Vergebung ist möglich

Ökumenische Lerngeschichte lässt hoffen

Unsere ökumenische Lerngeschichte in Europa lässt mit Blick auf die Kriege und Auseinandersetzungen im Nahen und Mittleren Osten hoffen.

Letztens habe ich die evangelische Kirche in Österreich besucht. Gewiss, sie macht nur drei Prozent der Bevölkerung aus und ist deutlich kleiner als die muslimische Gemeinschaft im Land, und sie hat eine ganz besondere Geschichte.

Im Evangelischen Museum Oberösterreich in Rutzenmoos wird das besonders deutlich. Der evangelische Glaube wurde im 17. Jahrhundert massiv unterdrückt, aber viele Protestanten trafen sich heimlich zu Andachten in abgelegenen Bauernhöfen oder Scheunen. Besonders kostbar waren ihnen die Bibel, Andachts- und Gesangbücher. Und so gibt es viele anrührende Geschichten, wie diese versteckt wurden in geheimen Schubfächern, Bodeneinlassungen oder gar im Brotteig. Selten ist mir so deutlich geworden, welche Befreiung der Buchdruck und die Bildungs-initiative der Reformatoren mit sich brachten. Selbst lesen und somit selbst urteilen, ja denken können, das ist ein revolutionärer Impuls!

Im Jahr 1625 kam es zu einem Aufstand evangelischer Bürger und Bauern. Das Versprechen des bayrischen Statthalters Adam Graf von Herberstorff, er werde Gnade walten lassen, falls sie sich ergeben, hatte das "Frankenburger Würfelspiel" zur Folge. Die Männer mussten würfeln, wer von ihnen gehenkt wurde, je einer gegen den anderen. Viele Evangelische wurden zudem zwangsdeportiert, Kinder unter 14 Jahren mussten sie zurücklassen. Viele Väter und Mütter gingen in der Fremde an dem Leid der Trennung schlicht zugrunde.

Was nützt solche Erinnerung heute oder für das Reformationsjubiläum 2017? Zum einen dokumentiert sie eine Lerngeschichte. Wir planen ein Reformationsfest im ökumenischen Horizont. Versöhnung, Vergebung, ja, gar ein Miteinander sind möglich geworden. War es einst der Erzbischof von Salzburg, der die Vertreibungen anordnete, so war es 1966 sein Nachfolger, der in der evangelischen Christuskirche um Vergebung für die Salzburger Protestantenvertreibungen bat. Für den zweiten Samstag in der Passionszeit 2017 ist in Deutschland ein ökumenischer Gottesdienst geplant, bei dem es um das Heilen der Erinnerung geht. Der christliche Glaube ermöglicht uns, Schuld anzuerkennen, uns gegenseitig um Vergebung zu bitten und von da her einen Versöhnungsprozess in Gang zu setzen. Wir können 2017 feiern, dass wir heute solche versöhnte Verschiedenheit leben können.

Zum anderen ist unsere ökumenische Lerngeschichte in Europa ein Hoffnungszeichen, wenn wir auf die Kriege und Auseinandersetzungen im Nahen und Mittleren Osten schauen. Wir wissen, dass Versöhnung ein langer und mühsamer Weg ist. Wir haben erlebt, dass es Generationen dauert, bis gegenseitige Verletzungen gegenseitigem Respekt weichen. Aber es ist möglich! Deshalb können wir das Reformationsjubiläum auch nutzen, um Versöhnungsgeschichten zu erzählen, zwischen Reformierten und Lutheranern, zwischen als Täufer Verfolgten und den Kirchen der Reformation, zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Juden und Christen. Sie können uns ermutigen, energisch für Versöhnung unter Verfeindeten einzutreten.

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