in ihrer frommen Mädchengemeinschaft unter der Obhut der mütterlichen Äbtissin, von deren Geistesschärfe und Kampfeslust im Roman nichts zu spüren ist. Die reale Caritas Pirckheimer brachte selbst gegenreformatorische Schriften in Umlauf und schmähte die Lutherischen als „trunkene, unkeusche Pfaffen“. Bei Anne Bezzel wird sie zur sanftmütig Leidenden, die das sola scriptura und das solus Christus auch ohne Luther längst gelernt hat. Die Reformation in Nürnberg dagegen, auch wenn die Autorin um Nuancierungen bemüht ist, erscheint als ein Zeitgeistphänomen: Plötzlich laufen alle der „neuen Lehre“ nach und fürchten sich außerdem vor den Bauern. Sympathisch ist das Unterfangen, den Nürnberger Clarissen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und einer evangelischen Leserschaft nahe zu bringen, dass die Klöster zur Reformationszeit nicht samt und sonders verkommen, die klösterlichen Gelübde gerade für Frauen auch eine Sache von Bildung und innerer Freiheit waren. Aber für einen Roman ist das Buch doch zäh und spannungsarm geraten.

Angelika Obert

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