Unscharfe Trennlinien

Theologische Konflikte werden oft in ein Nord-Süd-Schema gepresst
Die "Yoido Full Gospel Church" in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, die zur Pfingstbewegung gehört, ist eine Kirche der Superlative: Sie hat nach eigenen Angaben 750 000 Mitglieder. Ihre Kirche bietet 15 000 Sitzplätze. Sie hat 623 Missionare in 56 Län
Die "Yoido Full Gospel Church" in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, die zur Pfingstbewegung gehört, ist eine Kirche der Superlative: Sie hat nach eigenen Angaben 750 000 Mitglieder. Ihre Kirche bietet 15 000 Sitzplätze. Sie hat 623 Missionare in 56 Län
Stellungnahmen aus Kirchen der Dritten Welt sorgen oft für Unruhe in den Kirchen Europas und Nordamerikas. Dabei spiegeln sie oft nur die jeweilige nationale Kultur oder Auseinandersetzungen in den nationalen Kirchen, meint Ulrich Dehn, der an der Universität Hamburg Missions-, Ökumene- und Religionswissenschaft lehrt.

Bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), des Weltkirchenrates, die 1991 in Canberra stattfand, hielt die südkoreanische Theologin Chung Hyun-Kyung einen Vortrag. Sie forderte die Anwesenden auf, nach 2. Mose 3,5 ihre Schuhe auszuziehen. Die Theologin stützte sich auf Elemente des koreanischen Schamanismus, verglich Jesus mit dem weiblichen ostasiatischen Buddha Kwan In und berief sich zur Veranschaulichung einer Theologie des Heiligen Geistes auf die Lebenskraft Ki.

Damit löste Chung einen Skandal aus. Sie wurde des Synkretismus bezichtigt. Und es wurde der Studienprozess "Evangelium und Kultur" angestrengt, ausgehend von dem Verdacht, dass im Geschehen von Canberra und dem Denken von Chung die koreanische Kultur die Oberhand über das Evangelium gewonnen habe.

Interessant war dabei, dass der Konflikt als einer zwischen dem Norden und dem Süden wahrgenommen wurde. Stand also eine theologisch bunte, vor Synkretismus nicht zurückschreckende Christenheit der südlichen Kontinente gegen einen rechtgläubigen Norden?

Tatsächlich war Chung aber mit ihrer Theologie im eigenen Land keineswegs unumstritten. Und kurz nach ihrem Auftritt in Canberra wurde die Koreanerin an das Union Theological Seminary in New York berufen, also an eine theologische Hochschule im Norden, freilich eine sehr experimentierfreudige.

Umstrittener indischer Theologe

Schon früher hatte es theologische Kontroversen gegeben, die den Eindruck typischer Nord-Süd-Konflikte erwecken konnten: Der indische Theologe M. M. Thomas, der 1968 bis 1975 den Zentralausschuss des ÖRK leitete, erregte Anstoß mit seiner These, Gott sei in sozialen und politischen Umwälzungen immer dann aktiv, wenn es darum gehe, die Verhältnisse menschlicher und gerechter zu gestalten. Thomas sagte dies auf dem Hintergrund der Befreiung asiatischer und afrikanischer Staaten vom Kolonialismus. Aber der Widerspruch ließ nicht lange auf sich warten. Er kam besonders von deutschen Theologen, die eine Nähe zur Volkstheologie der Nazis sahen oder Thomas vorwarfen, Theologie mit linken entwicklungspolitischen Positionen zu vermengen.

Aber es gab auch andere Stimmen. So warnte der schweizerische Theologe Klauspeter Blaser davor, die Motive hinter solchen theologischen Entwürfen zu ignorieren, und plädierte für ein Verständnis von Theologie, das sich stärker auf den soziopolitischen Kontext beziehe und die Anliegen der Armen berücksichtige. Und Blaser war mit dieser Meinung in der Schweiz und in Deutschland nicht alleine. Andererseits waren Theologen wie M. M. Thomas auch in Indien und anderswo in Asien umstritten. Und die Kontroverslinien sind noch unübersichtlicher geworden, seitdem sich die Kommunikation globalisiert hat.

