Das Jenseits des Rationalen

Von „Star Wars“ zu Judas: Aktuelle Filme spinnen religiöse Motive fort
Variationen von Religion im Kino: der französische Film "Histoire de Judas" Foto: © Sarrazink Productions - Arte France CinÈma
Variationen von Religion im Kino: der französische Film "Histoire de Judas" Foto: © Sarrazink Productions - Arte France CinÈma
Es ist ja schon vorgekommen, dass in Gottesdiensten zum Laserschwert gegriffen wurde, um mit der Star-Wars-Mythologie Jugendlichen christliches Gedankengut näher zu bringen. Doch wieviel Religion steckt wirklich in der Science-Fiction-Reihe, deren jüngster Teil gerade in den Kinos lief? Und in welchen anderen Filmen begegnen dem Cineasten derzeit religiöse Themen? Karsten Visarius, Leiter des Filmkulturellen Zentrums der EKD, beleuchtet drei Beispiele.

Schon nach kurzer Zeit ist die Rechnung aufgegangen. „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ brach wenige Wochen nach seinem Start kurz vor Weihnachten 2015 alle Einnahmerekorde an den Kinokassen. Die Walt Disney Company, der der Erfinder des Star-Wars-Universums, George Lucas, die Rechte an dem Stoff überlassen hat, schreibt wenigstens bilanztechnisch Kinogeschichte. Aber gewiss auch für die Millionen von Fans, die wieder dem Kampf der dunklen und der hellen Seite der Macht und seinen alten und neuen Protagonisten gefolgt sind und, in den schon geplanten weiteren Episoden des Weltraumepos, noch folgen werden. Seine außerordentliche Attraktivität lässt sich aus filmischen Qualitäten nur mit verwegenen Spekulationen herleiten. „Star Wars“ im Kino zu erleben bedeutet aber nicht nur, einen Film zu sehen. Es ist ein Akt der Teilhabe. Kultstatus schreibt man diesen das Alltagsgeschäft sprengenden Ereignissen der Pop-Industrie zu, ganz zu Recht. Ihr Besuch, auch das ist ein Topos, gleicht einem Ritual. Die Kinder, die sich in den Reihen der Kinosäle drängen, erleben es zum ersten Mal, und ihre Eltern und alle anderen vollziehen es erneut. Es bedeutet, sich zu vergewissern, der Welt der Gegenwart anzugehören, unserer Welt – auch wenn das, was wir sehen, mit unserer Gegenwart fast gar nichts zu tun hat. Sondern, wie uns der Filmvorspann rituell erneut belehrt, sich vor langer Zeit in einer weit entlegenen Galaxis abspielt. Für Zeitdiagnostiker muss diese Paradoxie eine Lehre sein.

Fragt man nach dem religiösen Hintergrund der bipaginalen Symbolik von „Star Wars“, so kommt man nicht weit. Nach zwei Seiten – Hell und Dunkel, Gut und Böse – ist schon Schluss. Die von allen Eingeweihten als letzte Instanz beschworene „Macht“, die Sieg oder Niederlage gewährt, ist die Hypostase eines ethischen Grundkonflikts, passend zu einer Welt, die sich in einem ständigen Kampfzustand sieht. Allerdings gilt nur den dunklen Gestalten der Sieg als ultima ratio. Für die tiefer und weiter Blickenden, also die Jedis im Film und unter uns, ist nicht die Herrschaft der einen oder anderen, sondern das Gleichgewicht beider der erstrebenswerte Idealzustand. Das gilt für die Welt im Ganzen wie für die innere Balance des Einzelnen. George Lucas hat sich dabei von asiatischen Lehren inspirieren lassen, aber auch vom Zeitgeist des Kalten Krieges und seinem Gleichgewicht des Schreckens, einem Rationalitätspostulat von zweifelhafter Tragfähigkeit. Vermutlich hat der Transfer zwischen einem äußeren, politischen, und einem inneren, psychologischen Dualismus, und zwar jederzeit in beide Richtungen, zur Resonanz der Star-Wars-Mythologie einiges beigetragen.

