Mystischer Ort

Über die Weserkirche in Buchholz/Westfalen
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Wenn ein Ort so emotional berührt, darf man ihn getrost mystisch nennen.

Nebelschwaden ziehen von der Weser herüber, die dichten Baumkronen verlieren ihre Konturen, dazwischen, fast geduckt, weichgezeichnet von Grautönen, liegt die kleine Buchholzer Kirche der Gemeinde Petershagen, im nördlichsten Zipfel Ostwestfalens. Dicke Sandquadersteine und mächtige Stützpfeiler geben ihr etwas Trutziges, gleichzeitig Tröstliches. „Ein feste Burg ist unser Gott“, genau diese Zeilen Martin Luthers kommen dem Besucher in den Sinn. Und die Geschichte der Kirche zeigt, dass der Turm Vorratskammer und Schutzraum war für die Menschen in den schwedischen und vielen anderen Kriegen. Damals war die Kirche noch dort, wo sie bekanntlich hingehört: in der Mitte des Dorfes. Da das Flussbett im Laufe der Jahrhunderte begradigt wurde, verschwanden die Häuser im Osten, so dass die Kirche heute am Rand von Buchholz liegt. Eine mächtige Mauer schützt nun sie und den alten Friedhof vor Erosion.

Doch halt – da sind wir schon mittendrin in der Geschichte, die doch eigentlich von Anfang an erzählt sein sollte: Etwa 600 nach Christus entstand der Ort Bochholte, Bockholt oder, wie er heute heißt, Buchholz rund um einen alten Thingplatz, dort, wo man Recht sprach, die alten Götter anrief, das Gemeinschaftsleben stattfand. Zweihundert Jahre später baute man genau hier die erste Holzkirche, doch erst im Mittelalter, um 1175, war genug Geld da, um ein steinernes Gotteshaus zu bauen. Die Grundmauern sind bis heute unverändert, und auch die kleinen Rundbogenfenster lassen auf diese Epoche schließen. Man weihte die Kirche Johannes dem Täufer, und über dem groben, mächtigen Taufstein, der nur im oberen Bereich mit runden Ornamenten verziert ist, wurden fortan alle Heiden zu Christen. Bauern, Handwerker, Ritter besuchten die kleine Kirche.

Wer neben dem niedrigen Eingangstor die Hand über die groben Steine gleiten lässt, entdeckt Ritzen, Striche, Kerben und kann die Vergangenheit spüren. Da Waffen in einem Gotteshaus verboten waren, wurden sie am Kirchenportal abgelegt und nach dem Gottesdienst am Stein über der Kante geschliffen. „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unseren Zeiten“ liest man am Eingang auf einer schlichten Holztafel. Ob man damit die Waffenträger ermahnen wollte?

In der Kirche lässt sich auf den dunklen Holzbänken gut innehalten. Der Blick fällt nach oben, zur Empore. Ein Kleinod ist die barocke Orgel aus dem Jahr 1703, die nach der Auflösung des Mindener Mauritiusklosters hier landete. Schon die Benediktinermönche haben darauf ihre Gesänge begleitet. Wie viele Hände berührten Tasten und Register? Schade, dass die mittelalterlichen Malereien verschwunden sind. Allerdings kommt so die Architektur mit den starken Bögen zur Geltung, vermittelt Ruhe, Harmonie und Beständigkeit. Erkennbar ist, dass in den folgenden Jahrhunderten immer wieder gebaut wurde, auch Kirchen unterliegen der Mode. Diese bekam in gotischer Zeit größere Fenster und ein Kreuzgratgewölbe im Kirchenschiff.

Von besonderer Bedeutung für die Weserschifffahrt waren in der Vergangenheit die Kirchenglocken, denn sie galten auch als Richtungsweiser in Nebel und Dunkelheit. Den trutzigen Turm darf man auf Voranmeldung besteigen. Eine der drei Glocken stammt noch aus dem 13. Jahrhundert und gilt damit als älteste Westfalens, sie hat Kriege, Brände und Plünderungen überstanden. Da die beiden anderen in den Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts verloren gingen, komplettierte man das Geläut 1962 mit neuen Bronzeglocken. Seitdem klingen sie erneut bis über die Weserauen.

Wieder draußen, vor der Kirche, sprudelt der alte Steinbrunnen seit Jahrhunderten, man fühlt sich hier geborgen und merkwürdig aus der Zeit gehoben. Wenn ein Ort so emotional berührt, darf man ihn getrost mystisch nennen.

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Angelika Hornig

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