Familie, Religion, Nation Das orthodoxe

Konzil auf Kreta hat theologische und politische Leitlinien verabschiedet
Auf Kreta trafen sich Ende Juni Vertreter der orthodoxen Kirchen. Zehn erkannten die Bischofsversammlung als „Konzil“ an, vier lehnten dies ab. Reinhard Thöle, Professor für Ostkirchenkunde an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg, war als Konzilsbeobachter der EKD auf Kreta.

Im Januar 2016 waren sich alle vierzehn orthodoxen Kirchen noch darin einig, im Juni, der Pfingstwoche nach dem östlichen Kalender, ein Konzil, die „Große und Heilige Synode“ in die Orthodoxe Akademie von Kreta einzuberufen. Man hatte sich im Wesentlichen auf eine Geschäftsordnung geeinigt, fünf Textvorlagen einstimmig und eine Textvorlage bei einer Gegenstimme als Arbeitsgrundlage für das Konzil angenommen. Aber drei Wochen vor der Eröffnung verkündeten die Kirchen Bulgariens, Georgiens und Antiochiens aus verschiedenen Grünen, dass sie fernbleiben würden. Die Patriarchate Serbiens und Russlands traten als Vermittler auf, forderten eine Klärung der strittigen Punkte vor Beginn des Konzils, forderten seine Verschiebung oder Herunterstufung auf den niedrigeren Status einer Synode. Doch der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, das Ehrenoberhaupt der orthodoxen Kirchen, wies dies unter Hinweis auf die gemeinsamen Beschlüsse vom Januar zurück.

Die Gründe für die Absagen waren unterschiedlich: Das Patriarchat Antiochen führte einen nicht beigelegten Streit mit dem Patriarchat Jerusalem um die Errichtung eines Bistums in Katar an. Die georgische Kirche nannte eine allgemeine Unzufriedenheit. Und die bulgarische Kirche sah ein Abweichen des Konzils vom traditionellen Ökumeneverständnis, wonach die orthodoxe Kirche die einzig wahre Kirche sei, zu der sich die Nichtorthodoxen, Häretiker und Schismatiker, durch Umkehr und Buße zu bekehren hätten. Ein Dialogkonzept, nach dem die orthodoxe Kirche als eine unter mehreren auftrete, sei falsch. Diese Position, mit der die bulgarischen Kirche 1998 auch ihren Austritt aus dem Weltkirchenrat begründet hatte, ist vor allem von der Situation im eigenen Land her zu verstehen. Dort gibt es seit der politischen Wende eine bis heute andauernde Kirchenspaltung. Und für beide Gruppen steht „Ökumene“ für die „Verstrickung in den Kommunismus“.

Trotz der erwähnten Probleme tagte die „Große und Heilige Synode“ wie geplant in Kreta. An ihr nahmen zehn von vierzehn Kirchen teil. In seiner Predigt im Eröffnungsgottesdienst sprach der Patriarch von Konstantinopel Bartholomäus die abwesenden Patriarchen mit Namen an. Im Plenarsaal waren auf dem Podium die Wappen aller vierzehn Kirchen angebracht. Und in den Liturgien wurde der obersten Geistlichen aller vierzehn Kirchen gedacht.

Unmittelbar vor Beginn des Konzils hatte Moskaus Patriarch Kirill in einer Grußbotschaft versichert, die Russische Orthodoxe Kirche werde für das Konzil beten. Teilnehmende wie Nichtteilnehmende hätten ihre Entscheidung mit guter Absicht getroffen.

Welche Bedeutung das Konzil hat, ist strittig. Die zehn teilnehmenden Kirchen betrachten es als rechtmäßig zustande gekommen und abgehalten. Schließlich habe es schon früher Konzile gegeben, an denen nicht alle Kirchen teilnehmen konnten. Die vier Nichtteilnehmer betrachten die Versammlung auf Kreta dagegen nicht als das Große und Heilige Konzil. Denn bei einem solchen hätten alle einmütig dabei sein müssen.

