Orientierend

Neue evangelische Ethik
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Ein Buch, das Lust darauf macht, sich mit ethischen Problemlagen zu befassen.

Das dreibändige, von Anselm Hertz, Wilhelm Korff, Trutz Rendtorff und Hermann Ringeling herausgegebene Handbuch der christlichen Ethik war lange Zeit ein Klassiker, an dem einschlägige römisch-katholische und evangelische Theologen mitgewirkt haben. Diesem in die Jahre gekommenen Werk ist nun ein einbändiges dezidiert protestantisches Handbuch der Evangelischen Ethik (HEE) an die Seite gestellt worden. Protestantische Ethik zeigt in zehn Kapiteln Profil und reagiert auf eine gestiegene Nachfrage nach ethischer Orientierung.

Das Handbuch eröffnet eine ungemein lesefreundliche und in der Sache vorzüglich geschriebene Einführung in die Grundlagen und die Methodik der Ethik aus der Feder von Hans-Richard Reuter. Es folgen neun Studien über einschlägige Felder der Bereichsethik, jeweils verfasst von Kennerinnen und Kennern ihres Faches. Zumindest sechs von ihnen seien hier skizziert:

Wolfgang Huber zeigt, wie eine protestantische Rechtsethik nicht nur das "Binnenethos einer religiösen Gemeinschaft" beschreibt und bestärkt, sondern die Suche nach "rechtsethischen Prinzipien" in einem religiös-kulturell pluralen Gemeinwesen unterstützt. Reiner Anselm formuliert klassische Herausforderungen einer politischen Ethik und identifiziert drei zukünftige Aufgaben, nämlich erstens die Aushandlung der konträren Entwicklungen fortschreitender Fachlichkeit und eines zunehmenden Partizipationsbedürfnisses, zweitens die Klärung des "schwerwiegende(n) legitimatorischen Defizit(s)" ethisch relevanter Entscheidungen auf europäischer Ebene und drittens die Moderation transnationaler Regulierungen. Die von Torsten Meireis skizzierte Ethik des Sozialen informiert unter anderem über Arbeit, Armut und Reichtum, Bildung und Befähigung und warnt vor Fehlsteuerungen, die "Qualifizierung unter rigidem Effizienzdruck einseitig auf Kosten sozialer, kultureller und religiöser Bildung" betonen. Petra Bahr zeigt, wie "Glanz und Elend des deutschen Kulturbegriffs eng mit Geistesströmungen zusammenhängen, die aus der evangelischen Theologie" und "protestantischen Denkstilen erwachsen sind", pointiert das Selbstverständnis des protestantischen homo ludens unter anderem auf den Feldern Sport, Künste, Bildkonflikte, Medien und Bildung und setzt auseinander, weshalb die signifikante Abhängigkeit von Bildungserfolgen von der sozialen Herkunft in der Perspektive evangelischer Ethik "nicht entschuldbar ist", hat doch "der Protestantismus als 'Bildungsreligion' zur Entfaltung anspruchsvoller Bildungskonzepte beigetragen".

Mit Peter Dabrock schließlich orientiert ein über die Bioethik des Menschen, in den entsprechenden Fach- und Politikdiskussionen bestens bewanderter Experte. Er vermag methodische Standards und inhaltliche Kriterien an die Hand zu geben, mit denen in Zukunft entstehende neue bioethische Kontroversen und Konflikte produktiv gemeistert werden dürften. Außerdem sind vertreten: Traugott Jähnichen (Wirtschaftsethik), Ulrich H. J. Körtner (Bioethik), Frank Surall (Ethik der Lebensformen) und Elisabeth Gräb-Schmidt (Umweltethik). So werden zehn durchaus unterschiedlich geprägte Perspektiven auf die evangelische Ethik entwickelt. Sehr hilfreich ist die übersichtliche Struktur der Kapitel. Immer werden zunächst prinzipielle Grundprobleme, sodann die Problemgeschichte und schließlich aktuelle Problemfelder abgeschritten. Ein Literaturverzeichnis lädt jeweils zur vertiefenden Weiterarbeit ein.

Man kann fragen, weshalb Persönlichkeiten protestantischer Ethik wie Johannes Fischer oder Klaus Tanner nicht mitgewirkt haben. Man kann sich wundern, dass die Autoren die Felder der Migration und des Friedens nicht zu den wichtigsten Themen einschlägiger Bereichsethiken zählen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die evangelische Ethikliteratur um einen wichtigen Titel reicher geworden ist. Das Handbuch der Evangelischen Ethik ist kompakt und reichhaltig zugleich, ein Lehrbuch für Studierende, aber auch ein Nachschlagewerk für Mitarbeiter in öffentlichen Verwaltungen, für die das Buch griffbereit im Regal stehen sollte. Es ist ein Buch, das Lust darauf macht, sich mit ethischen Problemlagen zu befassen. Und es ist geprägt von ethischer Klugheit, auch deshalb, weil es orientierend ethische Probleme so bearbeitet, dass für Praktiker in Gesellschaft und Politik Raum für eigenes Nachdenken eröffnet und eingefordert wird.

Wolfgang Huber/Torsten Meireis/Hans-Richard Reuter (Hrsg.): Handbuch der Evangelischen Ethik. C. H. Beck Verlag, München 2015, 736 Seiten, Euro 34,--.

Stephan Schaede

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Stephan Schaede

Stephan Schaede, Jahrgang 1963,  promovierte in Systematischer Theologe. Er ist seit 2010 Direktor der Evangelischen Akademie in Loccum. Zuvor arbeitete er an der FEST in Heidelberg und war Pfarrer in Niedersachsen.


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