Spannend

Von der Vernünftigkeit Gottes
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Dieses unscheinbare Buch ist zweifellos ein intellektuelles und sachlich anregendes Ereignis.

Es ist ein eher unscheinbares Reclam-Bändchen, wiegt nicht einmal 100 Gramm, aber es hat es in sich. Von der ersten bis zur letzten Seite hat mich sein gewichtiger Inhalt in Atem gehalten, obwohl – oder vielleicht gerade weil – er ohne jede rhetorische Inszenierung oder gar polemische Selbstempfehlung daherkommt. Gegen die breite Front seiner Zunftkollegen, denen meist unangefochten der prinzipiell religionskritische Naturalismus als selbstverständliche Voraussetzung ihrer Weltbetrachtung gilt, lässt sich der Berliner Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Holm Tetens auf das anachronistisch erscheinende Abenteuer ein, die intellektuelle Möglichkeit und Leistungsfähigkeit eines rationalen Theismus zu konjugieren. Nicht zuletzt geht es ihm dabei um die Rehabilitierung eines aus der Mode geratenen Kerngeschäfts der Philosophie, nämlich eine tragfähige Auskunft über das Ganze der Wirklichkeit zur Diskussion zu stellen, wie sie traditionell in der Metaphysik bedacht wurde. Auch der Naturalismus argumentiert implizit metaphysisch, indem er generalisierende und als solche unbeweisbare Aussagen über das Ganze macht, aber seine meist uneingestandene Metaphysik bleibt in vieler Hinsicht auch intellektuell äußerst unbefriedigend.

Ein großer Teil der Unerschrockenheit, mit der Tetens seinen Weg durchmisst, kommt aus dem Erschrecken über die desaströse Sprach- und Hoffnungslosigkeit des Naturalismus hinsichtlich seiner Auskunftsfähigkeit über die Menschlichkeit des Menschen. Indem ihm nur die von den beobachtenden Wissenschaften erreichbare Erfahrungswelt gilt, bleibt er unfähig, ein tragfähiges Verständnis vom Menschen als erlebnisfähiges selbstreflexives Ich-Subjekt zu präsentieren, weil sich dieses nicht in die Beobachterperspektive rücken lässt. Das Mentale lässt sich nicht allein als Explikat des Physischen verstehen, so dass zum Verständnis des Menschen nicht ohne einen gewissen Dualismus auszukommen ist, wie er in der Philosophie traditionell im Horizont der Leib-Seele Problematik diskutiert worden ist. Es ist der sich selbst als Ich erlebende Mensch, durch den sich die Körper-Geist-Unterscheidung aufdrängt, die dann aber über den Menschen hinaus eine Dimension eröffnet, für die es Teten durchaus vernünftig erscheint, auch Gott einen Platz für unser Verständnis der Wirklichkeit einzuräumen.

In seinem ersten Schritt stellt Tetens dem Naturalismus einen Idealismus gegenüber, in dem das selbstreflexive Selbstbewusstsein des Menschen einen begründbaren Möglichkeitshorizont findet. Wenn es überhaupt denkbar sein soll, auch nur mit der Möglichkeit spielen zu können, dass dem Ganzen unserer Wirklichkeit irgendeine Bestimmung zugemessen werden könnte, bedarf es neben den physikalischen Gesetzmäßigkeiten eines selbstbewussten Bestimmungssubjekts, durch welches der physikalische Prozess ein vernünftiges Ziel und ein Gedächtnis bekommen kann. Systematisch wird damit keineswegs dem Naturalismus gegenüber eine höhere Ebene in Anspruch genommen, sondern es geht wie im Naturalismus lediglich um eine Grundannahme, von der aus ein möglichst weitreichender Blick auf das Ganze der Wirklichkeit ermöglicht wird. Die Grundannahme des „theistischen Idealismus“, der Gott als ein unendliches und vernünftiges Ich-Subjekt versteht, der dem Ganzen ein Ziel gibt und zugleich dem Menschen als endlichem Ich-Subjekt Freiheit einräumt, ermöglicht gegenüber dem indolenten und somit fatalistischen Credo des Naturalismus ein Weltverhältnis, dem angesichts des offenkundigen Elends in der Welt nicht jede Hoffnung entschwinden muss.

Damit sind wir bei der Frage, die Tetens am meisten bewegt und zu der sich der Naturalismus im Grunde zynisch verhält. Die Übel und das Leiden in der Welt, die brutale Willkür und menschenverachtende Ungerechtigkeit, welche das Voranschreiten der Zeit lediglich dem Vergessen überlässt, entziehen – nüchtern betrachtet – jeder Hoffnung und damit auch jedem ethischen Bemühen einen plausiblen Anhalt. Und so lautet nun die Frage: „Wie vernünftig ist es, in seinem Leben auf eine Erlösung von den Übeln und Leiden in der Welt durch Gott zu hoffen?“ Es ist spannend, wie sich Tetens im Folgenden durch die Abgründe unsinnigen Leidens bewegt, mit dem Motiv einer vernünftig begründeten Sündenlehre spielt und schließlich eine rationale Eschatologie ins Auge fasst, in der er den Menschen, aber auch das Unrecht und die gnadenlose zerstörerische Selbstsucht in Gottes Gedächtnis aufgehoben sieht; von Erlösung lässt sich nur sinnvoll reden, wenn auch mit einem Gericht gerechnet wird – wohlgemerkt nicht um der Strafe, sondern um der Erlösung willen. Der Mensch selbst wird sich unmöglich weiter als Erlöser der Welt anbieten können. Soll nicht jede Hoffnung unbegründbar sein, wäre es nur vernünftig, die Welt nicht sich selbst überlassen zu sehen, sondern in den Händen eines auf sie Acht habenden Erlösers.

Tetens weiß, dass es nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Naturalisten am Ende Recht bekommen, aber unter den derzeitigen Bedingungen sieht er im Abwägen einer „theistischen Metaphysik“ eine rational verheißungsvollere Option als in dem mantraartigen Wiederholen des naturalistischen Credos. Die Philosophie könnte wieder die von ihr zu erwartende Tiefe erlangen, wenn sie sich um eines tragfähigen Wirklichkeitsverhältnisses willen auch wieder intelligent der Herausforderung durch die Gottesfrage stellen würde. – Dieses zugestandenermaßen unscheinbare Buch ist zweifellos ein intellektuelles und sachlich anregendes Ereignis.

Michael Weinrich

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