Gute Samen pflanzen

Ein Lord-Bischof zur Lage nach dem Referendum
Eine Woche nach dem Referendum protestierten in London Tausende gegen den Brexit. Foto: dpa/ Gail Orenstein
Eine Woche nach dem Referendum protestierten in London Tausende gegen den Brexit. Foto: dpa/ Gail Orenstein
Der anglikanische Bischof von Leeds Nick Baines, der auch dem Oberhaus angehört, setzt sich kritisch mit dem Brexit auseinander. Der 58-Jährige fragt, wie es weitergeht und welche Rolle die Kirchen spielen müssen. Baines ist Mitglied des Oberhauses und englischer Co-Vorsitzender der Meißenkommission, die die Beziehung der Kirche von England und der EKD pflegt.

Kurz nachdem das Ergebnis des Brexitreferendums bekannt gegeben war, initiierte die deutsche Wochenzeitung Die Zeit auf Twitter die Sympathiekampagne WeLoveukbecause. Und ein Großteil der Antworten auf das Because lautete: Wir kochen eine gute Tasse Tee, haben wechselhaftes Wetter, wunderschöne Landschaften und einen Sinn für Humor. Und den brauchen wir auch. Denn die jetzige Situation können selbst wir nicht als witzig empfinden, trotz unserer Fähigkeit zur (Selbst-) Ironie.

Während des Stuttgarter Kirchentages führte ich ein persönliches Gespräch mit Bundesaußenminister Frank Walter Steinmeier. Wir tippten auch das Referendum über die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU an. Ich gab zu bedenken, dass es durchaus zum Brexit führen könne. Und in diesem Fall müssten die Mitgliedsstaaten der EU den Briten einen Austritt möglichst schwer machen. Nur dann würden diese die Konsequenzen ihrer Entscheidung erkennen.

Nun haben sich meine Landsleute bedauerlicherweise für den Brexit entschieden. Nach Bekanntgabe des Ergebnisses stellte ich auf Twitter fest, das Volk habe zwar entschieden, aber es sei nicht klar, für was. Jedenfalls ist die EU für die meisten Missstände nicht verantwortlich, die die Leavers beklagten. „Gewinnt die Kontrolle über unser Land zurück“, war natürlich eine starke Losung der Brexiteers. Allerdings nur, wenn wir Fakten übersehen und davon ausgehen, dass die Verhandlungen, die nun mit der EU über den Handel und andere Fragen geführt werden müssen, mehr Vergünstigungen bringen - auf Kosten unserer bisherigen Partner.

Die Kampagne der Brexiteers und ihre Rhetorik waren abstoßend. Und in meiner Diözese wurde eine Parlamentarierin ermordet, die für den Verbleib Großbritanniens in der EU eingetreten war. Nun herrscht im Land großer Ärger, weil viele begriffen haben, dass die Kampagne für den Brexit auf Verdrehung von Fakten, Lügen und falschen Versprechungen aufgebaut war und eine Propaganda, die an die Gefühle appellierte, über die Wahrheit gesiegt hat.

Die Kampagne für den Verbleib des Landes in der EU sprach die Furcht vor dem Unbekannten an und stellte die Gegner als zwielichtige Charaktere dar. Dagegen fehlte eine Vision, die auch die Gefühle der Leute erreichte.

Fakten über die Einwanderung, die Wirtschaftsentwicklung und das Wesen der EU beindruckten diejenigen nicht, die auf die Politiker wütend sind, Angst vor Einwanderern haben und verbittert sind über die sich weiter öffnende Schere zwischen reich und arm in einer globalisierten Welt. Darüber hinaus hat sich unsere Inselmentalität gezeigt, die Unfähigkeit, uns durch die Augen der anderen zu betrachten. Sie erkennt man auch daran, dass Briten nicht begierig sind, Fremdsprachen zu lernen.

Als unmittelbares Ergebnis des Referendums ist das Land politisch paralysiert, Regierung und Opposition sind handlungsunfähig. Großbritannien drohen ökonomische und finanzielle Probleme. Der Brexit kann zum Zerbrechen des Vereinigten Königreichs führen und eine Zersplitterung der EU befördern. Andererseits kann er diese aber auch befähigen, ihre Identität zurückzuerlangen und das Ziel wiederzuentdecken, die Beziehung zu den verschiedenen Völkern zu verändern und sich stärker vorzunehmen, erfolgreich zu sein. Schließlich fällt der dauernde Ärger weg, den die britischen Insulaner auslösten, indem sie die Solidarität des Kontinents unterminierten.

