Lohnenswert

Ökumenischer Sammelband
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In diesem Band zum Reformationsjubiläum ergänzen sich evangelische und katholische Perspektiven auf anregende und herausfordernde Art.

Das bevorstehende Reformationsjubiläum 2017 hat auf dem deutschen Buchmarkt Jahre zuvor begonnen. Schon 2009 legte Thomas Kaufmann seine Geschichte der Reformation vor; 2012 folgte die große Lutherbiographie von Heinz Schilling. Neben solchen Gesamtdarstellungen ist auch Platz für Beiträge zu Einzelaspekten des Großereignisses Reformation und seiner Auswirkungen. So erschien jetzt ein Sammelband, der auf eine Tagung der beiden Theologischen Fakultäten der Universität Bochum im September 2013 zurückgeht und über weite Strecken die Lektüre lohnt.

Das hat vor allem mit seinem Leitmotiv zu tun, verbindet er doch den Rückblick auf die Reformation mit den aktuellen Reformdebatten der beiden großen christlichen Kirchen hierzulande, die leider immer noch zu sehr mit dem Rücken zueinander geführt werden. In dem Band ergänzen sich evangelische und katholische Perspektiven vielfach auf anregende und herausfordernde Art und Weise.

Die thematische Bandbreite umfasst den Umgang mit der Heiligen Schrift, die Rolle von Predigt, Musik und Liturgie, das Kirche-Welt-Verhältnis sowie schließlich die ausdrückliche Frage nach der Kirchenreform. Den Anfang macht ein ausgesprochen instruktiver Beitrag von Ute Gause und Wilhelm Damberg über Stationen der neueren evangelischen und katholischen Deutungsgeschichte der Reformation, der in die Feststellung mündet: "Zu Beginn des 21. Jahrhunderts beginnen die deutschen Großkirchen in voller Breite zu realisieren, wie sehr sich das religiöse Feld seit den 1960erJahren auf Dauer verändert hat, und dass sie folglich allen Grund haben, das Wort Gottes auf diese Zukunft hin neu zu befragen."

Geradezu vorbildlich gelingt es dem katholischen Neutestamentler Thomas Söding, das Potenzial des paulinischen Kirchenbildes von der Kirche als "Leib Christi" für die ökumenische Diskussion zu erschließen. Die vier Dimensionen der Rede vom Leib Christi, die er namhaft macht (Christus und Kirche, Einheit und Vielfalt, Kirche und Welt, Hierarchie und Charisma), werden Kriterien zur theologischen Beurteilung kirchlicher Reformprozesse. Die heutige Situation erlaube es, die verschiedenen konfessionellen Erfahrungen zu sammeln, zu klären und miteinander ins Gespräch zu bringen.

Bemerkenswert ist auch der Beitrag von Peter Bubmann zum geistlichen Lied als "Medium ökumenischer wie (neo-)konfessioneller Profilierung und Spiegel der Transformation von Religion und Kirche in der Spätmoderne" (so der Untertitel). Bubmann konstatiert zu Recht eine "Ökumene der Krise des Singens" und sieht die Musik eher als "Teil des Steuerungsproblems pluraler spätmoderner Kirchen" denn als dessen Lösung. Beim Blick auf die (katholische) Reformgeschichte fördert Jürgen Bärsch Interessantes zur nachtridentinischen Liturgiereform und ihrer Rezeption in der Barockzeit zu Tage. Christoph Strohm steuert zu dem Band aufschlussreiche Überlegungen zum Kirche-Welt-Verhältnis aus konfessionsvergleichender Perspektive bei.

Wohltuend ist schließlich der Blick der evangelischen Praktischen Theologin Isolde Karle auf Möglichkeiten und Grenzen von Reformprozessen in ihrer Kirche, die sich mutatis mutandis durchaus auf die entsprechenden katholischen Bemühungen übertragen lassen. Sie plädiert dabei für eine Kirche, die vor allem auf ihre lokale Präsenz Wert legt, Menschen nicht mit zu viel Marketing oder Mission zu nahe auf den Leib rückt, in ihrer Verkündigung "zwischen Profil und Niedrigschwelligkeit" changiert und den diakonischen Bereich nicht vernachlässigt.

Wilhelm Damberg/Ute Gause/Isolde Karle/Thomas Söding (Hg.): Gottes Wort in der Geschichte. Reformation und Reform in der Kirche. Verlag Herder, Freiburg 2015. 336 Seiten, Euro 25,-.

Ulrich Ruh

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