Wider die Tabuzone

Beratung zu Sexualität und geistiger Behinderung in Mainz
Ganz basal: Mit einfachen Karten wird Unaussprechliches anschaulich. Fotos: Andrea Enderlein
Ganz basal: Mit einfachen Karten wird Unaussprechliches anschaulich. Fotos: Andrea Enderlein
Sexualität und Partnerschaft bei Menschen mit geistiger Behinderung gehört zu den Themen, über die nur ungern gesprochen wird. Die kürzlich gegründete Beratungsstelle „Liebelle“ in Mainz möchte die Tabuisierung dieser existenziellen Fragen aufbrechen und konkret helfen.

Vier Birken stehen im Gewerbegebiet im Mainzer Stadtteil Hechtsheim. Oder sind es sieben? Wer näher kommt, merkt, dass es sich bei der Baumgruppe eigentlich um einen Einzelbaum und um drei Birkenpaare handelt, die alle drei mit einem dicken Stamm im grünen Rasen wurzeln und sich dann ganz bald über der Rasenfläche in zwei Stämme teilen. Im Gebäude dahinter befindet sich die bisher einzige „Beratungsstelle zu Sexualität und geistiger Behinderung“ in Deutschland, und sie heißt „Liebelle“.

Liebelle? Mit „ie“? Ja, denn der Name ist die Abkürzung der Formel „Lie(be) + Be(ratungsste)lle“. Behinderte und Sexualität? Mal ehrlich, dürfen, ähh, wollen die denn, also, wie soll man das sagen …? Petra Hauschild lächelt: „Genau deswegen gibt es die Liebelle“, sagt die 48-jährige Sozialpädagogin, sie weiß: „Das Thema befindet sich in einer Tabuzone.“

Petra Hauschild ist Bereichsleiterin der Werkstätten für behinderte Menschen – kurz WfB – in Mainz. Etwa 600 Menschen mit geistiger Behinderung arbeiten in den Werkstätten, über die Hälfte von ihnen in dem weitläufigen Komplex ganz in der Nähe der Liebelle. Insofern ist der Standort der Beratungsstelle im Gewerbegebiet nicht besonders romantisch, aber auf jeden Fall recht praktisch gelegen, denn die in Mainz-Hechtsheim Beschäftigten können so leichter selbständig in die Beratungsstelle kommen, als wenn noch weite Wege zu bewältigen sind.

Die Liebelle, ein Kooperationsprojekt der WfB, des Ortsverbandes „pro familia“ in Mainz wurde im Juni 2015 eröffnet. Seitdem ist Lennart Seip dort tätig. Der 31-jährige Sozialpädagoge ist einer der beiden hauptamtlichen Beratungskräfte der Liebelle. Die andere ist die Sexual- und Sozialpädagogin Lotta Brodt, 30 Jahre. Dazu kommt noch einmal in der Woche für fünf Stunden eine Beraterin, die „pro familia“ zur Verfügung stellt.

Lennart Seip ist es wichtig, dass die Klienten freiwillig kommen, um dann mit ihnen ihr „wirkliches Anliegen“ herauszubekommen. Das fällt Menschen mit geistiger Behinderung schwerer zu formulieren als anderen, denn ihr Informationsbedürfnis ist größer und ihre Fähigkeit, sich zu artikulieren, geringer. In der Liebelle soll es für Menschen mit geistiger Behinderung möglich sein, ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen kennenzulernen. Das fängt oft ganz basal an mit der Entdeckung des menschlichen Körpers und des Unterschiedes der Geschlechter. Dann ist Selbstwahrnehmung des eigenen Körpers und die Artikulation von Wünschen wichtig. Die Liebelle versucht, Ordnung in das Chaos zu bringen, in das Erfahrungen von Liebe und Sexualität Menschen mit geistiger Behinderung stürzt, etwa anhand der Fragen: Wie nähere ich mich jemanden, der mich interessiert? Sind wir gleich ein Liebespaar, wenn wir ein gutes Gespräch hatten? Wie kann ich jemanden kennenlernen? Darf ich auch nein sagen?

Ständiges Angewiesensein

Die letzte Frage ist häufig Thema, und zu romantisch darf man sich das Ganze nicht vorstellen. Häufig gibt es negative Erfahrungen, denn die Lebensumstände von Menschen mit Behinderung, zum Beispiel in stationären Wohnbereichen mit vielen Bezugspersonen und das ständige Angewiesensein auf Hilfe, schaffen viele Probleme. Vielen fällt es schwer, nein zu sagen, dann ist man sexuell gefällig, weil es ja positive Zuwendung gibt, nach der sich viele sehnen. „Unsere Arbeit hat häufig präventiven Charakter. Es gibt viele negative Erfahrungen, und die müssen auch entsprechend berücksichtigt werden“, sagt Lennart Seip.

