Blutige Reste

Das Kriegsjahr 1916 und die Moral von der Geschicht
Otto Dix: Gräben durch Angres – Chiffren, 1917. Foto: Ingo Bustorf
Otto Dix: Gräben durch Angres – Chiffren, 1917. Foto: Ingo Bustorf
Im Krieg heißt es: Tu was, aber mach keinen Fehler. Für „die da oben“ ist es im Dunkel des Augenblicks besonders schwer einzusehen, dass sich angebliche Alternativlosigkeiten als Fallen erweisen können – in erster Linie für die, deren Geschicke sie lenken. Der ehemalige Chefredakteur von zeitzeichen, Helmut Kremers, über die Schlacht von Verdun als point of no return im Ersten Weltkrieg.

Am Samstagvormittag des 24. Juni 1922 wollte sich der Reichsaußenminister Walter Rathenau von seiner Villa im Grunewald im offenen Wagen zum Auswärtigen Amt in der Wilhelmstraße chauffieren lassen. Ohne dass er oder sein Fahrer es bemerkten, wurden sie von einem anderen Wagen verfolgt. In einer Kurve eröffnete ein Attentäter das Feuer mit einer Maschinenpistole, und ein anderer warf eine Handgranate. Rathenau starb am Ort des Überfalls.

Das Kriegsende war noch keine vier Jahre her, und der Mord hatte mit diesem Krieg zu tun. Rathenau war sehr vaterländisch gesinnt, im und nach dem Krieg setzte er sich unermüdlich und leidenschaftlich für dieses Vaterland, das sich letzten Endes selbst in eine Notlage manövriert hatte, ein. Auch die Attentäter hielten sich für Patrioten, für sie richtete sich ihre Tat gegen einen der verhassten Vertreter der verhassten Republik.

Doch zunächst zurück zum Anfang des Jahres 1916. Da hieß die Notlage Krieg. Die Sachzwänge, die er mit sich brachte, suggerierten jeweils, es gebe nur eine Möglichkeit. Alles andere führe in den Abgrund.

Solcher Suggestion erlagen die Akteure an den vielbeschworenen Hebeln der Macht massenhaft. Wie sie es verstanden, entschieden sie sich immer für das Alternativlose. Die deutschen Militärs wussten: Die Lage ist ernst, und sie kann auf Dauer nur ernster werden. Die materielle Überlegenheit der Alliierten war evident. Man wollte um jeden Preis siegen – also musste man zuschlagen, jetzt, in diesem Jahr, ohne Rücksicht auf Verluste.

Dem Sachzwang Rechnung zu tragen, oblag dem deutschen Generalstabschef Erich von Falkenhayn (1861–1922). Er war verantwortlich für den gigantischsten Angriff, den die Menschheit je gesehen hatte. Das Ziel war den Gegner „auszubluten“. Falkenhayn war ein Mann der kalten Vernunft, Sentimentalitäten lagen ihm fern, er liebte die klaren Worte. Ausbluten, das war sein Wort für den militärischen Fachterminus „Abnutzungsschlacht“. Die Franzosen hatten in den bisherigen Kämpfen immer die höheren Verluste gehabt. Und dabei würde es bleiben, behauptete Falkenhayn, am Ende müssten sie unterliegen.

In Deutschland beteuerte man Anfang 1916 noch unablässig, an den Sieg zu glauben. Gewiss, die bisherigen Verluste waren ungeheuer. Aber hatte man nicht schon „den“ Russen aus Ostpreußen vertrieben, zeigte sich nicht jeden Tag, dass deutsche Disziplin, deutsche Führungskraft, deutscher Wille den Deutschen jedem Gegner überlegen machte?

Unvermeidliche Katastrophen

Ja, absurderweise tat man sich auf die deutsche Tugendstärke besonders viel zugute, sie wurde bei jeder Gelegenheit beschworen. Die Franzosen hatten ihren Elan, gut, aber wenn es „ganz dicke kommt“ (der schnodderige Kasinoton war noch gang und gäbe), würde der ihnen nicht helfen: Die deutschen Tugenden würden den deutschen Waffen den Sieg bringen.

