Liebe am rechten Rand

Ein Punktum
Ich wollte nur Musik hören - doch plötzlich war ich zu Gast bei einem Nazi-Paar...

Das Schöne am Internet ist, dass man während des Schreibens am Rechner immer so ziemlich jedes Lied hören kann, das einem gerade durch den Kopf geht. Jüngere Menschen nutzen dazu Streamingdienste. Dem angehenden Silver Surfer, der nicht immer gleich der ganzen sozialen Netzwelt verkünden will, was er da gerade hört, reicht in der Regel Youtube.

Das ist doch eine herrliche Einrichtung: Man schreibt und denkt vor sich hin, plötzlich kommt einem ein Lied in den Sinn, und man kann mal schnell bei Youtube gucken, ob es das nicht schon irgendein freundlicher Mitmensch hineingestellt hat. Manchmal ist es der Mitschnitt eines Live-Auftrittes, mal der Original-Videoclip (doch, die gibt es noch, auch im Post-MTV-Zeitalter). Am nettesten sind aber die selbstgebastelten Videoclips, bei denen irgendwer seine Diashow zur Musik abspielt. Vieles ist kitschig, ohne Frage, aber gerade wenn es um Liebeslieder geht (geht ja fast immer darum), dann erwärmt es doch das Herz, wenn sie ihm oder er ihr ein modernes Sträußchen aus Tönen und Bildern flicht und es für alle sichtbar auf ihr oder sein virtuelles Fensterbrett stellt.

So sorgte auch der seichte Popsong einer deutschen Band neulich für gute Laune, und man freute sich mit dem Mädchen, das ihrem Liebsten mit dem Lied und ein paar privaten Fotos dazu eine Freude machen wollte ... Aha, die beiden im Freizeitpark. Und in der gemeinsamen Wohnung? Süß, irgendwie ... Aber hoppla, was sind das für Kommentare unter dem Clip? Irgendwer beschwert sich über Nazis. Nein, das Lied ist unverdächtig, kein Rechtsrock, alles Mainstream und heiter. Ok, das Mädchen ist blond, der Mann ist kräftig und kurzhaarig, aber kein Skin ... doch was ist das für eine Urkunde im Hintergrund an der Wohnzimmerwand? Ist das ein Reichsadler, der darauf schwebt? Und was ist mit seinem Tattoo? Sind das Runen? Und dieser Baseballschläger ... hmm. Das Liedchen plätschert dahin, die Fotos wiederholen und der Verdacht erhärtet sich: Wir sind offenbar am rechten Rand gelandet. Guten Tag, liebes Nazi-Paar!

Woher kommt plötzlich das schlechte Gefühl? Haben Nazis kein Recht auf eine glückliche Liebe? Doch, doch, wobei man sich schon fragt, ob man gleichzeitig einen Menschen lieben und Flüchtlinge hassen kann. Oder ist das jetzt schon wieder linksliberale Arroganz? Stecke ich die beiden zu schnell in eine Schublade? Guck nochmal genau hin! Geht nicht mehr, das fühlt sich voyeuristisch an, die Nazis ganz privat, als nettes Paar, geben unschuldig Einblick in ihre Zweisamkeit. Wissen sie, was sie tun? Will man das sehen?

Nein, will ich nicht. Egal, ob sie noch oder nicht mehr oder doch nur ein bisschen rechtsaußen sind - allein das Nachdenken darüber, verleidet mir den Spaß an dem Lied, dass ich gerne mag. Natürlich dürfen sie es auch mögen. Aber ich muss es nicht wissen. Klick, klick, weg hier. Und das nächste Mal wird die CD eingelegt ...

Stephan Kosch

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