Dass es kaum geeignete Sexualtherapeutinnen und -therapeuten gibt, die mit Menschen mit einer geistigen Behinderung arbeiten oder man zumindest nicht von ihnen weiß, ist ein Problem. Seit der Gründung sucht das Team der Liebelle dringend Therapeuten, die bereit und qualifiziert sind, mit Menschen mit Behinderung zu arbeiten. Petra Hauschildt: „Wir freuen uns, wenn sich jemand bei uns meldet, denn Vernetzung ist sehr wichtig.“

Eng vernetzt ist die Liebelle auch mit der Wissenschaft: Von Beginn an wird die Arbeit in Mainz-Hechtsheim von Professorin Svenja Heck begleitet, die an der Hochschule Darmstadt im Fachbereich „Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit“ forscht und lehrt. Svenja Heck hat vor einigen Jahren in Mainz im Bereich der Psychoanalytischen Pädagogik ein Lehr- und Forschungsprojekt unter dem Titel „Liebe, Lust und Leidenschaft bei Menschen mit geistigen Behinderungen“ durchgeführt. Damit ist sie eine Pionierin, denn dieses Thema wird sonst kaum, oder höchstens verschämt am Rande behandelt. Mit reinem Theoretisieren ist da ohnehin nicht viel zu machen. Svenja Heck hat viele praktische Erfahrungen in ihrer Zeit als pädagogische Assistenz in einer Außenwohngruppe für Menschen mit Behinderung, als Diplom-Pädagogin in einer Frühförder- und Beratungsstelle und in einer Partnervermittlung für Menschen mit Behinderung gesammelt. Das Besondere ist, dass Menschen mit Behinderung wie bei allem, was sie tun, auch auf dem Feld der Beziehungsanbahnung, Hilfe brauchen, ein Feld, in dem man sonst am liebsten für sich oder zu zweit bleibt.

Hilfe auf Singleparties

Hilfe brauchen sie dann zum Beispiel auch bei einer Singleparty. In ihrem Aufsatz „Partnerschaftswunsch und Ansätze der Begleitung bei der Partnersuche bei Menschen mit geistiger Behinderung“ berichtet Svenja Heck von zwei solchen Veranstaltungen: „Damit die Interessierten miteinander in Beziehung treten konnten, gab es Kontaktcoachs.“ Das waren Menschen ohne Behinderung, mit speziellen T-Shirts gekennzeichnet. Sie konnten in einem eigens eingerichteten ,Büro‘ kontaktiert werden. Heck: „Die Teilnehmer formulierten Fragen, beispielsweise ,Wie lerne ich einen Freund/eine Freundin kennen?‘ oder ,Was soll ich machen?‘ an die Kontaktcoachs.“

Viele Teilnehmer, so die Professorin, nahmen ein Gespräch mit bisher Unbekannten umgehend mit der Frage „Willst Du meine Freundin sein?“ auf. Der Wunsch nach einer sofortigen Absicherung der sich anbahnenden Partnerschaft sei ebenso spürbar gewesen wie die Anspannung, die scheinbar auf den Partnersuchenden lastete. Heck: „Eine junge Frau kam beispielsweise nach der Kontaktaufnahme mit einem Mann mit errötetem Kopf auf mich zu und stellte mir sogleich hastig mehrere Fragen, wie ,Wie verlobt man sich? Was bedeutet heiraten? Kann ich ihn jetzt jeden Tag sehen?‘“ Viele empfanden die Situation der Partnersuche als Überforderung, da sofort Fragen einer Partnerschaft, die Notwendigkeit genitaler Sexualität und einer Heirat im Raum standen, da Vorstellungen vom lebenswichtigen „davor“ bei vielen Menschen mit Behinderung gar nicht eingeübt werden können. Bei vielen, so Heck, sei bei dieser Singleparty „nur wenig Raum für die Wahrnehmung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse in der Kennenlernsituation“ geblieben, aber: „Das Assistenz-angebot konnte schließlich dazu beitragen, einen haltenden Rahmen zu gestalten, in dem die Teilnehmer Rückmeldungen über ihr eigenes Sozialverhalten aufnehmen und reflektieren konnten.“ Es sei auch vorgekommen, so Svenja Heck, „dass ein Teilnehmer mit leichter geistiger Behinderung auf jeder angebotenen Singleparty erschien, die Veranstaltung jedoch nach wenigen Minuten wieder verließ, wenn er erneut für sich feststellte, dass ,nur die blöden Behinderten‘ anwesend seien.“

