Auf, nach Hause

Gruß an's Sauerland
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Heimat als großartiger Soundtrack, als Ist und Woher und Konstrukt im jeweiligen Hier.

Sauerland muss man meist erklären, in Deutschland, im Ausland erst recht, bloß Holländern nicht, die kommen regelmäßig zum Rodeln und Skifahren her. „Eine etwas abgelegene Region Westfalens“, heißt es denn auch in der Neuen Zürcher Zeitung über die dem Sauerland gewidmete Homeward Bound Suite – jenem Mittelgebirge mit dunklen Tälern, Bergen und viel Wald. Komponiert hat sie der Jazztrompeter Frederik Köster, der von dort stammt und nun in Köln lebt.

Doch so ist das oft mit Sauerländern, man trifft sie in Berlin, München, im Ruhrgebiet oder eben in Köln, die Sehnsucht nach den Wäldern werden viele aber niemals los. Vielleicht ist das ja eine Art Seelenregion, in der Suite jedenfalls geht es um Heimat. Fern, gegenwärtig, vertraut, ein Fixum, dessen Kern und Wesen eine in Westfalen (und Teilen der Zuwanderungsregion Ruhrgebiet, die dem Sauerland besonders nahe sind) gängige Redeweise geradezu spiegelbildlich erklärt. Denn da lautet die Frage nach der Herkunft: Wo kommst du denn weg (bzw. wech)? Her- und Dasein verschränken sich hier im Individuum statt in waffenstarrender Landnahme oder -eroberungsrhetorik. Weise Rede, die gemeinsam leben lässt – und den Begriff Heimat nicht länger mentalen Hinterwäldlern überlässt, die ihn zur Lunte für Scheiterhaufen nehmen.

Die Suite mit sieben Stücken macht das am Sauerland-Beispiel auf mehreren Ebenen faszinierend hörbar. Köster hat sie für sein bärenstarkes Jazzquartett Die Verwandlung (neben ihm an der Trompete Sebastian Sternal am Klavier, Joscha Oetz, Kontrabass und Jonas Burgwinkel, Schlagzeug) und großen klassischen Klangkörper geschrieben, beigesteuert vom Philharmonischen Orchester Hagen. Mehr als 60 Instrumentalisten, Farben und Stimmen, die mit Improvisation und Präzision jeweils andern Prinzipien folgen, aber im Zusammenspiel eine grandiose akustische Gesamtschau bieten. Köster ließ sich von Programm-Musik wie Mussorgskys Bildern einer Ausstellung und Klangmalern wie Debussy, Strawinsky und Messiaen inspirieren. Zugleich baute er auf die eingespielte Finesse seines Quartetts, das in Timing und Phrasierung herkömmlich ganz auf den Augenblick setzt. Orchestrale Wucht und Feinarbeit, in höchst lyrischen Harfen-Erzählungen etwa, Jazzentfesselung mit fesselnden Trompeten- und Piano-Soli sowie virtuos treibende Bass- und Schlagzeugkraft kommen so in einer Weise zusammen, die etwa den verheerenden Sturm Kyrill lautmalerisch ebenso zu fassen vermag wie die Leidenschaft für das Land der 1?000 Berge, wobei das waldfühlige Homeward Bound-Thema vom Prolog bis zum Ende immer wiederkehrt.

Heimat als großartiger Soundtrack, als Ist und Woher und Konstrukt im jeweiligen Hier, eingespielt übrigens live: Der lang stehengelassene Schlussapplaus fügt sich darein als weitere Stimme, klingt er doch nach Regen – und der fällt mitunter kräftig im Sauerland. Ein Erlebnis.

udo feist

Udo Feist

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