Das ewige Diesseits

Die Katakomben der Kapuziner in Palermo
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Die Mumifizierung von Verstorbenen war auf Sizilien zeitweise nicht nur bei Mönchen und Adeligen sehr beliebt, sondern auch bei reichen Bürgern. So gibt es in manchen Dörfern noch Gruften mit einzelnen Mumien. In den Katakomben der Kapuziner in Palermo stehen 8.000 Leichname in Wandnischen. Der Journalist Martin Glauert ist hinabgestiegen.

Auf dem Platz vor dem Kloster herrscht flirrende Hitze, die Luft ist erfüllt vom Hupen der Autos und Motorroller. Innen führt eine breite Steintreppe hinab in den Keller, und in dieser einen Minute gerät man in eine völlig andere Welt. Hier unten ist es dämmrig, die Luft riecht nach Moder und Verfall. Die Stille legt sich auf die Ohren, kein Laut vom Trubel der Stadt dringt herab in das Reich des Todes. Die Gänge sind spärlich von Glühbirnen ausgeleuchtet.

An den Wänden stehen schweigende Gestalten im Schatten. Doch das sind keine Wärter, sondern Leichen. In Nischen verharren dort menschliche Mumien in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Bei manchen ist nur noch der knöcherne Totenschädel zu sehen, andere wiederum haben Haut und Haare behalten, so dass man ihren Gesichtsausdruck, wenn auch leicht erstarrt, noch erkennen kann. Oft fehlen Zähne, Fasern von Nerven und Muskeln sind zu erkennen wie bei einem anatomischen Präparat im Leichenschauhaus. Alle aber sind noch eingekleidet, wobei die Farben schon sehr verblichen sind. Einige Männer tragen Anzug und Weste, sogar Fliege und Schlips. Ein makabrer Kontrast entsteht, wenn unter einem offen stehenden Hemd sichtbar wird, dass die Brust mit Stroh gefüllt ist.

Aufgereiht in alle Ewigkeit: Mumifizierte Mönche in der Kapuzinerkatakombe in Palermo.
Aufgereiht in alle Ewigkeit: Mumifizierte Mönche in der Kapuzinerkatakombe in Palermo.

Eine Gestalt ist in Sackleinen gekleidet und trägt eine schwarze Kapuze. Auf dem Pappschild an ihrer Brust ist zu lesen: „Frate Silvestro da Gubbio“. Der Kapuzinermönch war der erste, der hier beerdigt wurde, und zwar am 16. Oktober 1599.

Vorher hatten die Brüder, die sich 1534 in Palermo niedergelassen hatten, ihre Verstorbenen in einem simplen Gemeinschaftsgrab beerdigt. Das aber wurde irgendwann zu klein, deshalb bauten sie unterirdische Katakomben. Als man aber die Überbleibsel der Toten in die neue Wohnstatt bringen wollte, stieß man auf eine überraschende Entdeckung: Die Leichen, die ohne Särge einfach aufeinander gestapelt lagen, erschienen praktisch unverändert, „als ob diese Männer des Glaubens nur wenige Stunden tot wären.“ Das geheimnisvolle Phänomen sprach sich rasch herum und schon bald wünschten auch die Reichen und Adligen Siziliens, dort beerdigt zu werden. Zwei Motive trieben sie dabei an: An spirituellen Orten oder in der Nähe von Heiligen beerdigt zu sein, erhöhte die Chancen auf himmlische Fürsprache. Weniger religiös lockte rein irdische Eitelkeit, der Wunsch nach körperlicher Gegenwart über den Tod hinaus.

Poetische Allegorie

Die Kapuziner erlaubten anfangs keine Laienbestattungen, auf äußeren Druck jedoch gestatteten sie ab 1783 auch weltliche Beerdigungen. Das freilich blieb ein Privileg und Luxus, der nur einer zahlungskräftigen Elite zugänglich war. 1837 erschien die erste Preisliste: „12 Unzen für einen männlichen Körper, der in eine Nische oder in einen Sarg nach Mumifizierung gelegt wird. 10 Unzen für einen weiblichen Körper, 8 Unzen für eine Kinderleiche.“ Der Tod als der große Gleichmacher, eine philosophische und poetische Allegorie in Märchen und Religionen – hier wird sie widerlegt. Die Körper, die hier bewahrt sind, gehörten Menschen, die wohlhabend genug waren, um unsterblich gemacht zu werden. „Damals wie heute gilt: Nur die Reichen und Mächtigen haben eine Seele“ – so fasste es einst der Soziologe Jean Baudrillard (1929–2007) sarkastisch zusammen. „Auf der einen Seite die ‚einzig wahren‘ menschlichen Wesen, die das Recht auf Unsterblichkeit haben, und auf der anderen Seite der Rest, der nur das Recht auf den Tod hat.“

