Idealismus mit der Spitzhacke

Wie sich Polen um alte deutsche evangelische Friedhöfe kümmern
Alter evangelischer Friedhof Ludomy: Auf den Grabstein ohne Inschrift haben katholische Polen ein ewiges Licht gestellt. Foto: Jens Mattern
Alter evangelischer Friedhof Ludomy: Auf den Grabstein ohne Inschrift haben katholische Polen ein ewiges Licht gestellt. Foto: Jens Mattern
In der ehemaligen preußischen Provinz Posen, die schon 1920 zu Polen kam, verfallen viele Friedhöfe, auf denen Deutsche beerdigt sind. Seit einigen Jahren gibt es Bemühungen, den Friedhöfen ein würdiges Aussehen zurückzugeben. Der Warschauer Journalist Jens Mattern hat sich umgesehen und umgehört.

Hier ruht unsere Mutter Pauline Wagner, geboren am 20. September 1843, gestorben am 4.Januar 1929." Die unvollständige Inschrift steht auf der zersplitterten schwarzen Grabplatte, die jemand auf den Granitstein gelegt hat. Auf einigen Nachbargräbern stehen die Grabsteine aufrecht, bei anderen sind die Steinkreuze beschädigt. Aber in der Mitte des Friedhofes prangt ein drei Meter hohes neues Holzkreuz. Eingesäumt ist der deutsche evangelische Friedhof von Werdum, polnisch: Wiardunki, der mitten in einem Rapsfeld liegt, von Laubbäumen.

"Man könnte mal wieder mähen", meint Roman Trzesimiech. Er kennt hier jeden Flecken, er und seine Mitstreiter haben den Friedhof, wie sie sagen, "aufgeräumt". Denn bis vor sieben Jahren war alles zugewachsen und vermüllt, wie die anderen deutschen evangelischen Friedhöfe der Umgebung. Die Gegend gehörte zur preußischen Provinz Posen, die nach dem Ersten Weltkrieg an Polen fiel. Und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die deutschen Bewohner, die geblieben waren, vertrieben. Im jungen kommunistischen Polen war alles, was an sie erinnerte, Tabu, auch die Friedhöfe.

Roman Trzesimiech traf zufälllig den Lübecker Pastor Helmut Brauer. Er wollte sich zum ersten Mal den Ort anschauen, an dem sein Vater bis 1945 als Pfarrer gewirkt hatte. Das Gespräch mit Brauer und ein Zeitungsartikel über einen polnischen Lehrer, der auf eigene Faust einen deutschen evangelischen Friedhof wieder herrichtete, bewegte Trzesimiech. "Einen Ort in Ordnung zu bringen, an dem Menschen begraben liegen, ob sie nun Deutsche oder Polen, Protestanten oder Katholiken sind, gebietet schon der Respekt", sagt der 32-Jährige, der sich als liberaler Katholik versteht.

Als sich der Journalist Trzesimiech aufs Land zurückzog und für eine Baufirma arbeitete, mühte er sich allein in seiner Freizeit, das Unterholz auf dem Gräberfeld zu beseitigen. Die Dorfbewohner hätten zwei Vermutungen gehabt, "dass sich jemand billig Brennholz beschaffen wollte oder dass von deutschen Auftraggebern große Gelder flossen", erinnert sich Trzesiemiech. Aber mit der Zeit konnte er Helfer gewinnen. Die Deutschlehrerin Katarzyna Kowalska half beim Entziffern deutscher Texte. Und Janusz Szwadzki, ein pensionierter Geschichtslehrer, wollte - obwohl er sich als "ungläubig" bezeichnet - mit dazu beitragen, das gemeinsame christliche Erbe zu pflegen.

Die Arbeit der drei zeigte Wirkung: Dorfbewohner kamen und schauten sich die Veränderungen an, aber immer erst dann, wenn die Aufräumenden schon weg waren. Und in der Zeit um Allerheiligen stellten sie, polnisch-katholischer Tradition folgend, Kerzen auf dem alten deutschen evangelischen Friedhof auf. Aber auch das geschah heimlich.

Roman Trzesimiech zeigt auf den oberen Rand einer Grabplatte. So weit war das Grab mit Erde und Blättern bedeckt. Um es freizulegen, musste gesägt und gehackt, Erde abgetragen und Müll entsorgt werden. Dann begann das Suchen nach Resten von Grabsteinen, das Säubern und Zuordnen der Teile von Aufschriften und schließlich das Kleben und Zusammenlegen. Neben Spitzhacke, Spaten, Schaufel und Säge musste auch ab und zu ein Bagger geliehen und eingesetzt werden. Aber die Arbeiten kamen nur langsam voran. Denn wegen des Vogelschutzes war die Arbeit nur zwischen November und März möglich.

Ökumenische Andacht

Nach zwei Jahren hielten der römisch-katholische Ortspfarrer und ein evangelischer Pastor aus Hameln eine ökumenische Andacht. An ihr nahmen mehrere Dutzend Leute teil, darunter Vertreter der Gemeinde und des Kreises.

