Große Nähe trotz aller Ferne

Über die Möglichkeiten, Chancen und Grenzen der Seelsorge im Internet
Jesus (2014). Foto: Thorsten Nerling
Jesus (2014). Foto: Thorsten Nerling
Seelsorge im Internet - geht so etwas überhaupt? Ja, sagt Sven Waske, Leiter der Online-Redaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Der Theologe hält es für wichtig, dass die Kirche auch seelsorglich im Netz präsent ist. In Sachen Vertraulichkeit gibt es allerdings noch technische Probleme.

Es sind Erinnerungsvideos. Sie erzählen von Schwangerschaft und Geburt, von Freud und Leid. Und sie sind eine Form der digitalen Trauerarbeit - anscheinend nicht nur der verwaisten Eltern, die ihr "Sternenkind" während der Schwangerschaft, der Geburt oder kurz danach verloren haben. Sind es Verwandte und Freunde, andere betroffene Eltern, einfach nur Menschen im Netz, die die Sternenkinder-Videos kommentiert haben? Etwa 13.100 solcher Videos sind auf dem Online-Portal youtube.com unter dem Suchwort "sternenkind" zu finden. Über zwei Millionen Mal wurden die zehn meistgesehenen Videos abgerufen.

In der "Ratgeber-Community" gutefrage.net reichen die Fragen der Eltern von organisatorischen Bestattungsfragen bis zur medizinischen Ursachenforschung, von Segenswünschen bis zur Theodizeefrage. So schreibt eine junge Frau von ihrer erneuten Schwangerschaft. Die Fehlgeburt ihres ersten Kindes liegt erst wenige Monate zurück. Im Internet sucht sie nach Antworten auf ihre Fragen. Die werdende Mutter hofft auf Menschen mit ähnlichen Erfahrungen. Und sie erzählt online von ihren Ängsten, das Baby wieder zu verlieren.

Seit der Ausbreitung des Internets in den Neunzigerjahren und der zunehmenden Digitalisierung von Lebensvollzügen sind auch Themen der Seelsorge im Netz präsent. Das Beispiel der Sternenkinder zeigt dies. Neben den gewohnten Formen der Trauerarbeit entstehen neue, digital gestützte Formen. Schon der Brief, der seit der Antike ein Medium der Seelsorge war, und die seit 1956 auch in Deutschland entstandene Telefonseelsorge machen deutlich, dass technisch gestützte Kommunikationsformen der Seelsorge neue Möglichkeiten eröffnen können.

Häufig werden dabei neue seelsorgliche Formen zunächst in Spannung zu den gewohnten wahrgenommen. So wurde in der Seelsorgeausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern in den vergangenen Jahrzehnten häufig ein Schwerpunkt auf die mündliche, synchrone und physisch präsente Kommunikation zwischen zwei Gesprächspersonen gelegt. Die Ungleichzeitigkeit der Seelsorge mittels Brief war dort weniger im Blick. Die Anonymität der Beteiligten oder das auf das gesprochene Wort reduzierte Seelsorgegeschehen wird vor allem in spezialisierten Aus- und Fortbildungen beispielsweise der Telefonseelsorge reflektiert. Und auch unter kirchlichen Online-Seelsorgerinnen und -Seelsorgern wird über die Chancen und Herausforderungen von Anfang an debattiert.

Online wählen, was passt

Hilfesuchende sind dabei nicht an kirchliche Grenzen und Zuständigkeiten gebunden: Die Beratungsstelle in der nahegelegenen Großstadt ist vielleicht bekannter als das Angebot vor Ort, der Pfarrerin der Nachbargemeinde begegnet man als Seelsorgesuchender nicht auf dem nächsten Gemeindefest und die meditativen Angebote bei der Volkshochschule sowie die Gespräche mit dem Kursleiter werden als praktische Lebenshilfe erfahren. Auch online wählen Interessierte das Angebot aus, das für sie am besten passt: vielleicht die Chatseelsorge, die sie über Google finden oder von Bekannten empfohlen bekommen; vielleicht die "Ratgeber-Community", die am einfachsten funktioniert und den größten Nutzen verspricht; vielleicht den landeskirchlichen Onlineseelsorger, dessen Profil zur Situation thematisch passt und dessen Foto einen so sympathischen Eindruck macht. Nicht alle Angebote zwischenmenschlicher Hilfe und psychosozialer Dienstleistungen sind - online wie offline - dabei als Seelsorge zu bezeichnen. Aber selbst kirchliche Seelsorge ist in der Praxis vielfältiger als das vertrauliche Gespräch zwischen Pastor und Gemeindeglied im geschützten Raum unter vier Augen und Ohren.