Wie aus solch gleichzeitig trivialen wie – im Kinojargon gesprochen: galaktischen, stilistisch gesehen: monumentalisierten – Prämissen ein großes Spektakel und ein überwältigender Publikumserfolg geworden ist, bleibt ein Geheimnis der Kinofantasie. Regisseur J. J. Abrams und seine Mitarbeiter, Schöpfer der neuen, an „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ von 1983 anknüpfenden Star-Wars-Episode, tragen zu ihrer Aufklärung nur den Respekt vor ihren damals etablierten ikonografischen, dramaturgischen und narrativen Standards bei. Nichts Neues unter dem Sternenhimmel: „Das Erwachen der Macht“ ist eine Verbeugung vor der Kino-Nostalgie. Die alten Heroen kehren zurück, und die neuen imitieren ihre Handlungsmuster. Nähme man den Erfolg dieser Vergangenheitsbeschwörung als Symptom, müsste man von einer Flucht ins Gestern sprechen. Dabei verkümmert nicht nur das Innovationspotenzial des Kinos, wie in den zahlreichen Remakes, Sequels und Franchises anderer Stoffe auch. Es verliert auch seinen Bezug zu dem sei’s realen, sei’s imaginativen Horizont der Gegenwart. Das Kino, gemessen an „Star Wars“ 2015 ff., steckt in jeder Hinsicht fest. Das ist für eine Kunst der Bewegung keine gute Nachricht.

So weltweit populär wie die Star-Wars-Filme, so unbekannt – jenseits einer Nische von Festivalbesuchern und Enthusiasten des Autorenkinos – sind die Filme des Thailänders Apichatpong Weerasethakul. Daran hat auch die Goldene Palme für „Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives“, die er 2010 in Cannes gewann, wenig geändert. Immerhin wird jetzt auch sein neuer Film, „Cemetery of Splendor“, in deutschen Kinos gezeigt. Das ist selbst ein kleines Wunder, ermöglicht durch den engagierten Filmverleih Rapid Eye Movies. Wunder, das wissen Weerasethakuls Zuschauer, sind bei ihm keine Filmtricks, sondern Elemente einer Wirklichkeit, die auch Erinnerung und Geschichte, Traum und Imagination, Götter und Geister umfasst. Wenn Hollywood eine in sich kreisende Zeichenmaschine geschaffen hat, so öffnen sich die Filme Weerasethakuls für die Schwärme von Zeichen, die aus der Alltagsrealität aufsteigen.

Schlafende Soldaten

In „Cemetery of Splendour“ ist eine Gruppe von Soldaten in einen unerklärlichen und anscheinend unheilbaren Dauerschlaf gefallen. Manchmal nur wacht einer auf und sinkt bald wieder in seine Abwesenheit zurück. Das Personal, Ärzte und Schwestern, versuchen, ihnen ihren Zustand zu erleichtern, so mit langsam die Farbe wechselnden Leuchtstäben, die traumatisierten amerikanischen Afghanistankämpfern geholfen haben sollen. Ihr somnambules Lichtspiel vermag auch den Zuschauer zu erfassen. Wie unter einem Bann ist auch Jen, eine ältere Frau, nach einem Besuch im Krankensaal geblieben und kümmert sich mit Hingabe um Itt, einen der schlafenden Soldaten. An einem Nebenbett übersetzt die junge Keng, ein Medium, die Gedanken eines anderen Schläfers für seine Verwandten, darunter auch, was er gerne essen würde. Das Jenseits des Rationalen hat auch seine handfest-komischen Seiten.

Was der ärztlichen Wissenschaft unerklärlich bleiben mag, kann die Metaphorik einer Erzählung begreifbar machen. Das Krankenhaus, erzählt Keng, steht auf einem alten Friedhof, dem der Könige, auf dem zuvor, vor zweitausend Jahren, ein königlicher Palast stand. Dort tragen noch heute die Könige ihre Kämpfe aus und nutzen dazu die Kräfte der Soldaten, die deshalb nicht aufwachen können. Der lange Schatten einer von Gewalt gezeichneten Geschichte fällt in den Film und auf ein Land, das wieder einmal von einer Militärjunta regiert wird. Auf ihr Betreiben wird das Gelände neben dem Krankenhaus von Baggern umgepflügt, ohne erkennbaren Sinn und Zweck. Es müsse wohl ein Geheimprojekt sein, spottet Jen.

