Banker, Politiker, Dealer

Woher die Wachstumsgier kapitalistischer Gesellschaften kommt Hans-Joachim Maaz
Erkenntnis der Hirnforschung: Die Qualität der erlebten Beziehungen prägt den Säugling lebenslang. Foto: zeitzeichen
Erkenntnis der Hirnforschung: Die Qualität der erlebten Beziehungen prägt den Säugling lebenslang. Foto: zeitzeichen
Narzisstische Störungen bei Erwachsenen - ausgelöst durch einen frühkindlichen Mangel an Bestätigung und Bindung - führen in die Sucht und die Gier. Und auch in eine kapitalistische und globalisierte Profitgier. Diese These vertritt der Hallenser Psychiater Hans-Joachim Maaz.

Frühe Liebessehnsucht

Väterliche Beziehungswerte beeinflussen die weitere Entwicklung, vor allem die Eigenständigkeit und Verantwortlichkeit des heranwachsenden Menschen und seinen Umgang mit Begrenzung. Das Konfliktfeld spannt sich zwischen freier und geförderter Entfaltung und angstvoller Einschüchterung und Hemmung. Im Ergebnis beziehungsdynamisch vermittelter Mütterlichkeit und Väterlichkeit erfährt sich das Kind mehr oder weniger als gewollt, geliebt, verstanden, akzeptiert und gefördert - wobei sich die Beziehungsqualität bis in die neuronale Vernetzung des Gehirns und die hormonellen Transmitterfunktionen abbildet. Vor allem ein Mangel an früher liebevoller Bestätigung hat entwicklungspsychologisch tragische Konsequenzen: Ein Kind wird ungenügende Liebe nicht als ein Versagen seiner Eltern verstehen können, sondern allmählich davon überzeugt sein, dass es nicht liebenswert sei. Das wird zur Quelle jeder Sucht oder Gier, aus der Illusion heraus, dass man sich Liebe doch noch irgendwie verdienen könne. Bezogen auf den Suchtmechanismus darf man nicht denken, dass es die Drogen wären, die den Menschen süchtig machten, sondern es ist der in der Folge mangelnder Liebe und Bindung abhängig und bedürftig gebliebene Mensch, der ersatzweise nach Mitteln sucht, die ihn euphorisieren, trösten und seinen Mangelschmerz auch betäuben können. Da der Ersatzweg keine wirkliche, bedürfnisorientierte Befriedigung mit natürlicher Entspannung ermöglichen kann, müssen alle Tröstungsversuche in die Sucht führen, mitunter verstärkt durch eine sekundär erworbene körperlich-biochemisch wirksame Abhängigkeit. Aber die psychosoziale Abhängigkeit ist immer zuerst. Auch Arbeit, Leistung, Macht, Geltung, Ruhm, Besitz, Geld, Konsum, Essen, Trinken und Sex können aus ungestillter früher Liebessehnsucht zur Droge gemacht werden. Frühe Beziehungsstörungen mit Liebesmangel, Kränkung, Verletzung, Einschüchterung und Bedrohung sind seelisch nur überlebbar, wenn die damit verbundenen Gefühle, wie Angst, Wut und Hass, seelischer Schmerz und Trauer, unterdrückt und die belastenden Erfahrungen verdrängt und verleugnet werden. Der Suchtmechanismus ist psychodynamisch verstanden das unbewusste Bemühen, durch Anstrengungen, Anpassung und Ablenkung die tiefe seelische Not nicht mehr wahrnehmen und fühlen zu müssen. Da aber die frühen narzisstischen Defizite damit nicht wirklich beseitigt werden können, müssen die gefundenen Drogen immer häufiger und stärker eingesetzt werden, um ihre beschwichtigende Funktion zu erhalten. Die Gier ist praktisch das Endstadium dieser verhängnisvollen und letztlich hilflosen Entwicklung. Die Kompensation durch Anstrengungen (um doch noch geliebt zu werden) führt in aller Regel zu unendlichen Leistungsbemühungen, die in einer süchtigen Leistungsgesellschaft gipfeln, die keine Begrenzung mehr akzeptiert und in einer Wachstumsgier zur tödlichen Gefahr für die Gesundheit und das soziale Zusammenleben wird. Anpassung ist das Bemühen, durch Wohlverhalten und Mitläufertum das zu tun, was verlangt wird oder was alle machen, um damit wenigstens gelobt zu werden oder einfach nur dazuzugehören, wenn die liebevolle Anerkennung für die einmalige Andersartigkeit nicht vermittelt worden war. Zur Ablenkung ist alles brauchbar, was hilft, von der Innenwahrnehmung der eigenen Befindlichkeit und Bedürftigkeit auf Außenereignisse orientiert und durch deren Reize ständig beschäftigt zu werden. Unzählige Fernsehkanäle und digitale Medien ermöglichen inzwischen eine unendliche Ablenkung. Mobilfunk und Internet sind wesentliche Transmitter, um die mediale Nützlichkeit gierig zu missbrauchen. Anstrengung, Anpassung und Ablenkung sind notwendige, sinnvolle und für das Überleben und soziale Zusammenleben wertvolle menschliche Fähigkeiten. Aber in der Folge narzisstischer Störungen, die durch frühkindlichen Mangel an Bestätigung und Bindung entstehen, müssen die hilfreichen psychosozialen Fähigkeiten zwangsweise zu süchtigen Bemühungen entarten, weil sie nur noch etwas ersetzen und kompensieren können, was schon längst verloren ist und nicht wirklich nachgeholt werden kann. Der natürliche Rhythmus von Bedürfnisspannung und entspannender Bedürfnisbefriedigung wird durch verweigerte oder falsche psychosoziale Reaktionen gestört, wenn das Kind keine spezifische Bestätigung, kein Verstehen, letztlich keine Liebe für seine ganz einmalige Existenz und individuellen Bedürfnisse erfährt. Die daraus folgenden Anstrengungen, Anpassungen und Ablenkungen dienen dann nicht mehr befriedigender individueller Lebensgestaltung und sozialen Notwendigkeiten, sondern dem seelischen Schutz vor bitterer Erkenntnis und sehr schmerzlichen Gefühlen.

