Bestirnte Reise

GoGo Penguin
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Schlau und sehr körperlich. Was will man mehr?

Ein Besuch im Planetarium ist lehrreich und oft unterhaltsam, vor allem schön, entspannend, meditativ und mitunter sogar dicht an spiritueller Erfahrung. Das Album „A Humdrum Star“ des Trios GoGo Penguin (Chris Illingworth/Piano, Nick Blacka/Kontrabass, Rob Turner/Schlagzeug) aus Manchester wirkt ähnlich – allerdings nicht statisch, aus fester Beobachterklause oder Umlaufbahn und im Klang, dann sphärisch, sondern eher als kosmischer Flaneur und Raumfahrer. Da prasselt Sternenstaub, verdichtet sich Geschwindigkeit zu Stillstand, geballtem Innenraum, wird Reise zum Ritual, das zwischen Druck und Schwerelosigkeit changiert. Aufmerksam, zugleich völlig losgelöst, geht es so ins Ungewisse, das jedoch stets als sicherer Ort zu erleben ist.

Beeindruckend, doch kein Wunder: GoGo Penguin mit programmatischer Electronica-Aufgeschlossenheit gelten zu Recht als einer der heißesten Crossover-Acts der jungen englischen Jazzszene. Die drei am Konservatorium ausgebildeten Musiker verbinden groovende Partylust und Virtuosität mit Leidenschaft für serielle Musik. Sie komponieren am Computer, tauschen sich aus und lassen es auf den Moment ankommen, den sie dann akustisch zelebrieren. Ihre Vorlieben für Aphex Twin, Squarepusher, Massive Attack und Brian Eno und Komponisten wie John Cage, Schostakowitsch und Debussy sind als Referenz und Inspiration spürbar.

Was sie daraus machen, ist indes ihr ganz eigenes Programm, das auf dem Indie-Festival South by Southwest/sxswin Austin/Texas live so packend überkommt wie im intimen Jazzclub oder in der Philharmonie. Sie sprengen Grenzen – und touren im April nach Berlin, Leipzig, Köln, Hannover, Ludwigshafen und München. Wer kann, sollte hingehen, ihre Konzerte sind ein Erlebnis. Im Gepäck haben sie „A Humdrum Star“, ihr viertes Album, benannt in fein englischer Ironie nach einem Zitat des US-Astrophysikers Carl Sagan – wobei eben die Musik so ganz und gar nicht von einem öden Stern zeugt. Es beginnt ambient-verhalten mit „Prayer“, ein Track, der an Stücke der großen Rock-Schotten Mogwai erinnern mag. Doch während jene auf Steigerung, Dramatisierung und somit Erguss zusteuern (eben Rock), geht es hier um Intensität, Verdichten, Halten der Spannung, sozusagen Tantra. Chill-Out auf feinstem Niveau.

Highlights der Platte sind „A Hundred Moons“, das mit archaisierender Percussion und Pianoperlen beginnt, woraufhin ein poetischer Bass die Richtung bestimmt, und „Reactor“. Hier kommunizieren Bass und Drums erst scheinbar hektisch, es folgen tastende Piano-Akkorde, und dann fügt sich alles zum überaus tanzbaren ProgRock-Jazz-Erlebnis. Schlau und sehr körperlich. Was will man mehr? GoGo Penguin!

Udo Feist

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