Trotz der Turbulenzen muss festgehalten werden, dass es zwischen den einzelnen orthodoxen Kirchen keine Kirchenspaltung gibt. Denn alle halten an der bisher geübten vorschriftsmäßigen Gebetspraxis fest, einander zu erwähnen und die Einheit der Kirche so zu bezeugen. Alle vierzehn Kirchen halten auch an der Einheitsvision der Orthodoxie fest, dass alle Kirchen nur einmütig und einstimmig Beschlüsse fassen können, die für alle gelten. Nach orthodoxem Verständnis können Fragen des Glaubens, des Gottesdienstes und der Kirchenordnung nicht durch eine Mehrheit, sondern nur einmütig entschieden werden. Und jede selbstständige Kirche hat dabei dasselbe Gewicht. Dieses Verständnis von Synodalität findet sein Urbild in der Gemeinschaft zwischen den drei göttlichen Personen der Trinität.

Erklärung zur Ehe

Das Große und Heilige Konzil auf Kreta wandte sich im Abschlussgottesdienst an alle Orthodoxen und alle Menschen guten Willens mit einer „Botschaft“, die seine Ergebnisse zusammenfasste und die Identität des orthodoxen Glaubens in die gegenwärtigen Zusammenhänge der Welt stellt. Ausführlicher und bedeutender ist aber die „Enzyklika“, die die Ergebnisse der leicht überarbeiteten und verabschiedeten sechs Vorlagen zu verschiedenen Themen enthält: Konfessionsverschiedene Ehen gelten als unmöglich und interreligiöse Ehen werden abgelehnt. Doch ist es einzelnen Kirchen gestattet, in ihrem Bereich besondere Regelungen für konfessionsverschiedene Ehen zu erlassen. Die Orthodoxie setzt sich mit der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche gleich, die ihrer Überzeugung nach Jesus Christus gegründet hat, und will das im ökumenischen Gespräch bezeugen. Aber Gruppen, die im Namen einer „wahren Orthodoxie“ die ökumenische Ausrichtung der Gesamtorthodoxie ablehnen, hat das Konzil verdammt.

Eine außergewöhnliche Wertschätzung erfuhr der zur Schlusssitzung angereiste Vorsitzende des Rates der EKD, Heinrich Bedford-Strohm. Er wurde nicht nur privat vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios begrüßt, sondern vor allen Konzilsteilnehmern auch offiziell. Und der Patriarch unterstrich dabei den Wert der ökumenischen Begegnungen für das theologische Lernen. Bedford-Strohm war der einzige deutsche Bischof, der persönlich eingeladen worden war.

Zu den Problembereichen und Herausforderungen der Gegenwart hat das Konzil theologische und sozialpolitische Leitlinien herausgegeben. Im Gegenüber zur säkularen Gesellschaft, die sich in politischen, kulturellen und sozialen Entwicklungen ausdrücke und oft von einem falschen Freiheitsbegriff geprägt sei, betont die Orthodoxie das Opfer Christi. Es sei nötig, weil sich der Mensch nicht selbst erlösen könne. Gewarnt wird vor Manipulationen durch Wissenschaft und Technologie auf Kosten der humanen Freiheit. Um moralisch handeln zu können, benötige man einen geistlichen Impuls. Eine christlich asketische Lebensweise habe nichts mit Weltverneinung zu tun, sondern würde den Menschen zum Mitarbeiter Gottes erheben. Die Wurzeln der ökologischen Krise hätten ihren Ursprung in Egoismus, Gier und Geiz. Die Erde sei aber ein gemeinsames Haus, in dem der authentische Umgang mit der Schöpfung nicht pervertiert werden dürfe. Die Globalisierung habe neue Formen von Ausbeutung und Ungerechtigkeiten hervorgerufen. Die Wirtschaft müsse von der Erkenntnis geleitet werden, dass der Mensch nicht von Brot allein lebt. Der Kampf um die Menschenrechte stehe in der Gefahr, die universalen Werte der Gesellschaft wie Familie, Religion und Nation zu untergraben. Außerdem müsse die Freiheit des Gewissens und der religiösen Praxis geschützt werden. Der Eindruck, dass Fundamentalismus zum Wesen von Religion gehöre und Gewalt im Namen Gottes ausgeübt werde, treffe nicht das Christentum, das dem gekreuzigten Herren folge, nach himmlischen Frieden suche und die Wunden anderer heilen möchte. Im Zusammenhang mit der schwierigen Situation der Christen im Vorderen Orient müssten die Regierungen dafür sorgen, dass die Christen gleiche Rechten genießen und in ihren Ländern bleiben können. In der gegenwärtigen Flüchtlingskrise sollen die Christen hilfsbereit sein und gleichzeitig den wirtschaftlichen und ökologischen Problemen entgegentreten, die die Krise verursachen.

Reinhard Thöle

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