Anfang 1916 war noch nicht von den Waffen die Rede, die von den Deutschen später entwickelt werden sollten, Giftgas etwa oder den Flammenwerfern. Sie wurden vom Gegner als barbarisch gegeißelt, ebenso wie der uneingeschränkte U-Bootkrieg gegen die Seeblockade, die die im Winter 1917 eintretende Hungerkatastrophe absehbar machte. Aber Kruditäten galten als unvermeidlich, und jede Seite war der Meinung, der anderen nur mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Der große deutsche Angriff im Westen begann am 21. Februar 1916, vor Verdun. Nun kam es für Falkenhayn darauf an, dass am Ende des Angriffs mehr französische Soldaten als deutsche ausfielen. Sollte ihm die Sorge, diese makabre Bilanz zu erreichen, zuweilen den Schlaf geraubt haben – der einkalkulierte massenhafte Tod junger Deutscher tat es wohl nicht: Sachzwang eben.

Glaubten die Deutschen zu diesem Zeitpunkt wirklich noch an den Sieg? Oder trifft es die Stimmung eher, wenn man sagt, sie wollten der drohenden Niederlage nicht ins Auge schauen? Die Männer an der Front übten sich in den vielbeschworenen Tugenden, sie sollten es fast bis zum bitteren Ende tun, aber die Stimmung war mies. Weihnachten sei man wieder zu Hause, hatte man im August 1914 getönt. Aber nun hatte es schon die zweite Kriegsweihnacht gegeben. Friede auf Erden? 1914 hatten sich Engländer und Deutsche noch an den Feiertagen zwischen den Fronten getroffen, Lieder gesungen und Fußball gespielt. Das war vorbei.

Der Theologiestudent Johannes Haas schrieb im Januar 1916 nach Hause: „Natürlich die Leutnants wundern sich, daß die Leute nicht mehr wollen. Die ‚Sekt-und Weinkäuze‘ feiern; wir kommen im Dreck um und erhalten 1 1/2 Löffel Abfallmarmelade und 14 Stück Zucker zu Weihnachten. Der Mann, dem der gemeine Soldat einzig noch Sympathien und Vertrauen entgegenbringt, ist der Schreihals Liebknecht…“ Karl Liebknecht wurde in diesem Jahr 1916 aus der SPD ausgeschlossen und anschließend zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Kurz vor Kriegsende freigelassen, rief er am 9. November 1918 die „Sozialistische Republik“ aus, und am 15. Januar 1919 wurde er zusammen mit Rosa Luxemburg von Rechtsradikalen ermordet.

Zu dem Zeitpunkt, als der junge Johannes Haas sein Verständnis für den „gemeinen Soldaten“, aber seine Abneigung gegen den Marxisten äußerte, wusste er noch nicht, was ihm selbst bevorstand: die große „Blutmühle“, die „Hölle von Verdun“. Er starb in ihr am 1. Juni 1916 den „Heldentod“. Und wer diesem entging, war am Anfang schockiert, stumpfte allmählich ab oder wurde zum „Kriegszitterer“, dem patriotische Mediziner mit Elektroschocks, Eisbädern und allerlei Quälereien zu Leibe rückte.

Blutige Reste

Doch auch wer sich „wacker hielt“, fand, was er erlebte, nicht mehr erhebend. „Soeben habe ich,“ schilderte der Jurastudent Hugo Müller, wohl einer der „Sektköpfe“, also Leutnant, „einen Brief an den Vater eines vorgestern gefallenen Unteroffiziers meines Zuges geschrieben. Wenn die armen Eltern ihren Sohn gesehen hätten! Eine Granate hatte ihm den Kopf weggerissen, das Gehirn haben wir buchstäblich mit dem Spaten zusammengekratzt. Solche Bilder gehören nicht zu den Seltenheiten des Schützengrabenlebens! Auf den Wagen, auf denen das Essen abends herausgefahren wird, bringen sie dann diese blutigen Reste einstigen stolzen Menschentums zurück.“ Müller fiel am 18. Oktober 1916, vierundzwanzigjährig, bei Warlencourt.

