Mutig

Trauernde und ihre Sexualität
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Trauernde sind keine asexuellen Wesen. Auch sie haben ein Recht auf sexuelles Wohlbefinden.

"Und dann das leere Bett neben mir. Diese schreiende Stille nachts, wenn alle schlafen." Mit diesen Sätzen aus dem Tagebuch eines Trauernden trifft Traugott Roser den Kern seines Buches: Trauernde sind keine asexuellen Wesen.Auch sie haben ein Recht auf sexuelles Wohlbefinden. Der Autor macht sich zum Anwalt ihrer Bedürfnisse und fordert Mitmenschen und Trauerbegleiterinnen dazu auf, genau hinzuhören und Raum zu schaffen für ein Sprechen über die Sehnsucht nach verlorener körperlicher Nähe. Mutig und offen beschreibt er den Umgang von Trauernden mit ihrer Sexualität, die schmerz- wie lustvollen Suchbewegungen aus den Sumpflöchern der Verzweiflung. Selbst Themen wie Masturbation als "innige Zwiesprache mit sich selbst" auf dem "Weg zu einer neuerlichen Ich-Du Beziehung" werden nicht ausgespart.

Gleichwohl liegt dem Band ein weites Verständnis von Sexualität zugrunde. Diese wird nicht auf Geschlechtsverkehr reduziert, sondern umgreift Berührungen, Zärtlichkeit und Nähe in Phantasie und Wirklichkeit, die Trauernde in einer Zeit heftiger Emotionen erleben - einschließlich starker Verlustgefühle.

In immer neuen Zugängen wird das Thema angesteuert. Knappe Ausführungen informieren etwa über Aspekte der Sexualität (Identität, Beziehung und Bindung, Lust, Fruchtbarkeit) unter den Bedingungen der Trauer. Eingehend werden "Erfahrungen" beschrieben und unterschiedliche Trauersprachen analysiert. Signale durch Kleidung und der Umgang mit dem eigenen Körper sind hier ebenso Gegenstand wie ein Comic über jugendliche Trauer und sexuelle Identitätsfindung. Oder David und Batseba. Deren Geschichte liest Roser im Blick auf elterliche Sexualität nach dem Tod des Kindes - samt expressiver und extrovertierter Trauerreaktionen eines Vaters. Eine Meditation über Dornröschen dient schließlich als praktisch-anschlussfähiges Exempel eines Trauerprozesses: Verletzt werden, erstarren, dornige Abwehr, geküsst werden und wieder erwachen.

Doch werden nicht nur alte Geschichten neu gelesen. Gemeinsam mit Annina Ligniez erkundet Roser auch den Kommunikationsraum der einschlägigen Internetforen und Chatrooms. In ihnen suchen Leidtragende nach Orientierung und Absolution für die Sehnsucht nach neuen Partnerinnen und Partnern und bekommen dabei meist nur zu lesen, "was die Leute sagen". Tragfähiger und nützlicher erscheint dagegen das von Ligniez vorgestellte "Focusing", bei dem eigene Gefühle erst einmal wahrgenommen und sortiert werden. Ein Prozess, in dem Trauernde sich selbst näher kommen - ohne Lob oder Tadel. Immer wieder geht es auch um Filme, um Bilder für "Zärtlichkeit, Sex, Schmerz und Leidenschaft", die ein "Publikum, das im Dunklen sitzt" berühren. Eine Auswahl davon wird am Ende zwecks praktischer Begleitung von Trauernden vorgestellt, und die Leserschaft wird um weitere Hinweise gebeten. Das Buch ist ein produktiv-unabgeschlossener Impuls. Weniger als der Werbetext des Verlages es vermuten lässt, informiert der Band allerdings über Trauer nach "Ende einer tiefen Liebesbeziehung ... aufgrund von Scheidung oder Trennung". Deren Aus durch den Tod steht klar im Zentrum. Vieles lässt sich zwar auf Trauernde übertragen, die einen Menschen an das Leben verlieren. Alles aber nicht. "Ich bin ein Überlebender" - so schreibt Roser in der Einleitung. Der schmale Band ist nicht nur lesenswert für Trauerbegleiterinnen. Er kann auch Betroffenen Mut zum Weiterleben machen.

Traugott Roser: Sexualität in Zeiten der Trauer. Wenn die Sehnsucht bleibt. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, 139 Seiten, Euro 14,99.

Sebastian Kranich

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