Untersuchungen zur Onlinenutzung belegen, dass digitale Kommunikationskanäle von weiten Teilen der Bevölkerung selbstverständlich genutzt werden. Vier von fünf Bundesbürgern senden nach Erhebung von Eurostat E-Mails. 59 Prozent haben sich im Jahr 2013 im Netz gesundheitsrelevante Informationen beschafft. Und fast dreiviertel der Personen in Deutschland haben im Jahr 2014 das Internet täglich genutzt. Dabei steigt die Zahl der mobilen Nutzung per Smartphone, Tablet oder Laptop weiter kontinuierlich an. Im vergangenen Jahr waren in Deutschland bereits die Hälfte der Deutsch sprechenden Onlinenutzer ab 14 Jahren zumindest gelegentlich mobil im Internet, so die ARD-ZDF-Onlinestudie.

Erste Ergebnisse der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) hinterließen im vergangenen Jahr den Eindruck, dass religiöse Themen im Netz nur geringe Bedeutung haben. Doch machte die Tübinger Theologieprofessorin Birgit Weyel in einem Interview zur Studie deutlich: "Wir haben keine Mediennutzungsstudie gemacht oder eine Umfrage zu Religion im Internet." Aus den Ergebnissen der KMU zu folgern, dass Religion fürs Internet kein Thema ist, sei aus ihrer Sicht ein Fehlschluss. "Wenn zum Beispiel junge Paare einen Trauspruch suchen oder ein Mensch in einem Lebensberatungsforum Hilfe sucht - das ist auch ein Austausch über religiöse Themen. Nur wird es häu?g von den Betroffenen nicht als religiöse Kommunikation identi?ziert", betont die Professorin für Praktische Theologie und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der fünften KMU.

Dass auch kirchliche Seelsorgeangebote im Netz angenommen werden, zeigt die Nutzung der bestehenden - oft vornehmlich ehrenamtlich getragenen kirchlichen Dienste. Die Chatberatung der Telefonseelsorge ist fast durchgehend ausgelastet. Auch Chatseelsorge.de und andere landeskirchliche Anbieter seelsorglicher Chat- oder Webmail-Angebote im Netz stoßen nach eigenen Angaben an ihre Grenzen - und das, obwohl sie meist ohne das im Internet sonst so massiv eingesetzte Marketing-Budget auskommen müssen.

Solche kirchlichen Angebote sind nach Einschätzung des Berner Theologen Christian Morgenthaler "oft näher bei den traditionellen, an institutionelle 'Orte' gebundenen Formen der Seelsorge, als dies auf den ersten Blick scheint". In seinem Seelsorge-Lehrbuch sieht der Berner Professor für Seelsorge und Pastoralpsychologie "mediale Seelsorge" als eine kreative kirchliche Antwort auf veränderte Kommunikationstechnologien und Kommunikationsgewohnheiten. In der Seelsorge entstünden neue Freiräume, durch die es möglich wird, "unterschiedliche Kommunikationsbedürfnisse zu befriedigen, klassische und neue elektronische Kommunikationsformen der Seelsorge situationsgerecht und interessenspezi?sch einzusetzen."

In der Praxis heißt das dann auch: Beru?ich und ehrenamtlich Mitarbeitende der Kirche werden über digitale Kanäle mit seelsorglichen Themen direkt angesprochen. Da erhält der Gemeindepfarrer kurz nach dem Bestätigen der Facebook-"Freundschaftsanfrage" der jungen Mutter aus dem Krabbelgottesdienst auch eine persönliche Nachricht zu den familiären Geldsorgen. Das Team der nächsten Ferienfreizeit organisiert sich nicht nur per WhatsApp, sondern bei Liebeskummer wird die Diakonin auf diesem Kanal auch direkt von Einzelnen angesprochen.

Hinzu kommt die Suche nach Formen ritueller Begleitung in der Online-Seelsorge. So bietet seit 2009 trauernetz.de zum Ewigkeitssonntag Online-Andachten an, in denen die Namen Verstorbener im Chat eingeblendet werden. "In den letzten Jahren wurde dieses Angebot besonders von Menschen wahrgenommen, deren Angehörige oder Freunde vor längerer Zeit gestorben sind. Auch wenn die Gemeinde der Verstorbenen zu weit vom Wohnort der Angehörigen entfernt ist, um dort am Ewigkeitssonntag am Gottesdienst teilnehmen zu können, bietet die Chatandacht im Internet eine Möglichkeit, so namentlich der Toten zu gedenken", so die Veranstalter.