Lebt sie noch? Rosalia Lombardo starb 1920 mit zwei Jahren an der Spanischen Grippe. Meisterhaft einbalsamiert scheint sie friedlich zu schlafen.
Lebt sie noch? Rosalia Lombardo starb 1920 mit zwei Jahren an der Spanischen Grippe. Meisterhaft einbalsamiert scheint sie friedlich zu schlafen.

So harren die Mumien nun in vier langen, rechtwinklig angeordneten Gängen der Ewigkeit, streng geordnet nach Geschlecht und Beruf. Frauen und Männer liegen voneinander ebenso getrennt wie Geistliche und Weltliche. Es gibt eine Galerie der Priester und eine Galerie der Mönche – Anwälte und Ärzte bleiben in einer eigenen Abteilung unter sich. Soldaten stehen noch im Sarg stramm in ihrer bunten Uniform, feine Damen der Gesellschaft sind in eleganter Garderobe angetreten, inklusive Handtäschchen und Sonnenschirm. In einer Abteilung sind Kinder versammelt wie in der Spielecke eines Kindergartens, in rosafarbenen Kleidchen, aber auch im Taufkleid und sogar in der Wiege. Dies ist der traurigste und nur schwer erträgliche Teil der Katakomben. Durch den Mumifizierungsprozess wirken Kleinkinder bereits wie Hundertjährige, so als hätte ein grausamer Zeitraffer ihr Leben im Schnelldurchgang vorgespult.

Schönste Mumie der Welt

Eine erstaunliche Ausnahme bildet die kleine Rosalia Lombardo, die als „schönste Mumie der Welt“ berühmt geworden ist. Eine Woche vor ihrem zweiten Geburtstag starb sie an der Spanischen Grippe und wurde 1920 ausnahmsweise hier beerdigt, obwohl die Katakomben eigentlich längst geschlossen waren. Nun liegt sie dort, in ihren winzigen Sarg gekuschelt, und scheint friedlich zu schlafen. Ihr Gesichtsausdruck ist heiter, ihre Haut wirkt zart und weich, die blonden Locken werden von einer gelben Schleife zusammengehalten. Die Sizilianer nennen sie liebevoll „die schlafende Schönheit“. Röntgenaufnahmen haben ergeben, dass auch ihre inneren Organe, insbesondere das Gehirn, die Leber und die Lunge, perfekt erhalten sind. Sie ist das Meisterstück des Einbalsamierers Alfredo Salafia, der sein Geheimrezept mit ins Grab nahm. Aus seinen Aufzeichnungen weiß man immerhin, dass er Formalin, Glycerin, Zinksalze und Salicylsäure injizierte. Dazu kam eine Spezialbehandlung mit in Äther gelöstem Paraffin, um die lebendige Pausbackigkeit des Gesichts zu erhalten. Seit fast einem Jahrhundert liegt Rosalia dort und sieht doch so aus, als wäre sie erst vor ein paar Stunden gestorben.

Den Mönchen waren diese Techniken noch unbekannt. Sie vertrauten auf das spezielle Klima der Katakomben. Das aber reichte nicht aus, deshalb wurde nachgeholfen. Durch Metallgitter kann man heute noch einen Blick in die ehemaligen Trockenräume werfen, wo die Leichen damals acht Monate lang bis zu einem Jahr auf Keramikröhren gebettet wurden, so dass die Körpersäfte abtropfen konnten. Danach wuschen die Mönche die Toten mit Essig, rieben sie mit aromatischen Kräutern ein und legten sie auf eine Strohmatratze. Mit Stroh wurden auch die Körper innen ausgefüllt, um ihre Form zu erhalten. Waren die Leichname dann komplett getrocknet, kleideten die Mönche sie an und stellten sie in ihre Nischen.