Narzisstische Störung

Der gesunde Narzissmus ("Ich bin okay. Ich weiß, wer ich bin, was ich will und kann und was ich nicht will und nicht kann.") verwandelt sich in eine narzisstische Störung, die den erlittenen Liebesmangel entweder in ein Größenklein ("Ich bin nicht okay. Ich bin nicht liebenswert. Ich bin nicht gut genug - ich muss noch besser werden.") oder in ein Größenselbst ("Ich bin der Größte, der Beste - ich bin erfolgreich und muss Sieger sein." "Ich kann alles erreichen.") umleitet. Auf diese Weise werden Beziehungen durch Dominanz oder Unterwerfung vergiftet, Sport durch Siegen-Müssen und Nicht-verlieren-dürfen als lustvolles Spiel entehrt, die natürliche Leistungsfreude durch Konkurrenzkampf und kranken Ehrgeiz belastet und der Lebensgenuss durch Gier zerstört. Eine Gesellschaft, die auf Profitmaximierung, Wachstumssucht und Leistungsdruck basiert, versucht kollektiv mit den vermittelten egoistischen Werten, narzisstischen Mangel zu kompensieren, was Suchtmechanismen generieren muss und damit Gier zum höchsten Wert gesellschaftlicher Entwicklung erhebt. Es braucht keine große Fantasie, um die Krise der Gesellschaft wie bei jeder individuellen Sucht vorauszuahnen, wobei nur das Wie und Wann nicht sicher bestimmt werden können. Aber die wachsende soziale Ungleichheit, die Hungerkatastrophen, der Kampf ums Wasser, die Klimaveränderungen, das Artensterben, die Vergiftung von Luft, Wasser und Boden, neue Infektionskrankheiten, wachsende Gewalt und Terror und immer wieder Kriege sind längst schon ernst zu nehmende Symptome als Folge kollektiver Gier. Die weltweite Finanzkrise der vergangenen Jahre ist bereits ein ernstes Symptom des kollektiven Giersyndroms: Es sind beileibe nicht nur die zockenden Banker und Börsenspekulanten, sondern auch die Mehrheit der europäischen und nordamerikanischen Bevölkerung, die zur Stabilisierung ihres verletzten Selbstwertes jede Form der materiellen Bereicherung nutzen, um den sehr schmerzlichen Liebes- und Bestätigungsmangel nicht mehr fühlen zu müssen. Die Banker und Politiker sind nur die Dealer, die mit Aktien und Geld als Drogen hilfreiche, aber zerstörerische Verführungsangebote machen, um mit Verschuldung eine Abhängigkeit zu sichern, die eine reale Ablenkung auf äußere (selbstverschuldete) Probleme garantiert, um die unverschuldeten, aber sehr schmerzlichen und bedrohlichen seelischen Verletzungen, die wir in uns tragen, nicht spürbar werden zu lassen. Die Suchtkrankheit "Kapitalismus" hat ein krisenhaftes Entwicklungsstadium erreicht, das in den Flüchtlingsströmen symptomatisch auf uns zurückkommt. Die Fluchtursachen Kriege, Armut, Klimakatastrophe mit Trockenheit, wachsende soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit, die sich in sozialen, politischen und religiösen Kämpfen austoben, sind wesentlich durch eine entfesselte, globalisierte und politisch nicht mehr ausreichend kontrollierte kapitalistische Profitgier bedingt. Insofern ist eine "Willkommenskultur" ebenso untauglich wie eine feindselige Abschottung, weil sich damit nur Symptome im Pro und Contra gegenüberstehen, ohne die wirklichen ursächlichen Zusammenhänge zu erfassen und gemeinsam wirkungsvoll zu behandeln. Wenn wir nicht akzeptieren, dass unsere Lebensform eine wesentliche Ursache der millionenfachen Migration ist, werden wir uns selbst als Helfer und Hetzer bekämpfen, um nicht die Illusion einer materiellen Wachstumsgesellschaft als Ausdruck süchtiger Gier entlarven zu müssen. Migration ist die Folge von Not und Bedrohung, die nicht durch die Integration in ein Gesellschaftssystem, das Mitursache der Flucht ist, in ihrer globalen Problematik gelöst werden kann, sondern nur durch eine weltweite Friedenspolitik und fairen Handel zum Ausgleich von Ausbeutung und sozialer Ungerechtigkeit. Mit einem simplen Beispiel mag die Situation illustriert werden: Es kann kein T-Shirt für etwa fünf Euro produziert werden ohne ungerechte Ausbeutung als Folge unser aller gierigen Bedürfnisse, mit der Tendenz zu krimineller Energie, wie sie ganz aktuell selbst der Vorzeige-VW-Konzern erkennen lässt. Unser gefeierter Konsum - materielles Wachstum als ökonomische Grundidee - sind Symptome einer kollektiven Fehlentwicklung, eines narzisstischen Gier-Syndroms. Die Flüchtlingsströme sind geeignet, die Illusion unserer Lebensform durch unvermeidbare Begrenzung zu ernüchtern. Wir sollten uns nicht durch eine "Willkommenskultur" etwas vormachen, das nur durch eine Solidaritäts- und Beziehungskultur wirklich verbessert werden könnte. Es macht einen wesentlichen Unterschied, ob wir Milliarden zur Symptombekämpfung und für konfliktreiche Integrationsaufgaben ausgeben oder ob wir sie zur Bekämpfung der Kriege, des Hungers und der sozialen Ungerechtigkeit einsetzen und damit nachhaltig für die Verbesserung der Lebensbedingungen benachteiligter Menschen verwenden.

