Kirchliche Waschsalons

Kubas Presbyterianer sind eine diakonisch aktive Minderheit
Die frisch renovierte römisch-katholische Kirche in dem kleinen Ort Fray Benito. Foto: epd/ Klaus Honigschnabel
Die frisch renovierte römisch-katholische Kirche in dem kleinen Ort Fray Benito. Foto: epd/ Klaus Honigschnabel
Im Mittelpunkt des Weltgebetstages am 4. März steht Kuba. Die Situation der Kirchen in dem Land, dessen weitere Entwicklung noch nicht klar zu erkennen ist, skizziert der Direktor und Lateinamerikareferent des Evangelischen Missionswerkes in Deutschland (EMW) Christoph Anders. Deutlich wird auch, mit welchen Schwierigkeiten die Presbyterianische Kirche zu kämpfen hat, die Beziehungen zu evangelischen Gemeinden und Kirchen in Deutschland pflegt.

"Cambio“, Wandel, lautet das Schlüsselwort auf Kuba. Im Land des diesjährigen Weltgebetstages reden alle von Veränderungen und Neuausrichtung. Aber was darunter konkret zu verstehen ist, wird kontrovers diskutiert. Und welche Rolle spielen Kirchen und Gemeinden in Zeiten des Wandels?

In den vergangenen Jahren ist auf Kuba Erstaunliches vor sich gegangen. Reformen wurden umgesetzt, und weitere sind angekündigt und werden von der Bevölkerung mit wachsender Ungeduld erwartet. In der kirchlichen Landschaft sind Veränderungen dagegen noch nicht zu beobachten. Alle Analysen – auch die folgenden Überlegungen – müssen mit einem gravierenden Manko leben: Es fehlt an offiziell zugänglichen und belastbaren Daten im Blick auf die Religions- und Kirchenzugehörigkeit der gut elf Millionen Kubaner. Die Informationen über Mitgliederzahlen differieren und sind umstritten, weil Wunschvorstellungen oder Ängste einfließen.

Kuba ist seit seiner Eroberung und Eingliederung in das spanische Kolonialsystem nach 1492 ein römisch-katholisch geprägtes Land. Die vollständige Ausrottung der dort ursprünglich lebenden Menschen löschte auch die Spuren ihrer Religiosität aus. Aber mit den afrikanischen Sklaven, die ab dem 17. Jahrhundert für die Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen importiert wurden, kamen neue Götter. Deren offene Anbetung war nicht erlaubt. So umhüllten die Sklaven ihre Gottheiten mit Gewändern katholischer Heiliger. Auch Legenden wurden ineinander verwoben, und es formten sich besondere afro-kubanische Mischungen von Religion, vor allem die „Santeria“. Diese Kulte wurden offiziell unterdrückt, aber geduldet. Und heute werden sie als Bestandteil kubanischer Religiosität anerkannt und staatlich gefördert: Farbenpracht und geheimnisvolle Rituale sind schließlich etwas für die Touristen. Von gut einer Million Anhängern wird ausgegangen. Aber präzise Grenzziehungen zu einer reinen römisch-katholischen Glaubenspraxis sind seit über drei Jahrhunderten schwierig. Selbst nicht wenige der Kubaner, die offiziell als nichtreligiös gelten, suchen Hilfe bei Priesterinnen und Priestern des Santeriakultes, wenn Krankheiten und andere besondere Lebensereignisse es erfordern.

Für Kubas Protestanten sind solche spirituellen Grenzüberschreitungen seit jeher tabu. Der Protestantismus konnte auf der Insel erst ab 1898, nach der Unabhängigkeit von Spanien und unter der selbst ernannten Schutzmacht USA Fuß fassen. Bescheidene autochthone Anfänge wurden von US-Missionaren rasch absorbiert. Missionsabteilungen der US-Kirchen teilten das Land in Arbeitsfelder auf, und es entstanden Tochterkirchen nach dem Bilde ihrer Mütter, meist ohne organisatorische Selbständigkeit. Viele Missionare sahen sich dabei als Kämpfer für eine besondere Befreiung: Die Bevölkerung sollten spanisch-katholischer „Rückständigkeit“ ebenso entrissen werden, wie dem zerstörerischen Einfluss des afrokubanischen „Teufelszeugs“. Dem diente neben Evangelisationskreuzzügen (crusades) der Aufbau eines umfassenden Schulwesens, in dessen Genuss vor allem die weiße Mittelschichte der Städte kam. Vielen anderen Einheimischen blieb der Protestantismus dagegen ein fremdes, durch die Kultur des großen Nachbarn geprägtes Importprodukt. So war missionarischen Initiativen langfristig, verglichen mit den enthusiastischen Anfangserwartungen der ersten Jahrzehnte, nur ein bescheidener Erfolg beschieden. Aber nach optimistischen Schätzungen betrug der Anteil der Protestanten auch in jener Epoche nicht mehr als zehn Prozent der Bevölkerung.

Die von Fidel Castro angeführte Revolution bedeutete für alle Kirchen einen tiefen Einschnitt. Wurde ihr Triumpf 1959 von vielen Protestanten zunächst als Chance zur Reinigung einer moralisch verkommenen Gesellschaft gefeiert, setzten alsbald herbe Enttäuschungen und massive Fluchtwellen Richtung USA ein. Manche protestantische Kirchen verloren so mehr als die Hälfte der Mitglieder und Pfarrer. Und die kleine lutherische Kirche existierte für drei Jahrzehnte nur noch auf dem Papier. Die Verstaatlichung des Schulwesens und das erzwungene Ende der Beziehungen zu den Mutterkirchen in den USA nach 1961 trafen besonders die protestantischen Kirchen ins Mark. Im revolutionären Kuba gerieten sie an den Rand der Gesellschaft, wurden als Konterrevolutionäre verdächtigt und von einer offiziell propagierten atheistischen Weltsicht umgeben. Viele antikommunistisch geprägte Christen flüchteten, während jüngere revolutionsbegeisterte Menschen die Kirchen verließen, um sich am Aufbau eines neuen Kuba zu beteiligen. Und andere zogen sich zurück und versuchten, das Überleben der Gemeinden zu sichern.

Revolutionäre Theologie

Dies gilt auch für die Presbyterianische Kirche, die mit evangelischen Gemeinden und Kirchen in Deutschland Partnerschaften unterhält. Mit etwa 12.500 Mitgliedern in 33 Gemeinden im Westen und Zentrum Kubas gehört sie zu den mittelgroßen Kirchen. Besondere Akzente setzte sie, als sie 1967 die formale Zugehörigkeit zu ihrer Mutterkirche, der Presbyterianischen Kirche der USA (PCUSA) beendete und sich unabhängig erklärte. Seither nennt sie sich „Presbyterianisch-Reformierte Kirche in Kuba“ (IPRC).

Sie bejahte eine konstruktive Präsenz der Kirche in der revolutionären, sozialistisch gewordenen Gesellschaft. Prägnanten Ausdruck fand dies in Impulsen einer „revolutionären Theologie“ wie dem Glaubensbekenntnis der IPRC von 1977. Es wurde als „Confessio Cubana“ in der Ökumene beachtet, besonders in den Kirchen der DDR. Gegenüber der Mehrheit, die in die innere Emigration einer schweigenden Opposition gegangen war, nahm die Kirchenleitung eine Gegenposition ein. Entwickelt wurden sie vor allem im Ökumenisch-Theologischen Seminar von Matanzas, das in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag begeht. Dazu gehörte auch deutliche Kritik an den wiederholten Versuchen von Kräften aus den USA, durch die Blockade oder subversive Aktivitäten das Regime stürzen zu wollen. Die Haltung der IPRC wurde von den Partnerkirchen in den USA kaum nachvollzogen, waren doch viele mit ihren kubanischen Mitchristen in der Hoffnung auf ein rasches Ende des kirchenfeindlichen Regimes verbunden.

Von Staat und Partei wurden die Unterstützung aus den Kirchen natürlich wohlwollend aufgenommen und die schweigende Mehrheit misstrauisch beobachtet, was mit erheblichen Konsequenzen für einzelne Kirchenmitglieder und das Gemeindeleben verbunden war.

Gegensätzliche Antworten auf die Frage nach dem Ort der Kirche in einer sozialistischen Gesellschaft haben den fragmentierten Protestantismus geschwächt. Wechselseitige warf man sich vor, „opportunistisch“ oder „reaktionär“ zu sein.

Seit den späten Achtzigerjahren, und besonders nachdem die Unterstützung aus dem Ostblock entfallen war, öffnete sich das Regime gegenüber den Kirchen. Davon, aber auch durch die öffentlichkeitswirksam inszenierten Besuche der Päpste Johannes Paul II. 1998, Benedikt XVI. 2012 und Franziskus 2015, konnte die römisch-katholische Kirche profitieren. Ihr gehören heute etwa 60 Prozent der Bevölkerung an. Die Zahl der Aktiven ist allerdings deutlich geringer, wird meist mit etwa 500.000 bei leicht steigender Tendenz angegeben. Die Hierarchie kritisiert seit langem gesellschaftliche Missstände und Menschenrechtsverletzungen, würdigt aber zugleich eingeleitete Reformen und lässt sich nicht in die radikale, als „unpatriotisch“ zurückgewiesene Propaganda der Exilkubaner in Miami einbinden. So ist die römisch-katholische Kirche trotz oppositionellen Auftretens zu einem berechenbaren und mittlerweile akzeptierten Gegenüber des Regimes geworden. Spektakuläre Ergebnisse des Besuches, den Papst Franziskus Kuba im vergangenen Jahr abstattete, sind bislang nicht zu erkennen. Dennoch dürften die Bischöfe mit Forderungen nach mehr gesellschaftlichem Einfluss in Medien, Schul- und Sozialwesen beim Regime Gehör finden. Schwer kalkulierbar sind dagegen die Perspektiven der 700.000 Protestanten in mittlerweile über einhundert Denominationen und Einzelgemeinden. Denn der stärkere Einfluss der römisch-katholischen Kirche hat keine positiven Auswirkungen für die Kirchen insgesamt, ausgenommen die Wiedereinsetzung von Weihnachten als Feiertag im Umfeld des Papstbesuches 1998.

Wachsende Pfingstbewegung

Zwar gibt es bereits seit 1946 einen Kubanischen Kirchenrat (cic), aber weder die römisch-katholische noch die Mehrheit der protestantischen Kirchen arbeiten heute mit. Dabei wäre eine verstärkte ökumenische Zusammenarbeit auch wichtig, um angemessen auf das seit Jahren zu beobachtende Wachstum pfingstlich-charismatischer Gruppen reagieren zu können. Und auch innerhalb der klassischen Kirchen breiten sich Elemente charismatischer Spiritualität wie Zungenreden und Lobpreismusik aus. Die Presbyterianische Kirche wehrt sich aber dagegen, um ihr konfessionelles Profil nicht zu verlieren.

Ähnlich bedeutsam ist die Entwicklung der Beziehungen zu den früheren Mutterkirchen in den USA. Heute wird deutlich, dass sie auch in schwierigen Zeiten – auf unterschiedlichen Wegen, durch Besuche, Fürbitten und finanzielle Unterstützung – erhalten geblieben sind. Und sie dürften sich intensivieren. Hier hängt viel davon ab, in welchem Umfang die Amerikaner materielle Unterstützungen aufbringen. Aber dabei dürften die politischen Positionierungen der Vergangenheit eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Es gibt viele Verwerfungen und offene Rechnungen zwischen denen, die geflohen und denen, die im Land geblieben sind. Versöhnungsarbeit ist also notwendig.

Man kann auch gespannt sein, wie sich die traditionelle Orientierung der weißen Mittelschicht an den protestantischen Kirchen auswirkt. Denn es mehren sich Anzeichen, dass die voranschreitende Ausdifferenzierung der Gesellschaft die frühere Mittelklasse bevorzugt. Sie profitiert von den Überweisungen der im Exil lebenden Verwandten. Und das ermöglicht privatwirtschaftliche Aktivitäten. Ob sich so auch die finanzielle Lage der evangelischen Kirchen verbessert, muss sich zeigen.

Antworten auf die Frage, welche Rolle die Kirchen im Cambio spielen werden, hängen schließlich davon ab, welche Freiräume den Akteuren einer bislang nur rudimentär existierenden Zivilgesellschaft eingeräumt werden. Gelten Vietnam und China als Maßstäbe, ist Zurückhaltung angesagt. Noch in den Neunzigerjahren waren die Kirchen inmitten der dramatischen „Sonderperiode“ für viele Menschen ein Halt in spiritueller und materieller Not. In diesem Zeitraum konnten sie erhebliche Wachstumsraten verzeichnen. Denn die gesellschaftliche Entwicklung stagnierte, und viele Unzufriedene fanden in Kirchengemeinden Räume, wo Zusammenleben nach anderen als den staatlich vorgegebenen Regeln möglich war. Man erhoffte sich, die Kirchen würden wie der Sauerteig in einer verkrus-teten, ideologisierten und in eine tiefe Krise geratenen Gesellschaft wirken. Doch ihr Einfluss blieb begrenzt, auch weil die Übernahme von Kindergärten und Altenheimen staatlicherseits nicht erwünscht war und sich das politische System als unerwartet stabil, ja sogar reformfähig erwies.

Zugleich wächst seit Jahren das Engagement der Kirchen für diejenigen, die unter den Ausdifferenzierungen der Gesellschaft besonders leiden. Alte und jene, die aus eigener Kraft kein zusätzliches Einkommen oder konvertierbare Währung beschaffen können, um an Waren zu gelangen, die Privatleute verkaufen, sind den stetig steigenden Lebenshaltungskosten schutzlos ausgeliefert. Denn es gibt keine nennenswerten Lohnsteigerungen. Wieder ist es die Presbyterianische Kirche, die hier Akzente setzt: In vielen Gemeinden gibt es Speisungen von Armen und Alten durch Essen auf Rädern. Familien, deren Angehörige im Krankenhaus liegen, werden unterstützt. Mancherorts wird sauberes Trinkwasser angeboten, oder es werden Waschsalons eingerichtet. Denn auch Waschmittel sind nur noch gegen Devisen erhältlich. Aber die materiellen Ressourcen der Gemeinden reichen nicht, um nachhaltig tätig sein zu können. So bleiben sie auf die Unterstützung amerikanischer und europäischer Kirchen angewiesen.

Christoph Anders

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