Die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre", die der Lutherische Weltbund und der Vatikan 1999 in Augsburg unterzeichneten, löste besonders unter evangelischen Theologen in Deutschland erhebliche Irritationen und Widerstände aus. In vielen Kirchen der südlichen Kontinente wurde die Kontroverse dagegen eher leidenschaftslos und als ein typisches Problem des Westens wahrgenommen.

Die ökumenische Bewegung hat heute Methoden gefunden, sich in Fragen der Lehre zusammenzuraufen und zu Aussagen zu gelangen, die für alle akzeptabel sind, Aussagen so zu kumulieren, oder öffentlich so zu akzentuieren, dass es eine überbrückbare Differenz gibt. Die Formel, die dieses Vorgehen beschreibt, lautet: We agree to disagree, "wir stimmen darin überein, dass wir nicht übereinstimmen." Diese Methode kann an den Entstehungsprozessen wichtiger ökumenischer Konsenstexte nachgezeichnet werden, wie dem ÖRK-Text zu "Taufe, Eucharistie und Amt" von 1982, der "Lima-Erklärung" und der damit verbundene Liturgie, oder der Missionserklärung des Weltkirchenrates "Gemeinsam für das Leben" von 2012. Diese Texte wurden in langen multikonfessionellen und multikulturellen Diskussionsprozessen ausgefochten. Und in ihnen verliefen die Trennlinien keineswegs immer zwischen Norden und Süden. Keine scharfe Trennlinie, aber eine Akzentverschiebung wurde im Zuge des "Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung" sichtbar: Dieser begann mit den Entscheidungen der ÖRK-Vollversammlung in Vancouver 1983 und den darauffolgenden Aktivitäten und Konferenzen. Er war zunächst eine mitteleuropäische Initiative der Friedensbewegung gegen den Rüstungswettlauf und die Konfrontation der beiden großen Blöcke. Aber seit der Ökumenischen Weltversammlung von Seoul 1990 verschob sich die Gewichtung zum Gerechtigkeitsthema, das von außereuropäischen Kirchen und ihren Delegierten verstärkt wurde. Ihnen brannten die soziale Situation ihrer Länder mehr unter den Nägeln als die in Europa stationierten Raketen.

In vielen Ländern gibt es liberalere Kirchen, die ungebrochen zur Zusammenarbeit mit dem Weltkirchenrat bereit sind, und zugleich Kirchen, die evangelikalen Strömungen zuzurechnen sind und sich dem ÖRK nicht anschließen möchten. So gibt es in Südkorea einen Nationalen Kirchenrat, der sich am Weltkirchenrat orientiert, und einen evangelikalen Christlichen Kirchenrat. Und diese Doppelung, die sich auch in anderen Ländern findet, bildet oft die Unterschiede ab, die - oberflächlich gesehen - gerne den Unterschieden der Kirchen des Nordens und des Südens zugeschrieben werden.

Reizthema Homosexualität

Zwischen ihnen führen meistens weniger Lehrfragen zu Konflikten, sondern unterschiedliche kulturelle Hintergründe: So stehen deutsche Missionswerke in Partnerschaft mit Kirchen in Afrika, die die "Beschneidung" von Mädchen pflegen. Hinter diesem euphemistischen Ausdruck verbirgt sich die Genitalverstümmelung von Mädchen oder jungen Frauen, die oft zu schweren seelischen Traumata und unheilbaren Krankheiten führen. Meist dem afrikanischen Islam zugeschrieben, der die "pharaonische Beschneidung" ebenfalls kennt, ist sie auch in christlichen Konfessionen üblich, orthodoxen, evangelischen und anderen. Und sie ist ein brisantes Thema, wenn sich Vertreter europäischer und afrikanischer Kirchen begegnen. Aber die evangelische Mekane-Yesus-Kirche Äthiopiens betreibt eine Kampagne zur Aufklärung über diese absolut überflüssige und brutale Tradition, so wie das auch die meisten islamischen Verbände tun.

