Polygamist

Highlife und Afrobeat
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Das Paket ist ein Leckerbissen für Fans, die hier längst verloren Geglaubtes geboten bekommen, aber zugleich ein Genuss, der für sich stehen kann.

Jemand nannte ihn mal den gefährlichsten Musiker der Welt. Schließlich stand Afrobeat-Mastermind Fela Ransome Kuti (1938–1997) nicht bloß für spannende Tanzbarkeit, sondern mindestens ebenso für Widerstand und Aufbegehren gegen korrupte autokratische (Militär-)Regimes, von denen es in nachkolonialer Zeit in Westafrika so einige gab. Der Sohn eines Pfarrer und einer Frauenrechtlerin nahm kein Blatt vor den Mund. Und da er auf Englisch statt in seiner nigerianischen Muttersprache Yoruba sang, konnten ihn die Leute an vielen Orten der Region verstehen. Ihm brachte das ungeheuer große Popularität, aber auch etliche Jahre im Gefängnis und Misshandlungen ein. Viel fehlte nicht, und er wäre daran gestorben statt an Aids. Für Irritation sorgte der nach Treffen mit den Black Panthers radikalisierte Bandleader und Saxophonist jedoch auch als sexistischer Macho, homophober Polygamist und Kondomgegner. Wir wunderten uns, was in den Achtzigerjahren unsere Freundinnen an Fela Anikulapo Kuti fanden (so nannte er sich, nachdem er seinen Zweitvornamen als Relikt der Sklavenhalter abgelegt hatte). Es muss die Musik gewesen sein.

Den Weg dorthin, zum Afrobeat, einem Mix aus US-Funk mit westafrikanischem Highlife und der Percussion von Yoruba-Musik, zeichnen die drei CDs von „Fela Ransome Kuti and His Koola Lobitos“ nach: Bisher kaum oder nur in schlechter Qualität zugängliche Aufnahmen von seiner ersten Band aus den Jahren 1963 bis 1969, die ein japanischer Professor und Kuti-Fan zusammensuchte und die das New Yorker Label Knitting Factory für diese Ausgabe aufgearbeitet hat: Singles, das erste Album, Live-Mitschnitte. Das Paket ist ein Leckerbissen für Fans, die hier längst verloren Geglaubtes aus seiner Prä-Afrobeat-Phase geboten bekommen, aber zugleich ein Genuss, der für sich stehen kann. Kuti spielt zumeist noch Trompete. Zum Saxophon wechselte er später, angeblich, weil es die Lippen besser für das Küssen schont.

Eigentlich hätte es anders kommen sollen: Die Eltern hatten ihn zum Medizinstudium nach London geschickt, doch er studierte Komposition, Klavier und Musiktheorie. Mit den Koola Lobitos spielte er den aus Ghana stammenden in ganz Westafrika populären Highlife. Ein knackiger, zum Tanz treibender Mix aus traditioneller Musik und Jazz, der die Band solide nährte. Offbeat-Schlagzeug, synkopierte Gitarren und die Jazzbasis, die weitere Stile organisch integrieren ließ, waren für den experimentierfreudigen Kuti zudem perfekte Ausgangsbasis zu den späteren meist ellenlangen Kompositionen. Die Liveaufnahmen machen das hier bereits spürbar. Die 1965 für emi aufgenommene erste Scheibe sei als Einstieg empfohlen: Da taucht in „Omuti“ fast neckisch das „When The Saints“-Motiv auf; das tief entspannte „Olufe“ ginge auch als Psychedelic-West Coast-Aufnahme jener Zeit durch; vor Bläsersätzen und Beatfeeling von „Lai Se“ gibt es keine Entkommen. Willkommen in Kutis schillernder Welt! Musikalisch unstrittig gut.

Udo Feist

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