Oh, Vater

Autobiographische Skizze
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Wer dieses Büchlein liest, versteht ein wenig besser, wie Free Jazz funktioniert.

Wer dieses Büchlein liest, versteht ein wenig besser, wie Free Jazz funktioniert und fasziniert und wovon junge Leute sich und die Gesellschaft, auch die Kirche in den Sechzigerjahren, befreien wollten.

Nachdem Friedrich Christian Delius im Mai 1966 eine Woche lang New York erlebt hat, fühlt er sich „erschöpft von der Wucht der Eindrücke“, den Gegensätzen, die die Weltstadt prägen, und „der Freundlichkeit der Leute, die sich von der Berliner Bissigkeit so wohltuend abhob“. Am Abend vor dem Abflug sitzt der 23-Jährige mit zwei Freunden in einem Jazzklub. Sie sind Experten, während ihm das Wort „Free Jazz“ nichts besagt. Daher schweigt Delius, zumal er sich als „verklemmt“ und „unmusikalisch“ empfindet. Was die fünf Musiker spielen, nimmt er zunächst nur als „Getröte, Gezirpe, Gehämmer, Gejaule“ wahr. Aber im Laufe des Abends lösen die unterschiedlichen Instrumente und Rhythmen in Delius, der in West-Berlin studiert, verschiedene Assoziationen aus, darunter Erinnerungen an sein Leben in Nordhessen, die Stationen seiner Kindheit und Jugend, das Dorf, das Internat und die Kleinstadt, in der alte Nazis, zum Beispiel der Stellvertreter Adolf Eichmanns, angesehene Bürger und Amtsträger waren.

Lesern der früheren Bücher von Delius, wie "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" oder "Bildnis der Mutter als junge Frau", sind seinen Eltern schon einmal begegnet. Sie wissen, dass er in einem Pfarrhaus aufwuchs. Der Vater war erst 1947 aus französischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt. Er drängte sich „zwischen mich und die Mutter“, entsinnt sich der Sohn im Jazzklub. Aber angesichts der anarchischen, Vitalität versprühenden Musik fühlt er sich „frei von der Wortmacht des Vaters und dem Trauerschweigen der Mutter“. Sie war 39 Jahre alt, als ihr Mann seinem Kriegsleiden erlag.

Der Vater, der in der Nazizeit zur Bekennenden Kirche gehörte, sei vielseitig begabt und bei der Gemeinde beliebt gewesen, räumt Delius ein. Aber das Saxophon weckt „mit seinen jagenden Läufen“ den Wunsch, die Vergangenheit zu vergessen, mitsamt „dem jahrelangen Druck des Glaubens-Sollens“. Dass er als Jugendlicher „vom Glauben-Sollen gequält“ wurde, erwähnte Delius schon in seiner Streitschrift Warum Luther die Reformation versemmelt hat.

Im Jazzklub wird in ihm die Erinnerung an den 17. Geburtstag wach. Als er spät in der Nacht nach Hause kam, bewarf ihn der Vater, der schon im Bett lag, mit einem Kissen und unterstellte ihm, mit Mädchen rumgemacht zu haben. Aber „unter der betäubenden Beschallung“ durch den Free Jazz ahnt der angehende Schriftsteller „vielleicht zum ersten Mal“, wem er sein „Empfinden für Sprache vor allem zu verdanken“ hat, dem Vater, der ihn „mit kräftigem Lutherdeutsch“, den Psalmen und Chorälen geschult und sein „Gehör für Phrasen und Hohlheit geschärft“ hat.

Der Vater, der in der Nazizeit zur Bekennenden Kirche gehörte, sei vielseitig begabt und bei der Gemeinde beliebt gewesen, räumt Delius ein. Aber das Saxophon weckt „mit seinen jagenden Läufen“ den Wunsch, die Vergangenheit zu vergessen, mitsamt „dem jahrelangen Druck des Glaubens-Sollens“. Dass er als Jugendlicher „vom Glauben-Sollen gequält“ wurde, erwähnte Delius schon in seiner Streitschrift Warum Luther die Reformation versemmelt hat.

Im Jazzklub wird in ihm die Erinnerung an den 17. Geburtstag wach. Als er spät in der Nacht nach Hause kam, bewarf ihn der Vater, der schon im Bett lag, mit einem Kissen und unterstellte ihm, mit Mädchen rumgemacht zu haben. Aber „unter der betäubenden Beschallung“ durch den Free Jazz ahnt der angehende Schriftsteller „vielleicht zum ersten Mal“, wem er sein „Empfinden für Sprache vor allem zu verdanken“ hat, dem Vater, der ihn „mit kräftigem Lutherdeutsch“, den Psalmen und Chorälen geschult und sein „Gehör für Phrasen und Hohlheit geschärft“ hat.

Auch in diesem Buch zeichnet F.C.Delius eine unprätentiöse Sprache aus, Humor und Sinn für Situationskomik. Er beschreibt anschaulich, wie die Jazzer spielen, was sie ihren Instrumenten alles entlocken und verknüpft das gekonnt mit seiner Biographie und mit damals aktuellen Ereignissen wie dem Vietnamkrieg. Am Ende beflügelt der Free Jazz den jungen Mann so sehr, dass er gegenüber dem sechs Jahren zuvor verstorbenen Vater Milde walten lässt, ja sogar Zärtlichkeit und Liebe empfindet.

Jürgen Wandel

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