Reiche Klänge

Vesper von Scarlatti
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Zu diesem Kunststück im Wortsinne kann man dem Ensemble und seinem Leiter Jochen M. Arnold nur gratulieren!

Bei Scarlatti denken viele Musikliebende sofort an eine Flut von Cembalosonaten und bei einer Vespro della Beate Vergine, einer Vesper für die selige Jungfrau, kurz einer Marienvesper, sofort an Claudio Monteverdi. Beides führt in die Irre, denn beim Komponisten der Musik dieser Aufnahme handelt es sich nicht um den Sonatenvielschreiber Domenico Scarlatti – 555 Cembalosonaten sind von ihm überliefert –, sondern um dessen Vater Alessandro (1660–1725). Und die Vesper für die selige Jungfrau ist nicht Monteverdis weltberühmte Marienvesper von 1610, sondern eine Zusammenstellung von sieben Psalmvertonungen Scarlatti des Älteren.

Alle Werke haben gemeinsam, dass sie für den Vespergottesdienst am Sonntagabend geschrieben sind. Gelegentlich findet in den beim ersten Hören etwas herb wirkenden Werken auch der Gregorianische Choral Verwendung – besonders kunstvoll im „Laudate Pueri“: Scarlatti komponiert ihn nicht als Melodiestimme im Vordergrund, sondern die Zeile Sit nomen dominum Dominum benedictum ex hoc nunc et usque in saeculum (deutsch: „Der Name des Herrn sei gepriesen, von jetzt an bis in Ewigkeit“) läuft hinter- bis untergründig im polyphonen Geflecht mit. Eine faszinierende Klangschichtung, die erst beim zweiten Hören auffällt und beim dritten dann schon sehnsüchtig erwartet wird. Immer wieder treten berückende Soli, Duette und Terzette aus dem prachtvollen Tuttiklang des achtzehnköpfigen Ensembles hervor. Die solistischen Partien werden alle aus den Reihen des Ensembles bestritten. Hier liegt die Quelle der großen Qualität der „Scarlattisten“: Die Sängerinnen und Sänger sind alles gestandene Solisten, lassen aber darob im Tutti keinerlei vordergründigen Geltungsdrang verspüren und verschmelzen dort zu einem einheitlichen, dabei zugleich individuell-lebendigen Klang.

Zu diesem Kunststück im Wortsinne kann man dem Ensemble und seinem Leiter Jochen M. Arnold nur gratulieren! Die Scarlattisten setzen in ihren tiefschürfenden und lebendigen Interpretationen aufs Feinste das um, was Scarlatti selbst im Jahre 1706 in einem Brief über seine Kompositionsweise schrieb: Man könne in der Musik Dissonanzen und Konsonanzen wie „Farben vermischen“, ja, wie „Licht und Schatten in der Malerei“ kontrastieren, die „ohne die Vermischung der gedachten regelmäßig und künstlich gebrauchten Farben niemals vollkommen seyn kann“.

Alessandro Scarlatti: Vespro della Beata Vergine.Gli Scarlattisti Leitung: Jochen M. Arnold Spektral-CD 15142

Reinhard Mawick

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