Vollkommen bizarr ist nicht nur, dass es keinen Plan für den Fall eines Brexit gab. Verrückt ist auch die Vorstellung, wir könnten unsere Zukunft isoliert von den Anderen gestalten. Und genauso absurd ist die Annahme, unsere Partner würden uns bei Verhandlungen über den Handel die bestmöglichen Bedingungen ermöglichen, wir könnten also weiter von den Vorteilen der EU profitieren, ohne dafür zu bezahlen. Wolfgang Schäubles Befund, „drin ist drin und draußen ist draußen“, ist nicht in das Bewusstsein der Politiker gedrungen, die meinen, Großbritannien habe jetzt die ganze Macht inne, die anderen 27 Mitgliedstaaten der EU dagegen nicht.

Und wie geht es weiter?

Während des Abstimmungskampfes wies ich darauf hin: Wir können unsere EU-Partner nicht auf der einen Seite als unfähig, korrupt, träge, unberechenbar und überbürokratisch hinstellen und gleichzeitig Großzügigkeit erwarten, wenn wir nach einem Brexit über unsere Beziehung zur EU verhandeln.

Ein Teil von mir wünscht, dass die Mitgliedsstaaten der EU uns auch im Blick auf die Zukunft großzügig entgegenkommen. Und ein anderer Teil möchte, dass wir gezwungen sind, uns mit den Augen der Anderen zu betrachten und mit den Konsequenzen des Brexit zu leben. Jedenfalls haben sich die Mittel, die wir der EU überwiesen, für uns - wie für das Allgemeinwohl Europas - ausgezahlt. Es ist nicht einfach für die Verwaltung verpulvert worden.

Erneuerte Vision

Nun müssen wir eine neue Beziehung mit einem Europa formen, das ebenfalls Reformen und eine erneuerte Vision braucht. Und die britischen Kirchen müssen einen wichtigen Beitrag leisten, um den öffentlichen Diskurs wieder in Gang zu bringen, besonders über Einwanderungsfragen, das Soziale und die Versöhnung in einem Land, das stark geteilt ist. Im Vorfeld des Referendums verzichteten die Bischöfe der anglikanischen „Kirche von England“ darauf, eines der beiden Lager zu unterstützen. Sie wollten vielmehr eine offene Debatte über die Frage befördern, was es für Großbritannien bedeutet, ein europäisches Land und Mitglied der EU zu sein. Einzelne Bischöfe, auch ich, machten ihre Einstellung deutlich. Aber auch uns war bewusst, dass unsere Kirche, wie das Land, gespalten war und wir - unabhängig vom Ausgang des Referendums - in und außerhalb der Kirche als Botschafter der Versöhnung zu wirken haben. Und diese Aufgabe müssen wir nun wahrnehmen.

Die Christen Großbritanniens, besonders die Anglikaner, waren sich uneinig darüber, ob das Land die EU verlassen oder Mitglied bleiben soll. Und es bildeten sich seltsame Koalitionen von linken und rechten Christen, die aus unterschiedlichen, manchmal entgegengesetzten Gründen für den Austritt warben. Die Kirche von England hatte im Vorfeld des Referendums eine Webseite mit dem Titel „Sich Europa neu vorstellen“ ins Netz gestellt. Sie sollte einen neutralen Ort bereitstellen, auf dem respektvoll und klar debattiert werden kann. Dies geschah in gewissem Maße. Und darüber hinaus fanden in fast allen Dom- und Pfarrkirchen Beratungen und Debatten statt, bei denen die Streitfragen intelligent diskutiert wurden.

Doch zumindest in den Debatten, an denen ich teilnahm, waren die Teilnehmer von der Frage besessen, was Großbritannien bei einer Mitgliedschaft in der EU gewinnt oder verliert. Niemand schien zu bedenken, was unser Land zum europäischen Projekt beitragen kann und was es bedeutet, wenn wir durch Abwesenheit glänzen. Und weitgehend verspottet und abgetan wurde der Beitrag, den die EU seit dem Zweiten Weltkrieg für den Frieden geleistet hat.