Schon im Mai war der deutsche Angriffsschwung dahin. Die Verluste der Franzosen waren riesig und die der Deutschen nicht entscheidend geringer. Falkenhayn wurde durch das fatale Duo Hindenburg und Ludendorff abgelöst.

Dem Geschassten wurde Gelegenheit gegeben, sich in anderer Funktion kriegerisch zu bewähren. Falkenhayn war der Prototyp des militärischen Führers: je kritischer die Lage, umso geringer die Distanz zur scheinbar zwingenden Sachlogik. Doch gibt es einen Punkt in seiner persönlichen Geschichte, der gar nicht zu ihm zu passen scheint. Er hatte nämlich Ende 1914 als preußischer Kriegsminister nach der verlorenen Schlacht an der Marne dafür plädiert, einen Frieden anzustreben. An einen uneingeschränkten Sieg glaubte er da schon nicht mehr. Er war mit seinem Vorschlag auf keine Gegenliebe gestoßen. Wenig später, als Generalstabschef, tat er seine Pflicht, wie er sie verstand.

War man damals, 1916, wenigstens auf der Gegenseite hellsichtiger? Als Antwort auf die deutsche Großoffensive vor Verdun vereinbarten der französische und der englische Oberkommandierende, Joseph Joffre und Douglas Haig, eine Gegenoffensive an der Somme. Das Prinzip war das gleiche wie auf der deutschen Seite: Abnutzung mit der vagen Aussicht auf einen Durchbruch. Am 1. Juli gingen nach siebentägiger Artillerievorbereitung 120.000 britische Soldaten zum Angriff über. Und in der ersten halben Stunde starben über 8.000 von ihnen, am Abend waren es über 19.000 Tote, 2.100 Vermisste, 36.000 Verwundete.

Der Angriff vor Verdun wurde im Juli abgebrochen, bis in den November griffen die Franzosen ihrerseits an. Die Verluste auf beiden Seiten betrugen etwa 700.000 Tote und Verletzte, und die Schlacht an der Somme endete am 25. November, Verluste: über eine Million. Danach war man sich auf alliierter Seite einig, dass man nur einem Frieden zustimmen würde, der die vollständige Niederlage der Mittelmächte festschrieb. Je größer der „Blutzoll“, umso verbissener und kompromissloser – darin glichen sich die verfeindeten Gegner.

Augenmaß verloren

Zunehmend ging das Augenmaß dafür verloren, dass es für keine Partei irgendein Kriegsziel geben konnte, das die abstruse Zahl der Opfer hätte rechtfertigen können, nicht einmal in machtpolitischer Hinsicht. Ein Jahrhundert später wüsste man nichts mehr zu sagen, was gegen die absolute Sinnlosigkeit dieses Krieges spräche.

Nicht alle handelten damals mit ehernem Gewissen. Es gab auch die schwankenden Gemüter. Zu ihnen zählte Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg (1856–1921). Er verkörperte gewissermaßen das Gegenstück zum schneidig-forschen Falkenhayn. Der Kanzler Bethmann war ein Mann des Fortschritts, kultiviert und human – aber selbstzweiflerisch, unentschlossen, hin- und hergeworfen zwischen der von ihm erwarteten Rolle und seiner besseren Einsicht. 1914 war er noch mitverantwortlich für den Blankoscheck für Österreich-Ungarn, im gleichen Jahr segnete er weitreichende annexionistische Kriegsziele ab, die den Scharfmachern im Lande gefielen. Zunehmend aber schlug ihm der Wahnsinn des Krieges aufs Gemüt. Allmählich versuchte er, von Maximalforderungen Abstand zu nehmen und, vorsichtig lavierend, das Reich in Richtung Friedenskurs zu bewegen. Viel zu vorsichtig. Er verdarb es mit allen Seiten. Die Rechten wie die Linken hielten ihn für einen „Flaumacher“, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Im Juli 1917 stimmten die Mehrheitsparteien im Reichstag für seine Ablösung, auch die oppositionellen, die fanden, jemand, der sich gegen die eigenen Leute nicht durchsetzen kann, werde sich auch in Friedensverhandlungen als zu weich erweisen. So endete Bethmann-Hollweg als Gescheiterter, als tragische Figur.