Gibt sich der Film als politische Allegorie zu erkennen, so bleibt er dabei nicht stehen. Er verlangt ein ganzes Stück mehr von uns. In einer langen Sequenz gegen Ende führt er uns mit Jen und Keng durch einen verlassenen Park. Es ist aber nicht Keng, sondern Itt, dessen Traum-Ich sie verkörpert. Und es ist kein Park, sondern der alte Königspalast, dessen Räume Jen mit Itt durchstreift, wie ihr Gespräch bezeugt. Nichts davon sehen wir, nichts davon zeigt der Film. Wir müssen vielmehr, sagt Weerasethakul, zu einer anderen Wahrnehmung bereit sein. Wir kennen sie aus der Religion, aus der Poesie, aus Märchen, manchmal aus dem Kino – und aus der Hinwendung zu einem Anderen. Wir müssen bessere Zeichenleser werden. Am Schluss der Sequenz wendet sich Keng/Itt Jens verkrüppeltem rechten Bein, zehn Zentimeter kürzer als das andere, zu und vollzieht daran ein erschreckend-zärtliches Heilungsritual. Der Film verrät uns nicht seinen Erfolg oder Misserfolg. Danach aber können auch Itt und Jen die Gedanken des anderen lesen.

Das handgreiflich Wahrnehmbare transparent für die Bedeutsamkeit kultureller und historischer Tiefenschichten zu machen und es zugleich in die Innenwelt der Imagination zu verwandeln, ist auch die Grundlage für den Evangelienfilm „Histoire de Judas“ von Rabah Ameur-Zaïmeche, der trotz der Auszeichnung mit dem Preis der Ökumenischen Jury auf der vergangenen Berlinale nur in Frankreich eine Kinoauswertung gefunden hat, aber nicht in Deutschland. Der französische Regisseur mit algerischem Hintergrund stellt sich damit stilistisch in die Tradition von Pier Paolo Pasolinis „Das 1. Evangelium – Matthäus“ und gegen die heute als Kassenschlager konzipierten biblischen Monumentalfilme Hollywoods, die jüngst mit „Noah“ von Darren Aronofsky und „Exodus“ von Ridley Scott eine Fortschreibung gefunden haben. Wie Pasolini siedelt Ameur-Zaïmeche seine vom Wortlaut der Evangelien souverän abweichende Judasgeschichte in einer von der Moderne unberührten, mediterranen Welt von Hirten und Bauern an, die er im östlichen Atlasgebirge Algeriens fand. Ruinen antiker Paläste wiederum liefern die Szenerie für die Begegnungen mit Pilatus und der römischen Besatzungsmacht.

Ein Mann trägt einen anderen auf seinem Rücken einen felsigen Hügel hinab, im gleißenden Licht einer südlichen Sonne. Judas trägt Jesus – so beginnt der Film, der Judas ikonografisch als Christophorus, als Christusträger, und als einen Jesus besonders nahestehenden Jünger porträtiert. Aus der Präsenz der Körper, aus elementaren Gesten und den Resonanzen zwischen dem Einzelnen und der Gruppe entwickelt Ameur-Zaïmeche die Gegenwart der biblischen Geschichte, aus dem Jubel der Kinder, die den sanften Rabbi empfangen, aus einem gemeinsam geteilten Mahl, aus den im Protest gegen Wechsler und Händler zerbrochenen Käfigen, in denen Hühner und Kaninchen auf ihre Metzger warten: ein Akt des Widerstands, der Jesus als Aufrührer verdächtig macht und vor Gericht bringen wird.

Anders jedoch als Pasolini, der weite Passagen des Matthäusevangeliums als Reden und Predigten Jesu wortgetreu übernimmt und aus der Macht ihrer Sprache, aus den Herausforderungen ihrer Lehren und Gleichnisse seine Kraft bezieht, bleibt der Dialog in „Histoire de Judas“ minimalistisch. In einer provozierenden Umkehrung unserer Überlieferung zerstört Judas, im Einverständnis mit Jesus, die Aufzeichnungen, die ein als Spitzel der Obrigkeit Verdächtiger von seinem Wirken gemacht hat, und wird dafür fast erschlagen. In dieser Wendung gegen die Schriftbesessenheit, der die Herrschaft der Dogmen und die gewaltsame Verfolgung jeder beliebigen Abweichung entspringen, liegt die aktuelle, politische Botschaft des Films. Gerade die Verfemung des Judas in der und durch die Schrift macht sie für Ameur-Zaïmeche verdächtig. Sie hat, in Ost und West, schon allzu viele Opfer gefordert. Es wäre besser, einer Praxis zu folgen, in der der eine den anderen trägt.

Karsten Visarius

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