Veränderung durch Krisen

Die geschichtliche Erfahrung lehrt, dass nicht Vernunft und Einsicht notwendige Lebensveränderungen bewirken können, sondern nur die Katastrophen und lebensbedrohlichen Krisen. Das ist nicht gerade beruhigend. In der Medizin ist längst bekannt, dass nur wenige Menschen aus Einsicht ihre ungesunde Lebensweise verändern. Erst eine schwere gesundheitliche Krise schafft mitunter Bedingungen, die Gründe für Fehlhaltungen zu erforschen und Verhalten zu verändern. Aber auch das gelingt vielen nicht, denn ihre Lebensform, an der sie schließlich erkrankt sind, ist fest in familiäre Beziehungen und gesellschaftliche Bedingungen eingebettet, die mitverändert werden müssten, um gesünder, weniger entfremdet leben zu können. Dennoch bleibt die Chance, die eigene Gier wahrzunehmen und in ihrer Entstehungsgeschichte zu verstehen, die Ursachen emotional zu verarbeiten und damit weniger süchtig leben zu lernen, wofür eine Beziehungskultur hilfreiche Unterstützung vermitteln kann. Diese beginnt mit der gelebten Überzeugung bei allen Konflikten und Krisen: "Ich bin das Problem. Nur ich kann mich verändern." und beendet damit die Konflikte verschärfende Einstellung: "Du bist das Problem. Du musst Dich verändern" oder "Die Verhältnisse müssen sich ändern". Dies gilt für jede Partnerschaft, für die Zusammenarbeit und das Zusammenleben der Menschen bis zu den großen politischen und religiösen Kämpfen. Sozialpolitisch besteht die Verpflichtung, alles zu tun, dass Jungen und Mädchen optimale Bindung und Bestätigung erfahren können, um narzisstische Fehlentwicklungen bereits präventiv zu verhindern. Gesellschaftspolitisch kann nur das weltweite Bemühen um größere soziale Gerechtigkeit die Gefahr zerstörerischer Katastrophen vermindern helfen.

Hans-Joachim Maaz

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