Roman Tresiemiech gründete dann zusammen mit 17 weiteren Polen einen "Verein zur Sanierung der evangelischen Friedhöfe". Das hehre Ziel war die Herstellung der 14 Friedhöfe, die es allein in der Umgebung der Stadt Ritschenwalde, polnisch: Ryczywol, gab. Und nun beteiligten sich auch Schulklassen beim Aufräumen.

Vor zwanzig Jahren wäre das noch nicht möglich gewesen. Deutsche Heimwehtouristen, die ihre ehemaligen Häuser und den Friedhof fotografierten, wurden vor allem von älteren Polen misstrauisch beobachtet. Doch die deutsch-polnischen Beziehungen haben sich verbessert, und es sind Städtepartnerschaften entstanden, so zwischen Ritschenwalde und Wiehl bei Köln.

Zwei weitere Friedhöfe hat der Verein inzwischen restauriert. Nahe dem Dorf Borkowo (Boruchowo) stehen wieder die Kalkgrabsteine. Eine Tafel informiert über die Geschichte der Region und lädt zur Erkundung per Fuß oder Fahrrad ein.

Altlandwirt Wladyslaw Kot, Jahrgang 1939, besucht oft den Friedhof von Luden (Ludomy). Dessen Grabsteine spiegeln noch den Wohlstand der einstigen deutschen Einwohner. Die Eltern des 77-Jährigen verstanden Deutsch und hatten gute Beziehungen zu ihren deutschen Nachbarn. Aber das war nicht die Regel. Die protestantischen Deutschen, die vor dem Ersten Weltkrieg in der Provinz Posen ein Drittel der Bevölkerung ausmachten und als Deutschsprachige im Bismarckreich privilegiert waren, fanden sich nach der Staatsgründung Polens 1919 in der Rolle einer Minderheit wieder, die Repressionen des Staates und eines Teiles ihrer polnischen katholischen Nachbarn ausgesetzt war.

Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen wurde die Region als "Reichsgau Wartheland" Nazideutschland eingegliedert. Die Besatzer verschleppten mehrere hundertausend Polen zur Zwangsarbeit ins Reich oder in das "Generalgouvernement". Auch die Familie von Wladyslaw Kot war betroffen. Sein Bruder wurde unterwegs, im Viehwagon, in einem Koffer geboren. "Irgendwie haben wir das überlebt", meint Kot lakonisch.

Anders als in Luden ist in Ritschenwalde vom deutschen Friedhof kaum mehr etwas zu sehen, bis auf einen 2008 errichteten Gedenkstein. Denn die Grabplatten wurden nach dem Krieg umgekippt und verscharrt. "Ein pensionierter Polizist hat mir gesagt, wo sie sind, und ich habe dann nach ihnen gegraben", erzählt Robert Zimny. Der Geschichtslehrer fing vor neun Jahren genauso an wie Roman Trzesimiech, als junger Einzelgänger, der sich um das deutsche Erbe seiner Heimat kümmerte und seine Mitbürger vom Sinn seines Tuns überzeugen musste.

Zimnys Hauptaugenmerk gilt der evangelischen Kirche, in der die Grabsteine derzeit liegen. Das Backsteingebäude aus dem Jahr 1896 ist eingerüstet und von Planen verhüllt. Die Kirchturmspitze fehlt. Sie wurde in den Siebzigerjahren abgetragen - weil sie den Flugverkehr störe, lautete die offizielle Begründung. Zuvor war das Gotteshaus als Unterkunft für Soldaten zweckentfremdet worden, zuerst für sowjetische, dann für polnische. Anschließend diente sie als Getreidespeicher, Lagerhalle für Baumaterialien, Sitz einer Dachdeckerei und schließlich als Obdachlosenasyl. Heute stehen an dem Zaun, der die Kirche umgibt, mehrsprachige Schilder. Eines informiert auf Polnisch, Deutsch und Englisch über die Geschichte der Kirche und ein anderes, dass sie mit EU-Mitteln im Rahmen einer Dorferneuerung restauriert wird.

Das Dach ist schon fertig. Und bald sollen hier Konzerte und Begegnungen stattfinden. Für Gottesdienste gibt es dagegen keinen Bedarf, denn in der Gegend leben keine Protestanten mehr.

Roman Trzezimiech fährt über einen rumpeligen Feldweg zum Friedhof bei der Siedlung Tlukawy, der im Randbereich eines Forsts liegt. Die Gräber sind tief eingesackt im Humus des Waldes. Das wäre wieder ein arbeitsintensives Projekt gewesen. Nummer vier. Aber der "Verein zur Sanierung der evangelischen Friedhöfe" hat sich vor zwei Jahren aufgelöst. Denn es fehlte an finanzieller Unterstützung. Die polnischen Behörden bewilligten nach langem Prozedere minimale Summen. Von Seiten des deutschen Konsulats in Breslau kamen nur eine Einladung und viel Lob. Polens evangelisch-lutherische Kirche ist mit ihren 70 000 Mitgliedern finanziell schwach. Und sie sieht sich auch nicht als Nachfolgerin der evangelisch-unierten Kirche Preußens.

Roman Trzesimiech und die anderen ehemaligen Vereinsmitglieder konzentrieren ihre Energie nun auf ihre drei Friedhöfe. Und die machen genügend Arbeit: Regelmäßig muss Gras gemäht und Müll entsorgt werden.

Jens Mattern

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