Nachher sei man immer schlauer, heißt es, und für die Nachgeborenen bleibt es eine Gewissensfrage, wie viel Schuld sie denen zumessen wollen, die glaubten, nicht anders handeln zu dürfen.

Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg war eine Gestalt des 19. Jahrhunderts, einer Epoche, die nach dem Krieg endgültig im Orkus der Geschichte versunken war. Auch Walter Rathenau stammte aus ihr. Aber er hatte die Brücke zur neuen Zeit mutig und entschlossen betreten. Geboren wurde er 1867 als Sohn des AEG-Begründers. Er selbst wollte zunächst eher seiner künstlerischen und schriftstellerischen Ader folgen, wurde aber dann doch einer der einflussreichsten Wirtschaftsbosse des Reiches. Zudem war er ein Patriot wie aus dem Bilderbuch des Kaiserreiches. Am Anfang stand er dem Krieg noch skeptisch gegenüber, aber bald wurde er zum Scharfmacher, der beispielsweise, um Arbeitskräfte zu gewinnen, sich für die Deportation von belgischen Bürgern ins Reich einsetzte. Im ersten Kriegsjahr baute er das KRA (Kriegsrüstungsamt) auf, dann zog er sich zurück. Seine Einstellung zum deutschen Kriegskurs wurde immer kritischer, und er versuchte, mit Denkschriften Einfluss auf die Mächtigen zu nehmen, ohne Erfolg. 1918 wallten seine patriotischen Gefühle noch einmal auf, er plädierte für eine allgemeine Volkserhebung, um eine Milderung der Friedensvertragsbedingungen von Versailles zu erreichen.

Die Moral von der Geschicht

Schließlich kam er zu der Ansicht, das Kaiserreich sei letzten Endes wegen seiner geistigen Verfassung unvermeidlich auf sein Ende zugetrieben. 1918 schrieb er „An Deutschlands Jugend“: „Wir Älteren hatten keinen Grund, die Epoche unserer Jugendjahre zu preisen. Politisch herrschte der Kampf gegen den Sozialismus in der Form einer liberal aufgeklärten Reaktion, geistig die sogenannte Wissenschaft, wirtschaftlich der beginnende Hochkapitalismus, gesellschaftlich die bürgerliche Streberei…“ – Die Jugend sei „von freier Tat ferngehalten, halb freiwillig, halb unbewusst in das ungeistige, unfromme, phantasielose Joch der Autorität und Streberei gezwängt“ gewesen.

Nach dem Krieg aber wandelte er sich nolens volens zum Republikaner. Als Außenminister bewies er im Umgang mit den ehemaligen Kriegsgegnern sein diplomatisches Geschick.

Die Attentäter, Studenten, waren Mitglieder der rechtsradikalen antisemitischen Organisation Consul. Sie glaubten, für Deutschland zu kämpfen und in einer Notlage zu handeln. Die Begründung für ihre Tat: Walter Rathenau war bekennender Jude. Ein Jude aber, das stand für sie fest, konnte nur gegen Deutschland agieren. Er sei ein „Erfüllungspolitiker“, der Mord an ihm eine patriotische Tat. In seiner Dummheit und Geistesverwirrung ein Menetekel für das, was kommen sollte.

Und die Moral von der Geschicht? Lässt sich aus der Geschichte lernen? Wiederholt sich Geschichte nicht – oder tut sie es vielmehr unablässig?

Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Zwar: Vergleiche fördern nicht Gleiches zu Tage. Doch ohne Vergleich ist jede historische Betrachtung für die Mottenkiste. Und schließlich sind auch die einfachen Lehren nicht zu verachten, etwa diese: Sachzwänge sind die schwarzen Vorhänge, die in der Notlage die Sicht verstellen. Hinter scheinbarer Alternativlosigkeit lauern die kleinen und großen Fallen für jeden, der entscheiden muss. Eine simple Lehre, gewiss. Aber keine einfältige. Wenn man sie nämlich beherzigt, wird es kompliziert.

Helmut Kremers

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