Liebende Austern

"Wunderbar"
Bild
Eine wunderbare Gelegenheit, den Komponisten neu zu entdecken...

Haben Sie schon einmal über das Liebesleben von Goldfischen, Quallen oder Austern nachgedacht? Nein, noch nie? Das müssen Sie auch nicht, denn Cole Porter hat es längst getan und sogar ein Lied darüber geschrieben: "Let's do it", 1928 in Paris uraufgeführt, eine witzig-doppeldeutige Ode an die Freuden der Zweisamkeit.

Manche nennen Cole Porter den größten Songwriter aller Zeiten, und es fällt schwer, dagegenzuhalten. 800 Lieder hat der 1891 geborene Amerikaner geschrieben, darunter 40 Musicals für den Broadway und Hollywood wie "Anything Goes" oder "Kiss Me, Kate". Interpretiert von Judy Garland oder Fred Astaire, Bing Crosby, Grace Kelly, Frank Sinatra oder Hildegard Knef wurden seine Stücke zu Klassikern der Moderne.

Doch wie das so ist mit "Klassikern": Auch sie tendieren dazu, irgendwann Staub anzusetzen, der schließlich den Glanz vergangener Tage unter sich verbirgt. Eine wunderbare Gelegenheit, den Komponisten neu zu entdecken, ist die neue CD des John Wilson Orchestra. "Cole Porter in Hollywood" versammelt ein paar Evergreens wie "Wunderbar", "Easy to love" oder "Begin the beguine", aber auch mehrere weniger bekannte Arbeiten. Keine "Greatest Hits", sondern ein musikalisch gut durchdachter Streifzug durch Porters vielfältiges Schaffen.

John Wilson ist genau der richtige Mann dafür, denn er arbeitet nicht nur mit den großen Orchestern der Welt, sondern hat zugleich ein großes Faible für Filmmusiken. Nicht zuletzt hat MGM, die Filmgesellschaft mit dem brüllenden Löwen, ihn beauftragt, die verloren gegangen Orchestrierungen ihrer berühmtesten Musicals zu rekonstruieren - viele davon natürlich mit der Musik von Cole Porter.

"In Hollywood" stellt einige dieser neuen alten Versionen vor - wie schon der Titel verheißt, hält sich das John Wilson Orchester überwiegend an die Filmfassungen der Stücke. Doch mitunter hat sich John Wilson auch genau umgekehrt entschieden. "Begin the beguine" etwa kommt nicht als dick aufgetragene Leinwandschmonzette daher, sondern in einer rasanten Swingversion, die gleich in die Beine geht.

Film-, Musical- und Jazzfans kommen hier gleichermaßen auf ihre Kosten - und obendrein alle Musikliebhaberinnen, die Songs mit feinsinnigem Humor zu schätzen wissen. Das Eingängige, oberflächlich Glitzernde mit tieferen Ebenen zu verbinden, die sich textlich wie musikalisch erst bei genauem Hinhören erschließen, war Cole Porters große Kunst. In dieser Hinsicht ist er wohl tatsächlich unübertroffen.

Cole Porter in Hollywood: The John Wilson Orchestra. Warner Classics 0825646276806

Ralf Neite

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen