Die Kirche schafft sich selbst ab…

... denn sie erfüllt ihre eigentliche Aufgabe nicht und ist immun gegen prophetische Kritik
Foto: privat
Das kirchlich organisierte Christentum erreicht die Herzen der Menschen nicht mehr.

Kennen Sie dieses ungeduldige Gefühl: Wann ist der Pfarrer endlich mit seinem Gebet fertig? Die Nöte der ganzen Welt werden da aufgezählt. Nur nicht die eigenen: abgebrochene Beziehungen, Sorgen um die eigenen Kinder, Krankheit, Druck im Beruf, Erschöpfung, Gefühle der Sinnlosigkeit. Der Sabbat ist für den Menschen da: So hat es Jesus markant formuliert. Man muss sich die Anstößigkeit dieses Satzes wieder einmal vor Augen führen. Seine Logik ist nämlich die: Das Gesetz – die Moral, die Sitte, jede Vorschrift – ist für den Menschen da. Gott ist für den Menschen da. Und die Kirche? … sollte auch für den Menschen da sein. Für seine konkreten Erfahrungen, seine Fragen, seine Nöte. Und nicht zuletzt: für seine Religion, die längst eine autonome und individuelle geworden ist. Also für seine Religiosität, für seine religiösen Erfahrungen und spirituellen Bedürfnisse.

Ist die Kirche für den Menschen da? Die katholische kreist um ihre eigene Tradition. Die protestantische meint, da zu sein, indem sie sich um gesellschaftliche Randgruppen und globale Humanität kümmert. Keine Frage, dass das eine notwendige Aufgabe ist – die freilich auch von anderen getan werden kann. Wenn die Kirche sich nicht religiös, sondern sozialethisch bestimmt, versäumt sie ihren eigentlichen Zweck. Sie macht sich ersetzbar.

Genau so empfinden das die allermeisten unserer Mitbürger: Kirche ist überflüssig. Sie soll sich um Alte und Kranke kümmern: Das ist die Einschätzung, die in Umfragen regelmäßig die größte Zustimmung findet. Die protestantische Kirche versteht das offenbar als Bestätigung ihrer sozialdiakonischen Grundhaltung. So übersieht sie freilich, dass damit auch eine fatale Degradierung gegeben ist: eine an Erfolg und Konsum orientierte Gesellschaft weist der Kirche die soziale Problemverwaltung zu.

Die religionssoziologischen Befunde zur Lage des Christentums sind desolat. Das Christentum gilt als altes überholtes Märchen, Kirche als überflüssig, Glaube als Ausdruck persönlicher Schwäche. Und das sind keine Spitzenaussagen, sondern Durchschnittswerte. Das kirchlich organisierte Christentum erreicht die Herzen der Menschen nicht mehr. Eine Jahrtausende alte Tradition, die Kultur und Menschen geprägt und genährt hat, geht offensichtlich ihrem schnellen Ende zu.

Man sollte in Kirchenkreisen eine hoch erregte Debatte erwarten über Sinn, Zweck und Auftreten der Kirche. Das Gegenteil aber ist der Fall. Bis in die Kirchenleitung hinein herrscht eine gutmenschliche Harmonieseligkeit, die keinerlei Anlass für Selbstbefragung sieht. Kritik gilt da schnell als Nestbeschmutzung. Verrückte Situation! Da geht eine Kirche auf das Reformationsjubiläum zu, die sich gegen Reformation und prophetische Kritik komplett immunisiert hat.

Ist die Kirche für den Menschen da? Für die weit überwiegende Mehrheit unserer Mitmenschen belegen die Umfragen mit drastischer Eindeutigkeit: Nein, sie ist es nicht. Wo kümmert sich die Kirche um die Entwicklung persönlicher Religiosität? Um die religiöse Deutung konkreter Lebenserfahrungen? Um die Sehnsucht nach Spiritualität? Um eine individuell überzeugende Anleitung zu religiöser Erfahrung? Eine Kirche, die keine überzeugende und konkret lebbare religiöse Lebensdeutung anbietet, macht sich selbst überflüssig. Genau das passiert: Die Kirche hat in wenigen Jahren massiv an Kredit verloren. Die kirchliche Selbstzufriedenheit ist angesichts dessen erschreckend. Hat die Orientierung an einem naiven „Glauben“ ein anspruchsvolles theologisches Denken ersetzt? Oder muss man einen von Angst diktierten Reflex auf den zunehmenden Bedeutungsverlust vermuten?

Die Kirche ist für den Menschen da, nicht für die Glaubenstradition. Es ist ihre Aufgabe, die konkreten Lebenserfahrungen der Menschen in die Wirklichkeit Gottes zu stellen. Zuerst müssen sich die Menschen verstanden wissen – dann kann man an gesellschaftliche Verantwortung denken. Es geht nicht länger nur um Glaubensinhalte, sondern zuerst um das konkrete Leben, das eine religiöse Deutung braucht. Es geht darum, wenigstens eine Andeutung davon herzustellen, dass es etwas gibt, das größer ist als wir; eine Tiefendimension aller Wirklichkeit, die vor und hinter uns ist, und in die wir alle unsere Erfahrungen einbetten können. Daher ist die Aufgabe der Kirche keine „Verkündigung“, sondern die Kommunikation der Gottes-erfahrung. Und Kommunikation heißt, dass sich die Menschen beteiligen sollen.

Wo das geschieht, wird sich Heilung einstellen, Gelassenheit und eine Öffnung der Herzen. Die Menschen würden tiefer und reifer werden. Würde die Kirche ihre Aufgabe so bestimmen, wäre sie für die modernen Zeitgenossen hoch attraktiv.

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Joachim Kunstmann ist Professor für Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Weingarten.

Joachim Kunstmann

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