Diese Engstirnigkeit, die nicht so bald verschwinden dürfte, beunruhigt mich am meisten. In meinem Blog schrieb ich, es sei sinnlos, über den Brexit zu klagen und sich zu wünschen, das Referendum wäre anders ausgegangen. Ich kann dies gut verstehen. Aber wir sollten uns jetzt der Gestaltung unserer Zukunft zuwenden und die Konsequenzen jener demokratischen Entscheidung tragen, egal, wie sie ausfallen.

Nicht ändern wird sich auf jeden Fall die enge Verbindung meiner Kirche mit den Schwesterkirchen in Europa, vor allem mit der EKD, mit der uns das Meißenabkommen verbindet. Ja, der bedauernswerte Ausgang des Referendums stärkt unsere Entschlossenheit, die Beziehungen zu unseren ökumenischen Partnern auszubauen.

Nach dem Referendum forderten die Erzbischöfe Justin Welby (Canterbury) und John Sentamu (York) ihre Landsleute auf, trotz aller Meinungsunterschiede gemeinsam an einem „großzügigen Land“ mitzubauen, das „nach vorne blickt“ und einen Beitrag zu einer menschlicheren Welt leistet. Die Briten sollten „Brücken bauen“, statt „Hindernisse zu errichten“. Die Erzbischöfe erinnerten daran, dass in Großbritannien lebende Ausländer „ein tiefes Gefühl der Unsicherheit“ beschleicht. Ihnen müsse man beistehen, indem man die „wunderbar vielfältige Gesellschaft hochhält“ und „den einzigartigen Beitrag jedes Einzelnen“ würdigt. Angesichts der „Verletzungen“, die der Abstimmungskampf verursacht habe, sollten die Briten nun mit „Demut und Mut“ handeln, Maximen, die „das Beste unserer Nation“ verkörpern. Die Erzbischöfe fordern zum Gebet auf, dass Großbritannien, auch wenn es „in neuer Weise“ mit „dem Rest Europas“ verbunden ist, unter den Nationen der Welt für das „Allgemeinwohl“ eintritt.

Dies sind keine frommen Sprüche. Denn Christen glauben, dass Christus alles beseitigt hat, was Menschen voneinander trennt. Die Theologie der Erlösung wurzelt in der Überzeugung, dass alle Menschen Abbilder Gottes sind. Und so inspiriert und durchdringt er, was wir tun.

Gefährliches Schweigen

Die Woche nach dem Referendum war durch einen Anstieg von Angriffen auf Einwanderer und Ausländer geprägt. In der BBC sprach ich an, dass Kinder polnischer Einwanderer Karten mit der Aufforderung bekommen haben, sie sollten abhauen. Ich wies darauf hin, dass Rassismus nicht lautstark und gewalttätig beginnt, sondern als „Samen, der durch Schweigen und Verbreitung von Gerüchten genährt wird“. Aber es gibt auch einen anderen Samen, der im Vorborgenen wächst und gedeiht, der des „Senfkorns“. Mit ihm vergleicht Jesus das Reich Gottes. „Diesem Samen wohnt die Kraft inne, zu einem Baum heranzuwachsen, dessen Zweige den Vögeln Zuflucht und Aufenthalt gewährt. Und an diesem Bild ist bemerkenswert, dass nicht die Zweige auswählen, wer auf ihnen ein Nest bauen darf. Dieses Bild steht nicht nur für Gastfreundlichkeit, sondern auch für Nahrung. Wenn Rassismus und Gewalt aus Samen erwachsen, die in die Köpfe und Herzen unserer Kinder gesät wurden, so kann ihnen nicht mit stillem Wunschdenken begegnet werden, sondern durch das Pflanzen, Pflegen und Hegen von Samen, denen Hoffnung, Engagement und Liebe erwächst. Es reicht nicht aus, den schlechten Samen auszureißen. Stattdessen muss man an seiner Stelle einen guten einpflanzen.“

Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Ich selber vermute, dass Großbritannien wirtschaftlich schlechter dastehen wird, zumindest kurz- und mittelfristig. Aber mehr Gedanken mache ich mir über die Fähigkeit und den Willen, unsere Beziehungen zu den europäischen Partnern zu verbessern, bescheidener zu agieren und in der Politik anders zu sprechen und zu diskutieren. Die Kirche und ihre Repräsentanten müssen hier nicht nur vorbildhaft vorangehen, sondern sich auch bemühen, Beziehungen zu stärken, Lügen zu entlarven und Großzügigkeit zu stärken.

Übersetzung: Jürgen Wandel

Nick Baines

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Politik"