Hallo, Halloween!

Plädoyer für ein unter Protestanten ungeliebtes Fest
Natürlich muss am Reformationstag in den evangelischen Kirchen an Luther erinnert werden. Aber ist es sinnvoll, einen Gegensatz zu Halloween zu konstruieren?

Halloween ist bei uns zu Hause noch keine Party für Erwachsene, sondern vor allem ein Kinderfest. Aber was für eins! Schon vor den Sommerferien beginnen die Kinder sich fröhlich schaudernd auszumalen, in welchem Kostüm sie diesmal durch die Straßen ziehen, Süßigkeiten einfordern, sich freuen am gruselig und laut sein. Jeder ist stolz auf seinen erbeuteten Schatz, der bis zum Adventskalender den Hunger auf Süßes stillt und Erinnerung an den verbreiteten und überstandenen Grusel weckt. Und die Vorfreude auf das nächste Mal...

Übrigens Kinder, es ist Reformationstag! Wie wäre es, wenn wir dieses Mal den ganzen Gruselkram bleiben lassen, ein paar Lutherbonbons lutschten und uns dann im Gottesdienst an Martin Luther erinnerten? Ihr wisst doch: Halloween ist reiner Kommerz, das wird hier nur wegen der amerikanischen Filme gefeiert, die ihr sowieso nicht so viel gucken sollt. Und streng genommen ist das auch ein heidnisches Fest, die toten Seelen sollen heimkehren, böse Geister durch gruselige Verkleidung und Fratzen verjagt werden. Ihr seid doch evangelisch getauft, habt ihr diesen Firlefanz denn wirklich nötig?

Ja, haben sie. Denn Kinderpsychologen und Eltern wissen, dass Kinder mindestens bis zum Vorschulalter in der so genannten magischen Phase leben, in der nicht nur Feen, Zauberer und Einhörner ständige Begleiter im Alltag sein können, sondern auch Hexen, Monster und Gespenster für Ängste sorgen, manchmal ziemlich existenzielle. Der Hinweis darauf, dass es so etwas doch gar nicht gibt, der ja sehr von reformatorisch-aufklärerischem Geist geprägt wäre, ist ein pädagogisches No-Go. Sehr hilfreich ist es aber, wenn sich die Kleinen selber zu gruseligen Objekten machen und so sich spielerisch mit dem auseinandersetzen, was sie in anderen Situationen ängstigt. Dieser Mechanismus funktioniert übrigens auch bei älteren Kindern und Erwachsenen. Warum liest man sonst freiwillig Krimis oder schaut Gruselfilme? Und was mit einer Kinderseele passiert, die in der Schule Halloween nicht mitfeiern soll, weil Reformationstag ist, kann sich jeder vorstellen.

Nun zu den gerne von kirchlicher Seite erhobenen Vorwürfen gegen das Feiern von Halloween: "Halloween ist vor allem vom kommerziellen Interesse getrieben" - Hier sollte man gelassen bleiben. Ja, es werden wohl wieder zweistellige Millionen-Beträge für Partys und Verkleidungen ausgegeben. Aber auf den Einzelnen umgelegt halten sich die Aufwendungen doch in Grenzen, kein Vergleich zu Weihnachten.

"Halloween ist ein über die Medien importiertes Import-Brauchtum und nicht kulturell gewachsen." Stimmt, Halloween ein Re-Import, der aus der keltischen Tradition über die USA und deren Filme wieder nach Europa gekommen ist. Aber Hollywood ist schon lange Teil unseres kollektiven Bewusstseins, medial ist Halloween schon lange in Deutschland angekommen, mittlerweile wird es eben auch gefeiert. Brauchtümer haben sich immer durch Begegnungen mit anderen Kulturen verändert. Der Weihnachtsbaum mit all seinen vorchristlichen Symboliken wurde ab dem 19.Jahrhundert von Deutschland aus zum weltweit beliebten Weihnachtsartikel, das 20. Jahrhundert, und seine Medien haben den Kürbis zum Exportschlager werden lassen. Was das 21. Jahrhundert wohl bringt? Vermutlich irgendetwas aus China ...

"Halloween ist heute ein (neu)-heidnisches Fest." Sicher, die Ursprünge liegen vor der Christianisierung Europas, der Winteranfang wurde gefeiert, magische Rituale und vielleicht auch Menschenopfer sollten böse Geister vertreiben. Mit Papst Gregor wurde das alles in christliche Bahnen gelenkt, der 1. November zum Allerheiligen-Tag, der Abend davor zum "All-Hallows'-Evening". Aber auch Feste, die vorchristliche Wurzeln haben, dürfen gefeiert werden. Schließlich teilt Halloween dieses Erbe mit Weihnachten und Ostern. Und beide Feste werden in einer immer stärker säkularisierten Gesellschaft auch von nichtreligiösen Menschen ohne Bezug auf christliche Inhalte gefeiert. Aber stellt deshalb jemand Weihnachten oder Ostern in Frage?

"Es ist Reformationstag." Ja, das ist wahr und wahrscheinlich liegt hier das Hauptproblem des gestandenen Protestanten mit Halloween. Natürlich muss an diesem Tag in den evangelischen Kirchen an Luther und die Reformation erinnert werden. Aber ist es sinnvoll, einen Gegensatz zu Halloween zu konstruieren? Es gilt zunächst gelassen zu konstatieren: Das Gruselfest ist den meisten Menschen mittlerweile näher als der Reformator. Die Herausforderung liegt nun darin, die Bedeutung der Reformation diesen Menschen irgendwie näher zu bringen. Dazu gibt es 365 Tage im Jahr, und bald das Jahr 2017 mit all seinen Feierlichkeiten. Das ist eine große Chance für die Protestanten, die befreienden Inhalte ihres Glaubens weiterzugeben. Aber den Spaß am Gruseln müssen sie dafür niemandem verleiden.

Stephan Kosch ist zeitzeichen-Redakteur.

Stephan Kosch

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