Großartig

Eine Flucht nach Amerika
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Leavitt hat einen beeindruckenden Roman geschrieben, der beleuchtet, wie sich Verborgenes nach oben kämpft.

Geraten die Bahnen des Lebens ins Wanken, fällt es schwer, die Untiefen der Seele im Zaum zu halten. In David Leavitts Späte Einsichten, im Original The Two Hotel Francforts, begegnen sich zwei Paare im Lissabon des Sommers 1940 und sortieren sich neu, während sie gemeinsam auf die rettende Schiffspassage nach New York warten. Die Charaktere fliehen doppelt – vor den Nazis, aber vor allem vor sich selbst, und verstecken sich hinter einer Fassade, bis die Komödie in einer Tragödie endet. Pete Winters, ein aus dem Mittleren Westen stammender Autohändler und seine jüdische New Yorker Ehefrau Julia treffen nur scheinbar zufällig auf das Künstler-Ehepaar Edward und Iris Freleng, er amerikanischer Jude, sie Britin. Beide veröffentlichen unter einem Pseudonym Kriminalromane.

Während Leavitt in den Teilüberschriften „Irgendwo“, „Anderswo“, „Nirgendwo“ und „Überall“ andeutet, seine Geschichte könnte überall und zu jeder Zeit spielen, steht die historische Kulisse als verheißungsvolles Symbol: Europa steht am Abgrund, Lissabon ist „ein Landungssteg, eine Warteschleife, eine Durchgangsstation“. Oberflächlich umgibt den Ort eine scheinbare Leichtigkeit. Intellektuelle bevölkern die Esplanaden, flanieren am Strand oder plaudern genügsam bei Creme-Törtchen.

Auf den Leser mag die Leichtigkeit nicht so recht überspringen, denn Lissabon ist auch eine Art Styx, eine Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Toten. Um sich herum spürt Edward „nichts als Leiden und Furcht“. Abertausende Flüchtlinge kämpfen verzweifelt um Schiffspassagen und Reisepapiere, denn nach der Kapitulation Frankreichs ist die Stadt das letzte Tor zur Freiheit. Lissabon ist Sinnbild für Heimatverlust und Flucht, Schwebe und Durcheinander, Gefahr und Untergang bei heiterer Musik. All das verkörpern auch Leavitts Charaktere.

Pete fühlt sich zunehmend erdrückt von der Last, Julia zu beschützen und ihre ausufernden Nörgeleien zu ertragen. Er verfällt stattdessen Edward. Als dieser ihn verführt, nimmt er ihm zuvor die Brille ab: „Damit du wahrheitsgemäß sagen kannst, du hättest es nicht kommen sehen“, so Edward. Pete stolpert sozusagen symbolisch blind in die Affäre. Iris duldet dies, nur Julia darf nichts erfahren, denn das würde sie zerstören. So spielt „eine dreiköpfige Commedia-dell´Arte-Truppe (…) einem ahnungslosen einköpfigen Publikum eine Komödie vor“. Julia bleibt dennoch nicht verborgen, dass der Gatte ihr entgleitet.

Aber Angst wird entweder hinter Selbsttäuschung versteckt oder in Absinth ertränkt, Trauer wird mit Heiterkeit überspielt, Unsicherheit im Motor gesellschaftlicher Konventionen erstickt und Krieg mit „Haute-Couture-Gasmaskenhaltern“ modisch geschmückt. Und zur Ruhigstellung werden Barbiturate gereicht. Unter der Oberfläche aber bleibt Unbequemes versteckt, so auch zwei verleugnete Kinder – Julias unehelicher Sohn und Iris' autistische Tochter.

Auch Edwards wiederkehrende depressive Episoden sind für Iris mehr ein Zeichen seines Genies als ein Leiden. Jahrelang führten die beiden ein „Vagabunden-Dasein“ in Erste-Klasse-Hotels. Auf ihr Drängen hin zogen sie stets weiter, im Versuch, vor seinen Problemen zu fliehen.

Am Ende ist Julia die einzige, die nicht schauspielert. Mit der Flucht aus ihrer Pariser Wohnung hat sie die Freiheit verloren, die sie mit der Flucht vor ihrer Familie nach Frankreich einst gewonnen hatte. Ihre jüdische Herkunft und Verwandtschaft möchte sie abschütteln, aber beides haftet an ihr. Julia sieht bereits in den Abgrund, als Pete sich von ihr entfernt und ihr jede Hoffnung auf Rückkehr nimmt: „Man entkommt nicht. Niemals“, klagt sie, kurz bevor sie sich schließlich vom Dach stürzt.

Leavitt hat einen großartigen Roman geschrieben, der beleuchtet, wie sich Verborgenes nach oben kämpft. Er glänzt mit schöner Sprache und erzeugt mit gut platzierten Motiven aus der griechischen Mythologie und mit in poetisch-romantisch verpackten unerwartet aufblitzenden Aggressionsäußerungen düstere Stimmungen inmitten eines belanglosen Rausches. Überall finden sich phantasiereiche Vergleiche und Bilder, starke Symbole und entzückende Details. Ein Meisterwerk auf 300 Seiten, das dem Leser viel Stoff bietet, Rätsel aufgibt und zum Nachdenken anregt.

David Leavitt: Späte Einsichten. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2015, 304 Seiten, Euro 20,–.

Katharina Lübke

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