Besser verstehen

Über das Vaterunser
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Das Buch bietet Christen Anregungen und Hilfen im Gespräch mit ihrem religiösen und säkularen Umfeld sprachfähiger zu werden und ihre eigene Glaubenspraxis besser zu verstehen.

Es gibt eine Vielzahl von Büchern über das Vaterunser. Das nun von dem Theologieprofessor Hans Martin Barth vorgelegte unterscheidet sich jedoch grundlegend von anderen wissenschaftlichen oder erbaulichen Auslegungen des zentralen Gebetes der Christenheit. Denn Barth setzt auch in dieser Veröffentlichung den Ansatz fort, den er in seiner 2001 erschienen Dogmatik ausführlich entfaltet hat, nämlich die christlichen Glaubensinhalte über den Vergleich mit Analogien in anderen Religionen besser verstehen zu lehren. Da er sich aber inzwischen intensiv mit den Themen Konfessions- und Religionslosigkeit auseinandergesetzt hat, wundert es nicht, dass die einzelnen Bitten des Vaterunsers nicht nur vor dem Horizont nichtchristlicher Religionen, sondern auch von einem säkularen und areligiösen Wirklichkeitsverständnis her interpretiert werden.

Es ist sofort einsichtig, welches Spannungsverhältnis sich daraus für die Auslegung eines Gebetes ergibt. Wie kann man zu „unserem Vater“ beten, wenn „Gott“, „Gebet“ und „Jenseits“ keine Rolle spielen und der Begriff „Vater“ problematisch geworden ist? Gerade diese Spannung erweist sich aber als produktiv. Denn sie zwingt zu Klärungen, dass die personalistisch-theistische Vorstellung vom jenseitigen Gott nur eine Engführung des christlichen Gottesbegriffes darstellt. „Man muss nicht eine klare Vorstellung davon haben, ob man an Gott glaubt oder nicht. Man muss nicht von der Existenz Gottes überzeugt sein. Man muss sich auch nicht mit dem Vater- oder Mutter-Symbol anfreunden. Doch man kann sich auf dieses Du einlassen, das uns von Kindesbeinen an vertraut ist, das Jesus den Seinen nahegelegt hat ... Diese Einladung gehört zum unausgeschöpften kulturellen Erbe der Menschheit.“ So verhilft das Ernstnehmen der nichtchristlichen religiösen und areligiösen Traditionen mit ihren Vorstellungen und Einwänden dazu, die einzelnen Bitten des Vaterunsers zunächst als eine Anleitung zum Nachdenken über grundlegende Fragen menschlichen Lebens zu verstehen, das dann – verbunden mit der Sehnsucht, dass das Erstrebte und Erhoffte gelingen und eintreffen möge – zum Gebet werden kann:

„Geheiligt werde dein Name: Was unter allen Umständen sollte mir heilig sein – und was auf keinen Fall? Dein Reich komme: Was erträume ich für mich und die Meinen und für die ganze Welt? Für welche Zukunft will ich mich daher engagieren? Dein Wille geschehe: Wo erkenne ich einen größeren Zusammenhang, dem ich mich beugen oder den ich gerade nicht zur Auswirkung gelangen lassen darf? Unser tägliches Brot: Wovon lebe ich letztlich, was ernährt mich wirklich? Was davon kann ich an andere weitergeben, zumal ich auch selbst auf andere angewiesen bin? Vergib: Wie kann ich aufräumen? Welche Konflikte könnte ich in Angriff nehmen, um sie zu lösen? Versuchung: Was gefährdet mich ernstlich? Wie kann ich ihm begegnen? Erlösung: In welchen Bereichen täte sie mir gut, wäre sie dringend notwendig?“

Natürlich darf man fragen, ob die von Barth zu den einzelnen Bitten des Vaterunsers angebotenen Interpretationshilfen einen areligiösen Menschen überzeugen können. Darauf kommt es aber nicht in erster Linie an. Vielmehr geht es darum, dass Christen im Gespräch mit ihrem religiösen und säkularen Umfeld sprachfähiger werden und ihre eigene Glaubenspraxis besser verstehen lernen. Dazu bietet das Buch viele Anregungen und Hilfen, zumal wenn man dem Vorschlag des Verfassers folgt, „sich pro Tag nur ein einziges Kapitel, nur eine Bitte vorzunehmen“.

Es ist gut zu lesen und sowohl als Einzellektüre als auch zum gemeinsamen Studium in Gemeindekreisen sehr gut geeignet.

Jörg Garscha

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