Die wiederum hatten sich die Bewohner in spe bereits bei Lebzeiten selber ausgesucht, eine akribische und wählerische Prozedur, die an die Wohnungssuche heutiger Zeiten erinnert. Ein erstaunter Besucher beobachtete im Jahr 1773: „Sie machen sich schon einmal heimisch mit ihrem zukünftigen Zustand. Üblicherweise wählen sie ihre eigene Nische. Und testen sie, indem sie hinein klettern, um zu sehen, ob sie ihnen passt oder ob sie Abänderungen benötigen. Manchmal stehen sie dort unbeweglich für Stunden.“ Ausführlich wurde über die Vor- und Nachteile einer Nische diskutiert, inklusive eines ausgiebigen Tratsches über die zukünftigen Nachbarn.

Später wurden auch Kinder einbalsamiert und in die Katakomben gestellt.
Später wurden auch Kinder einbalsamiert und in die Katakomben gestellt.

Der Totenkult in Palermo ist absolut ungewöhnlich und verwischt die Grenze zwischen Leben und Tod. In diesen düsteren Hallen muss es damals recht lebhaft zugegangen sein. Als Alexandre Dumas 1842 die Katakomben besuchte, war er erstaunt über den leichtherzigen und entspannten Umgang der Sizilianer mit ihren Toten. „Hin und wieder schauen Erben vorbei, um sich zu vergewissern, dass diejenigen, deren Vermögen sie fleißig verbrauchen, sich noch artig in ihren Gräbern benehmen. Sie grüßen ihre Onkel, Großväter oder ihre grimassierenden Ehefrauen, und das beruhigt sie.“ Sogar die Kinder brachte man hierher, um ihnen ihre Vorfahren vorzustellen als Teil der Familiengeschichte. Man kann sich vorstellen, was für ein aufregender Abenteuerspielplatz das für die Kleinen war! Fiel der Arm eines Vorfahren ab, wurde er repariert. Wenn die Kleider unansehnlich wurden, ersetzte man sie durch neue, schickere. Eine solche Fürsorge wurde als Ausdruck einer innigen Kommunikation mit den Toten empfunden. „Dieser postmortale Dialog ist die Verneinung des Todes als ein Ende der Sprache und des Umgangs. In Palermo blieben die Toten weiterhin Teil dieser Welt“, beschreibt es der italienische Filmproduzent Ivan Cenzi.

Tote in zwei bis drei Etagen: Die meisten Mumien in Palermo zeigen starke Verwesungsspuren.
Tote in zwei bis drei Etagen: Die meisten Mumien in Palermo zeigen starke Verwesungsspuren.

Von der Lebendigkeit jener Tage ist heute nichts mehr zu spüren, die fröhlichen Stimmen sind verklungen. Man hört nichts als die eigenen Schritte, irgendwann sogar die eigenen Atemzüge. Vom Stolz und der Herrlichkeit der Bestatteten ist wenig übrig geblieben. In langen Reihen stehen sie nebeneinander, den Kopf gesenkt, wie aus unendlicher Müdigkeit oder aus Demut. Die Kleider sind zerfallen, unter den Lumpenfetzen werden halb verweste Körper sichtbar, ausgestopft mit Stroh und Lappen. Ihre Existenz wollten die Menschen hier unten ins Unendliche verlängern, den Tod aus gekränkter Eitelkeit verleugnen, die Ewigkeit schon im Diesseits erwerben. Ihre Macht, ihr Reichtum und ihre Wichtigkeit sollten für alle sichtbar sein. Tatsächlich hat sich alles ins Gegenteil verkehrt: Die düsteren Gestalten sind eine Demonstration des Verfalls, der Hässlichkeit und der Armseligkeit. Sie haben sich in makabre Zerrbilder ihrer selbst verwandelt, wehrlos den neugierigen Blicken fremder Besucher ausgeliefert. Doch halt – wer beobachtet hier wen? Fast spürt man die Blicke der endlos grinsenden Schädel im Nacken, ihr hintergründige Mitteilung an die vorbeigehenden Lebenden: „Warte nur, balde …“

Informationen

Catacombe dei Cappuccini, Piazza Cappuccini, Palermo, Italien. Telefon: +39 091 212579. Geöffnet täglich 9–13 Uhr und 15–18 Uhr.

Text und Fotos: Martin Glauert

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