Das Hadern und die Abwehr der eigenen Behinderung ist ständig Thema in den Beratungsgesprächen der Liebelle, denn Menschen mit Behinderungen wünschen sich häufig eine Beziehung mit einem Menschen ohne Behinderung. Lennart Seip: „Das sind keine leichten Gespräche, denn es geht um Lebenspläne, um Zukunftswünsche und um die eigene Verletztheit der Behinderung gegenüber.“ Die Beratung kann und soll diesen Wunsch nicht in Frage stellen, sondern kann nur helfen, eine Perspektive zu entwickeln, um trotz der in der Regel Unerfüllbarkeit des Wunsches die Lebensqualität „zu behalten oder zu steigern“. Die wissenschaftliche Anbindung ist dem Team der Liebelle äußerst wichtig, denn auch sie sind Pioniere auf dem Gebiet. Bisher gibt es in Deutschland keine Beratungsstelle, die sich wie die Mainzer ganz auf das Thema Sexualität und geistige Behinderung spezialisiert hat. Das Beratungsteam ist ständig dabei, die Erfahrungen, die sie in Gesprächen mit Klientinnen und Klienten macht, auszuwerten und für eine Verbesserung der Beratung zu deuten.

Auch für Eltern und Betreuer

Auch Eltern und Betreuer sind eine wichtige Zielgruppe der Beratungsstelle. Besonders für die Eltern ist es meist schwer, das Thema Sexualität als Thema ihrer Kinder zu akzeptieren. Sie haben in besonderer Weise das Gefühl, dass sie allein davor stehen. „Manche kommen mit dem Wunsch, dass wir ,das‘ abstellen sollen“, erinnert sich Lennart Seip. „Aber selbst das ist ein erster Schritt, sich mit den Fragen zu befassen.“ Das Beratungsteam steht zuweilen vor der Aufgabe, die erwachsenen Kinder „gegen“ die Angehörigen zu vertreten. Das bringt Konflikte, aber die seien unausweichlich.

Die Liebelle will einen Raum schaffen, wo sich Eltern und Pflegeeltern unter fachlicher Begleitung austauschen können, denn es gelte dem resignativen Gefühl vieler Angehöriger zu begegnen, das Lennart Seip so beschreibt: „Das Problem habe nur ich, und es gibt niemanden, der mir helfen kann.“ Deswegen veranstaltet das Team in diesem Jahr erstmals einen Elternworkshop und hofft, dass sich ein regelmäßiger „Elternkreis“ etabliert. Denn es gehe darum, so Petra Hauschild, dass man zu diesem mit vielen Schwierigkeiten und Tabus behafteten Thema „eine Einstellung“ gewinnt. Eine Einstellung gewinnen – das ist auch das Ziel der Arbeit der Liebelle mit Betreuern und Fachkräften. Hier spielen auch besonders rechtliche Fragen eine Rolle, wie „Was muss ich beachten?“ oder „Was sind die Aufgaben und Grenzen von gesetzlichen Betreuern?“.

Ein Thema, das immer mal wieder medial für Aufregung sorgt, ist das Thema professioneller Sexualassistenz für Menschen mit Behinderung. Petra Hauschild und Lennart Seip stehen dem mit Offenheit gegenüber, aber es sei wichtig, dass die Menschen, die sexuelle Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung anbieten, „seriös“ seien, das heißt, so Petra Hauschild, dass sie „ein Bewusstsein haben, wo ihre Klientinnen und Klienten ihre Einschränkungen haben und in welchen Abhängigkeiten sie leben.“ Die Anbieter müssten mit „verliebten Kunden“ umgehen, so Lennart Seip. Der achtsame und reflektierte Umgang mit dem „Liebeskummer“ sei wichtig, damit die Inanspruchnahme von professioneller Sexualassistenz keine „negative Entwicklungen“ hervorrufe.

So stehen viele Aufgaben vor dem Team der Liebelle. Die Beratungsstelle wird zunächst drei Jahre lang als Modellprojekt von der „Aktion Mensch“ gefördert. Die Tatsache, dass das Thema Inklusion seit einigen Jahren gesamtgesellschaftlich ganz oben auf der Tagesordnung steht, hilft bei der Arbeit in der Tabuzone „Sexualität und geistige Behinderung“. Denn Tabuzone hin, Tabuzone her, dass auch Menschen mit geistiger Behinderung in Sachen Liebe und Sexualität ein Recht auf Selbstbestimmung haben, davon sind sie zum Glück nicht nur in der Liebelle überzeugt.

Informationen

Der Elternworkshop findet am 11. Juni 2016 statt.

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Reinhard Mawick

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