Ein anderes Reizthema sind in der Ökumene Homosexualität und die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Paare. Aber auch hier ist keine klare Nord-Süd-Unterscheidung erkennbar. In der Ökumene ist das Verhältnis der Kirchen zu diesem Thema deutlich in die gesamtgesellschaftliche Stimmung des jeweiligen Landes eingebettet. In Afrika kriminalisieren 38 von 55 Ländern homosexuelle Handlungen. Und auch die dortigen Kirchen verurteilen sie, in anglophonen Ländern stärker als in frankophonen. 2010 lehnte die evangelisch-lutherische Kirche Tansanias in der "Dodoma-Erklärung" die gleichgeschlechtliche Ehe ab. Sie kritisierte die Schwedische Kirche, die eine lesbische Pfarrerin zur Bischöfin von Stockholm gewählt hatte, und fragte, ob es noch möglich sei, die Partnerschaft zu einer solchen Kirche aufrechtzuerhalten.

Die römisch-katholischen Bischöfe Zimbabwes wagten sich dagegen vor drei Jahren mit einem Hirtenbrief verhältnismäßig weit vor: Der drastischen homophoben Kampagne von Präsident Robert Mugabe setzten sie eine differenzierte Stellungnahme entgegen. Sie verurteilten jede Art von Diskriminierung, bekräftigten aber auch die offizielle römisch-katholische Position, die homosexuelle Neigung als "objektiv ungeordnet" wertet.

Das Thema Homosexualität bleibt im ökumenischen Dialog brisant. Die zwischenkirchlichen Beziehungen stehen hier vor einer Belastungsprobe, wie die Dodoma-Erklärung der lutherischen Kirche Tansanias zeigt. Und während der Vollversammlung des Weltkirchenrates, die vor zwei Jahren im koreanischen Busan stattfand, beherrschten radikal-evangelikale koreanische Christen die Schlagzeilen, die gegen eine Anerkennung von Homosexualität durch den Weltkirchenrat protestierten, die es gar nicht gibt.

Auch die Zulassung von Frauen zum Pfarramt ist innerhalb der Weltchristenheit umstritten. Aber auch hier verlaufen die Trennlinien nicht einfach zwischen Nord und Süd.

Starke Kritik wird von rechtsevangelikalen Kreisen auch an Konsenstexten wie der Missionserklärung "Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt" geübt, die der Weltkirchenrat, die evangelikale Evangelische Weltallianz und der Päpstlicher Rat für interreligiösen Dialog 2011 verabschiedeten und die einen Verhaltenskodex für missionarisches Handeln vorsieht. Sie bedeutet nach Ansicht jener Kreise eine Verwässerung des Missionsauftrags zugunsten von Dialog und Zufriedengeben mit dem religiösen Status quo. Faktisch werde auf Mission verzichtet, lautet der Vorwurf, Sünde auf politische Koordinaten wie Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit reduziert, und man kenne keinen "Sündenheiland" mehr.

Andere Themen wie das Engagement gegen den Klimawandel, die Folgen der Globalisierung und für eine neue Wirtschaftsethik spielen in den Begegnungen von Kirchen des Nordens und des Südens eine wichtige Rolle. Aber bei vielen theologischen Debatten ist es, auch dank der Globalisierung der Kommunikation, nicht mehr so wichtig, ob die Beiträge aus dem Süden oder dem Norden kommen.

Zu neuen Kontroversen dürfte das weltweite Erstarken der pfingstlerisch-charismatischen Kirchen führen.

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Ulrich Dehn

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