Erfrischend

Neues von Brecht und Hesse
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Dies ist der Schlüssel für Hesse und Brecht, in den offenen Dialog mit der geistigen Welt Indiens, Chinas und Japans zu gehen.

Hermann Hesse und Bertolt Brecht haben als Literaten herzlich wenig gemeinsam. Lebenswege und Werk sind schwerlich vergleichbar, geschweige denn in ihrem Kern aufeinander bezogen. Wer in seiner Jugend noch hessetrunken goldmundig beim Radwechsel Brecht um Nüchternheit ersucht und klares Wasser zu schöpfen glaubt, merkt in der Beschäftigung bald, dass auch diese Wasser voller Strudel sind, und sitzt allein in der alten Sonne.

Karl-Josef Kuschel, der unermüdliche Sucher und Finder von Brücken und Wegen zu und zwischen den Glaubenswelten und -sätzen, hat dieses ungleiche Dichter-Paar beim Schmecken und Prüfen „im Fluss der Dinge“ kenntnis- und detailreich beobachtet. Dabei erweist sich dieser scheinbar historische Diskurs über zwei große Dichter des 20. Jahrhunderts als äußerst aktuell.

Kuschel zeigt sowohl den zurückgezogen lebenden Hesse wie den Großstadt und Theater aufmischenden Brecht inhaltlich als aufbruchsbereite und sensible Denker, deren Überzeugungen heute nicht mehr revolutionär, aber auch noch lange nicht selbstverständlich sind. 1955 konstatierte Hesse in einem Eingangszitat dieses Buches „Es geht heute nicht mehr darum, Japaner zum Christentum, Europäer zum Buddhismus oder Taoismus zu bekehren. Wir sollen und wollen nicht bekehren oder bekehrt werden, sondern uns öffnen und weiten; wir erkennen östliche und westliche Weisheit nicht mehr als feindlich sich bekennende Mächte, sondern als Pole, zwischen denen fruchtbares Leben schwingt.“

Brecht, unter den kommunistischen Dichtern Deutschlands im frühen 20. Jahrhundert wohl der einzige von Welt und Weltbildung, kommt mit der „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“ zu Wort – ein Gedicht, das Hannah Arendt 1971 „zu den stillsten und tröstlichsten Gedichten unseres Jahrhunderts“ zählt. Dieses Gedicht und Hesses frühe indische Dichtung „Siddartha“ bilden den literarischen Schwerpunkt, den Kuschel wählt, um Interkulturalität und Interreligiosität als aktuelle Phänomene unserer Zeit mit Hilfe dieser Dichter erkenntnisreich zu durchdringen. Er verweist dabei auf eine beiden Dichtern wesentlich innewohnende Fähigkeit, die der „Anverwandlung des Fremden ins Eigene, bis das Eigene fremd und das Fremde als Eigenes erscheint“. Dies ist der Schlüssel für Hesse und Brecht, in den offenen Dialog mit der geistigen Welt Indiens, Chinas und Japans zu gehen, in einen Dialog mit den großen religiösen Gestalten aus der Welt Asiens, mit Buddha und Laotse.

Dabei stellt Kuschel wesentliche Fragen: Ist das mehr als eine intellektuelle Übung, mehr als beflissene Bildungsdemonstration? Gibt die Beschäftigung mit Schlüsselfiguren der asiatischen Welt Antwort auf Lebensfragen, die aus dem europäisch-christlichen Kontext und dessen religiös-politisch vergifteter Historie nichts mehr zu erwarten haben? Gern würde man mehr Texte der Dichter zur Verfügung haben, um deren Wegen der Erkenntnis literarisch zu folgen. Kuschel konzentriert sich aber ganz bewusst auf diese wenigen Werke und bereitet diese biografisch quasi aus dem Genogramm heraus auf, indem er sowohl den Türöffnern als auch den reifenden Reflexionen der Dichter gebührenden Platz einräumt, die Hesse 1922 resümieren lassen: „Europa beginnt an mancherlei Verfallserscheinungen zu spüren, dass die hochgetriebene Einseitigkeit seiner geistigen Kultur (sie äußerst sich am deutlichsten etwa im wissenschaftlichen Spezialistentum) einer Korrektur bedarf, einer Auffrischung vom Gegenpol her.“

Aber ist der Gegenpol sinnstiftend? Kuschel zeigt auf, wie Hesse auch den Buddhismus als Heilmittel abtut, den er in einem Zuge mit der lutherischen Reformation zwar als Gewinn zur Vergeistigung wahrnimmt, aber auch deutlich dessen Verlust sinnlich-erfahrbarer Erneuerung und damit die Gefahr „geistiger Sterilität“ aufdeckt – „Vernünftigkeit und Gottlosigkeit“. Die reichen Brecht-Kapitel sollte man parallel mit Uwe Kolbes drastisch erhellender Abrechnung „Brecht. Rollenmodell eines Dichters“ (2016) lesen. Aber erst einmal Schwimmen im Fluss der Dinge. Man entsteigt dem Fluss anders. Erfrischt.

Klaus-Martin Bresgott

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