Seelsorge in der digitalen Gesellschaft ist also mehr als die Online-Verlängerung der Telefonseelsorge per Chat oder das Web-Seelsorgeangebot einer Landeskirche. Eine Begrenzung von Seelsorge im Netz auf bestimmte Kommunikationskanäle oder festgelegte regionale Einzugsbereiche wird (fast) unmöglich.

Die Digitalisierung betrifft alle Menschen, die Seelsorge suchen oder beru?ich wie ehrenamtlich Seelsorge anbieten - sei es im Netz oder von Angesichts zu Angesicht am Krankenbett, im Pfarrhaus oder beim Waldspaziergang. Und sie stellt Seelsorgerinnen und Seelsorger dabei vor neue Anforderungen. Zwei Beispiele illustrieren dies:

Die meisten digitalen Kommunikationsformen sind für Behörden, Unternehmen oder selbst für einzelne Computerspezialisten technisch meist relativ einfach auszuwerten, ganz gleich ob E-Mail oder sms, WhatsApp oder Facebook und Co. Das liegt an fehlender oder mangelhafter Verschlüsselung. Zwar ist es technisch ohne weiteres möglich, die im Internet übertragenen Inhalte - also zum Beispiel Texte, Bilder, Telefonate, Videos - so zu "verpacken", dass sie auf absehbare Zeit nur von demjenigen einzusehen sind, der den passenden Schlüssel für das "digitale Schloss" hat. Doch werden zum Beispiel noch immer die meisten E-Mails ohne solch einen sicheren "Briefumschlag" versendet. Viele andere Inhalte werden zwar verschlüsselt im Netz übertragen, aber der "Schlüssel" liegt bei den Unternehmern und nicht bei den Nutzern.

Das Handy hört mit

In der Praxis bedeutet dies, dass beispielsweise Seelsorge über die Chatplattform WhatsApp datenschutzrechtlich in der EKD nicht möglich ist. Aber wie kann die Diakonin mit der Seelsorgeanfrage ihrer Ehrenamtlichen dann umgehen? Wird sie antworten und sich vielleicht sogar sicher fühlen, weil WhatsApp bei Smartphones mit dem Google-Betriebssystem Android mittlerweile von Endgerät zu Endgerät verschlüsselt? Wird sie nicht antworten, weil sie von der Verschlüsselung nichts weiß oder diese nur begrenzt wirksam ist? Vielleicht wird die Diakonin auch auf das persönliche Treffen mit der jugendlichen Mitarbeiterin in wenigen Tagen verweisen. Aber ob das Thema bis dahin Zeit hat?

Immer mehr technische Geräte sind ferner mit einer Sprachsteuerung ausgestattet. Das Smart-TV wechselt den Fernsehkanal auf Kommando, die E-Mail lässt sich per Sprachdiktat und -steuerung per Smartphone versenden. Das Problem: Die Mikrofone der Handys hören auch bei Seelsorgegesprächen im Amtszimmer des Pfarrers zu. Denn um aus Sprache Computerbefehle zu machen, muss das Mikro-fon ständig lauschen. Meist überträgt das Handy dazu das Gehört dauerhaft an den Service-Anbieter. Der hat technisch die Möglichkeit, die Inhalte auszuwerten und unkontrolliert für seine Zwecke weiter zu verarbeiten.

Wie beim seelsorglichen Kurzgespräch im Krankenzimmer bedeutet dies auch im Internet: Seelsorger müssen immer wieder abwägen, was wie und wo nötig und möglich ist. Das ist eine situative und kulturelle Frage seelsorglicher Kompetenz. "Nachgehende Seelsorge" auf öffentlichen Online-Plattform wie gutefrage.net wird anders aussehen als Seelsorge auf Grund einer Facebook-Anfrage aus der eigenen Kirchengemeinde vor Ort.

In der digitalen Gesellschaft braucht es dazu aber Medienkompetenz, selbst wenn es um Kommunikation von Angesicht zu Angesicht geht. Das zeigt das Beispiel des mithörenden Smartphones. Technisch ist Datensparsamkeit, Datensouveränität und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und damit vertrauliche Kommunikation möglich. Ein unglaubliche Chance, auch in der digitalen Gesellschaft vielfältige Wege der Seelsorge zu gehen!

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Sven Waske

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