Zeitdokument

Walser Ende der Siebzigerjahre
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Wie schon in den früheren Tagebüchern bekommt der Leser auch hier einen lebhaften Eindruck von der Härte des Kulturbetriebs und von den menschlichen Unzulänglichkeiten prominenter Kulturschaffender.

Die Tagebücher Martin Walsers aus den Jahren 1979 bis 1981 markieren einen wichtigen Einschnitt im Leben des Schriftstellers. Waren die vorangegangenen Bände eins bis drei stets mit "Schreiben und Leben" übertitelt, so heißt nun der vierte Band "Leben und Schreiben", und Walser räumt damit dem Leben die Priorität gegenüber seiner Profession und Leidenschaft ein. Der Autor ist zur Zeit der Abfassung über fünfzig Jahre alt, hat gerade mit der Novelle "Ein fliehendes Pferd" den Anschluss an die stets auflagenstarken Kollegen wie Günther Grass und Siegfried Lenz gefunden und kann sich eigentlich sicher sein, seinen Rang und Platz im Kulturbetrieb eingenommen zu haben.

Doch die Selbstsicherheit will sich nicht recht einstellen, wenn er schreibt: "Ich könnte so weitermachen. Der Mittelstand, der lesende, der anspruchsvollere Teil des lesenden Mittelstandes, würde mir mehr und mehr zuschauen, freundlich gesonnen." Um Walsers Gesundheit steht es in dieser Zeit nicht mehr zum Besten. Herzbeschwerden haben sich eingestellt und signalisieren, dass dem Schriftsteller die Strapazen der freiberuflichen Existenz und die beinahe gesetzmäßigen Bestätigungen und Enttäuschungen einmal zu viel werden könnten.

Wie schon in den früheren Tagebüchern bekommt der Leser auch hier einen lebhaften Eindruck von der Härte des Kulturbetriebs und von den menschlichen Unzulänglichkeiten prominenter Kulturschaffender. Deutlicher noch als in den früheren Aufzeichnungen wird indes, wie weit Martin Walsers Leben in das Familienleben eingelassen ist und wie sehr ihm das Haus am Bodensee zur Kraftquelle geworden ist.

Der engagierte Autor beginnt sich gerade auch aus der Phalanx der linken intellektuellen "Denker und Lenker" zu lösen und findet mit seinen weiteren Romanen, Essays und Reden zu einem bodenständigen "Skeptizismus". Zudem macht er mit der kleinen Erzählung Dorle und Wolf auch öffentlich, wie sehr ihm die deutsche Teilung eine schmerzhafte Wunde geblieben ist. So bereitet sich in diesen Tagebüchern gedanklich und sprachlich vor, womit Walser dann Ende der Achtzigerjahre, Anfang der Neunziger auf der Höhe der Zeit war.

Gerade auch weil Walser den Gedanken an die Nation nicht aufgeben will, bleibt Ausschwitz für ihn ein nicht abschließbares Thema, von dem sich keiner mit historischen Erklärungen und Zuschreibungen dispensieren könne. Bereits unter dem 8. Juli 1979 schreibt er im Entwurf für eine Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Zeichnungen von Häftlingen des Konzentrationslagers Auschwitz: "Was in Auschwitz getan wurde, gehört zu unseren andauernden Aufgaben. Keiner von uns kann sich über den Lagerboden erheben und sagen, dass ein paar Psychopathen oder ein paar deutsche Kleinbürger gewesen oder Bürger oder sonst welche, mit denen er nichts zu tun habe. Wir haben mit denen zu tun."

Doch neben das Bewusstsein kollektiver Verbundenheit eines engagierten Schriftstellers tritt sehr deutlich das Gefühl familiärer Bindung eines Ehemannes, Vaters und dann auch Großvaters: "Gerade geboren, vollkommen heilig. Das sieht man. Man kann angesichts eines Neugeborenen nicht anders als fromm werden. Es gibt nichts Größeres als dieses Kleinste. Alles andere ist schon um das verdorbener, als es älter ist. Der jeweils Jüngste ist der Wichtigste."

Martin Walser: Schreiben und Leben. Tagebücher 1979 bis 1981. Rowohlt Verlag,Reinbek bei Hamburg 2014, 701 Seiten, Euro

Friedrich Seven

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